Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Tondichtungen alttestamentlicher Texte von Johann Sebastian Bach
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 987 - 988 (sequence 1)
- Language
- German
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057 9SS TONDICHTUNGEN ALTTESTAMENTLICHER TEXTE VON JOHANN SEBASTIAN BACH. Von Dr. Leopold Hirse hberg. (Schluss.) Nachdruck verboten. 11. P s a 1 m 30, V. 6. C antäte 17. Tu der lieblichen Sopran-Arie sind die Psalm-Worts (mit geringfügigster Veränderung) zu einer gereimten Strophe benutzt worden, was aber der Würde des Psalmisten durchaus keinen Eintrag tut und nur beweist, dass Bach immer wieder und wieder auf die Bibel zurückgeht. 12. Psal m 38, V. 4. Can t a t e 25. Wenn man die Urkraft Bachscher Kunst bewundern lernen will, so wende man sich diesem Chore zu. Kein neuerer Komponist würde auch nur wagen, solche der Musik so fernliegende Wort? in Töne zu bringen; aber schon die 4 Einleitungstakts mit ihrer unsäglich klagenden Melodie und förmlich herzzsrreissenden Harmonik: «9 F*=rfm »#>g/gj wobei die Bässe wie dumpfe Totenglocken anschlagen, zaubern uns den unseligen Siechen vor Augen, der da spricht: „Es ist nicht* Gesundes an meinem Leibe für deinem Dräuen". Und dann beginnt es in der Tiefe unruhig, unaufhörlich zu wogen: „Und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde": von der Qual seiner Schmerzen gepeinigt, irrt er friedlos umher. Doch niemals fehlt in einem noch so grausigen Nachtbild bei Bach das tröstende Moment; hier stimmen, während der klagenden Singstimmen, Flöten und Posaunen die liebliche Choral weise: „Herzlich tut mich verlangen" an. 13. P>alm 42, V. 2. Can täte 148. Die durch Felix Mendelssohns Tondichtung mit Recht berühmt gewordenen Worts sind von Bach nur in einem Rezitativ von 3 Takten — ohne jede Wiederholung — verwendet worden; doch selbst in diesem kleinen Raum malt der Meister durch eine leichte Koloratur das Schreien des Hirschen. 14. P s a 1 m 43. V, 5. C a n t a t e 21. Wenn P.ichard Wagner einmal äussert, dass man über Beethovens Werke nicht reden könnte, ohne in den Ton der Verzückung zu verfallen, so gilt dies auch von Bach. Und die vorliegende Psalmstelle eibt ganz besonders Veranlassung dazu, in ihren herrlichen Gegensätzen zwischen Zagen und Mut. In der Ausarbeitung, die jede Seite des Gedankens mit eifriger Liebe beleuchtet, stellt dieser Chor eine der umfangreichsten aller Bachschen Psalmenkompositionen dar. 1". Psalm 47, V. 6 u. 7. C a n t a t e 43. Auch dieser Gesang: „Gott fähret auf mit Jauchzen, und der Herr mit heller Posaune. Lobsinget, lobsinget Gott; lobsinget, lobsinget unserm Könige!" kann in Worten unmöglich geschildert werden; eine Zergliederung seiner Einzelheiten gar würde eine unentschuldbare Geschmacklosigkeit sein. Nach einer festlich-langsamen Einleitung setzt in schnellem, feurigstem Tempo eine Trompete, begleitet von den übrigen Stimmen, ein; sie gibt dem Chor, der in der Wirkung vielleicht nur mit Händeis Messias-Hallelujah und Beethovens Gloria nus der Missa solemnis zu vergleichen ist, sein eigentliches Kolorit. )A Psalm 48, V. 11. Can täte 171. Wenn wir konstatieren, dass der Meister über die 14 Worte: „Gott, Avie d?in Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Ende" eine Fusre von 78 Takten geschrieben hat, so ist damit alles g.sagt. " 17. Psalm 50. V. 23. Can täte 17. Die grossartigen letzten Worte des Assaph-Psalmes, die in dem D a n k- Opfer des Herzens, gegenüber dem götzendienerischen Brandopfer, das Heil Gottes ersehen, sind von Bach in ilirer srewaltigen Bedeutung voll und ganz aufgefasst worden. Darauf deutet schon das ungewöhnlich lange Vorspiel hin: Grosses haben wir zu erwarten. Und der Meister täuscht uns nicht. Von allen Stimmen lässt er immer wieder und wieder, und mit immer stärkerem Nachdruck die gewichtigen Worte wiederholen, und er-:t in einer langen, jubelnden Koloratur der Soprane findet er seine endliche Befriedigung. IS. Psalm 65, V. 2. C a n t a t e 120. Ein wundervolles, aber ungemein schwieriges Alt-Solo, von der lieblich sanften Oboe d'amore begleitet, singt: „Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion, und dir bezahlet man Gelübde" den Ratsherren zu Leipzig bei ihrem Wahltag vor. Wie ja häufig von Bach die Singstimme wie ein Instrument des Orchesters, und letztere als Singstimmen behandelt werden, so wird dies bei diesem Stücke ganz besonders klar. 19. Psal m 74, V. 12, 10, 17, 19. Cantate 7J. Wir haben diese Can tüte schon bei den Nummern 1, 4, 5 unseres Verzeichnisses kennen gelernt, erschöpfen aber erst jetzt ihren ganzen Reichtum. Bach verwendet für die Worte: „Gott ist mein König von alters her, der alle Hilfe tut, so auf Erden geschieht" zwei ganze Chöre, die zunächst gemeinschaftlich, von Trompeten und Oboen im Gegenspiel begleitet, hervortreten, des weitern aber sich einzeln absondern und gegenseitig antworten. Ein Bass-Arioso voller Würde im ersten, voller Kraft im zweiten Teil verkündet: „Tag und Nacht ist dein; du machest, dass beide. Sonn'' und Gestirn, ihren gewissen Lauf haben. Du setzest einem jeglichen Lande seine Grenze"; man sieht dabei den lehrenden Assaph deutlieh vor sich, in seiner Weisheit und seinem Eifer. Den Höhepunkt aber bildet ein geradezu bezauberndem Larorhetto beider Chöre; wie ein sanftes, inniges Gebet, in welchen! das Cello gleich einer Mensehenstimme spricht, erklingen die (etwas veränderten) Psalm-W^rte: „Du wolle* t dem Feinde nicht geben die Seele deiner Turteltauben", deren Girren von Flöten und Klarinetten lieblieh nachgeahmt wird. 20. Psal m 75, V. 2. Cant a t e 29. Für die Ratswahl 1731 zu Leipzig .ocesehrieben. Auf ein langes feuriges Vorspiel, von Bach „Sinfonie" genannt, folgt der kräftige freudige Chor: „Wir danken dir, Gott, wir danken dir, und verkündigen deine Wunder". 21. Psalm 80, V. 2. Cantate 104. Eines der schönsten und leichtest verständlichen Werke des grossen Meisters; jeder, auch* der Unmusikalische, wird hier sagen müssen, dass ein ungewöhnlicher Geist zu ihm spricht. Wie wunderlieblich bereitet die pastorale Einleitung auf den „Hirten" vor! Und wenn dann der Chor beginnt: „Du Hirte Israel, höre, der du Joseph hütest wie der Schafe; erscheine, der du sitzest über Cherubim", in derselben Hirtenweise, die am Anfang erklang, ohne sie, während des ganzen Satzes, auch nur ein einziges Mal zu verlassen, dann erkennen wir, wie weit die Kräfte Baohscher Musik reichen. 22. Psal m 84, V. 12. Cantate 79. Durch zahlreiche Vorführunsen*) ist gerade dieses gewaltige Werk: „Gott, der Herr, ist Sonn und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen" ziemlich bekannt geworden. Es verdient seine Popularität in vollstem Masse; denn der Meister steht hier auf der Höhe seiner Kunst. 23. Psal m 90, V. 12. Cantate 10G. Im „Actus tragicus" (vergl. Nr. 11) enthalten. Ergreifendes Tenor- Ariosolo auf die Worte: „Ach, Herr! Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden". 21. V s a 1 m 94 . V. 19. C antäte 21. „Tch hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquicken meine Seele", eine „Cantate für jede Zeit", -wie si" Bach nennt. Da versagt nun wieder das trockne Wort v'illig: und wir können nur in staunender Bewunderung davor stehen, dass Gott einem einz'gen Menschen diese Grösse verliehen hat. Eine solche, aus dem innersten Herzen *) In dem philharmonischen Chor zu Berlin..