Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Zur Ethik des Judentums
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 969 - 970 (sequence 4)
- Language
- German
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969 A. Benezra: Zur Ethik des Judentums. 970 gütiger König einherschritt, an dem jede Bewegung, jedes Wort die Vornehmheit selber war, — er war ein echtes Kind des östlichen Ghetto, durchtränkt von den edelsten Säften des jüdischen Lebens und der jüdischen Tradition. Und sicher verdanken wir es dieser inneren Ausgeglichenheit des Verfassers, dass sein Buch so hoch erhaben ist über das Gezänk des Tages. In diese hohen Regionen dringt kein Hall von dem verwirrenden und ekligen Getöse der Strasse. Das ist keine Verteidigungsschrift gegen den Antisemitismus. „Nichts ist von Apologie darin! Gewiss werden wir angegriffen. Man griff des Juden und auch des Judentums Ehre an. Die Juden mögen sich verteidigen. Das Judentum braucht keine Verteidigung!" Andere mögen sich mit Apologie befassen. Was Lazarus tat, war, dass er darlegte, wie das Judentum leben, arbeiten, kämpfen und sterben lehrt „für die Uebcrzeugung, dass einst in der Zukunft, bei geweihtem, liebevollem Zusammenschluss der Menschen, der Stämme, der Völker, der Staaten die Erlösung kommt, die messianische Idee sich erfüllen wird; in der Zukunft, wenn die Worte Recht, Liebe nicht blosses Lippenwerk, nicht bloss leerer Hauch und Rauch bleiben, sondern führende Kraft in den Herzen sein werden." DIE BEIDEN SCHWESTERN. Nachdruck verboten. Dem Jüdisch-Deutschen des J. L. Perez Vor Zeiten war es. Da wohnte in einem Dorfe, einige Meilen hinter Prag, ein Jude. Er hicss Jechiel Michel. Er war der Pächter der Dorfscliänke. Sein Gutsherr war ein Mann von vornehmer, grosszügiger Art: ein echter Graf. Da wurde es Jechiel Michel nicht schwer, sein Auskommen zu finden. Es waren gute Zeiten. Jechiel Michel brauchte nicht zu kargen. Er kam vorwärts. Zu Wohlstand und Behäbigkeit. Er mehrte sein Gut und vergass der Armen nicht. An seine Tür brauchtekein Bettler vergeblich zu Klopfen. Er war kein kleinlicher Rechner. Und wenn er zu den hohen Festtagen nach Prag fuhr, dann mussten die Gulden springen. Dabei gehörte er nicht zu den liehen und Ungebildeten. Er liebte die Lehre und die Weisheit, und er pflegte sie in seinem Hause. Das war es auch, was ihm den Kreis des hohen Rabbi crschloss, der dem Lehrhause vorstand. Er hatte das Vertrauen des Meisters. Und so durfte er einmal in einer stillen Stunde von der Kümmernis sprechen, dass Gott ihm den Sohn versagt hatte. Der Rabbi lauschte auf. .Aber bald licss er sein Haupt sinken. Denn vor dem Auge seiner Seele stieg das Bild eines Schicksals auf. Ei* erschaute, dass dorn Pächter kein Segen von den Kindern bescliieden war. Besser, dass sie nie geboren wären. Aber da er Jechiel Michel in der Trübsal sali, gab er ihm den Trost in diesem Worte: „Du wirst wohl keinen Sohn haben. Indes, wenn dir die Hilfe Gottes bleibt und die Fülle wächst in deinem Hause, dann sprich wieder zu mir. Ich werde dir einen Eidam wählen, der dir Lust und Freude sein soll/' Mit diesem Trost im Gemüt fuhr der Pächter zu den Seinen. Nun hatte er ein neues Ziel seiner Arbeit. Schaffen ohne Ermüden, den Flciss spannen, dass er bald wieder vor den Rabbi treten könnte die Erfüllung des Versprechens zu heischen. Jubel war in ihm bei all seinem Tun. Söhne waren ihm von Gott nicht bescliieden. Nun, so würde er sich laben an den Schwiegersöhnen, den Jüngern der heiligen Lehre. Denn wen könnte der Meister sonst wählen fürseinebeidenTöchter? Und Gottes Segen war in seinem Werke. Es mehrte sich sein Gut, und ein harter Taler klang gegen den andern. Da sprach Jechiel Michel zu seinem Weibe: „Nun ist die Zeit gekommen. Wir können Nechamah verheiraten/' (Denn sie war die ältere der beiden Töchter.) Und das Weib war es zufrieden. frei nachgebildet von Theodor ZIoeisti. Aber so ist es in unserem Leben: die Menschen rechnen und sinnen und können doch die Dinge nicht zwingen. Sie gehen ihren Wog. Da kam manches Aergernis heimlich heran; und Hindernisse türmten sich auf, die keiner gedacht. Der Gutsherr machte Schwierigkeiten. Ein früher Schnee verwehte? die "Wege; dann kamen schwere Regen über das Land. Wochen und Wochen vergingen. Die Feste der „Anderen"' rückten näher. Es gab Arbeit und Sorge. Und wie konnte Jechiel Michel jetzt daran denken, sein Geschäft zu verlassen. So geschwinde ging es mit der Heirat eben nicht. Der Mensch denkt und Gott lenkt. ... 2. Nechamah, die Aeltestc, verdiente es wohl, die Braut eines Jüngers des Prager Lehrhauses zu werden. Denn sie war ein. Weib von stiller Art, und ein sonniges Glänzen war in ihrer Seele. Aus ihren sinnenden Augen leuchtete die Liebe, die lauscht und folgt. Das Wort des Vaters war ihr heilig; die Lehre der Mutter leitete ihr W7erk. Und in Treue hegte sie, was die Weisheit frommer Leute sprach, die unter ihrem Dache rasteten. Vor ihrer sinnenden Milde verstummte der Lärm, Güte war in ihren leisen Bewegungen. Und wenn sie den Segen sprach über das Sabbatlicht, dann war es, als versänke ringsum die Hast des Alltags. Da sass sie im Frieden der heiligen Stunden vor ihrem Gebetbuche, darinnen sie heimisch war. Und es war Andacht. Wahrlich, das Haus, das sie begründen würde, musste ein Tempel sein auch für einen Gottcsgelehrten. . . . Verworrener und gebogener war der jüngsten Tochter Art. Nicht dass sie etwa schlecht war. Nein! Nur so eigen war sie. Ein wunderliches Geschöpf, versonnen und verträumt. Es war, als ob in der Tiefe ihrer Seele unheimliche Fackeln flammten. Ihr Gesichtwar blass, fcierlicli ernst. Ihre Lider waren gesenkt, als wollten ihre Blicke den Tag ringsum meiden. \ Sie lebte in einer anderen Welt, in einem Reiche der glitzernden Farben, der funkelnden Augen, der glühenden Küsse. Rief man sie an, wenn sie das Leben vergessend einherging, so schien es, als risse man sie in ein frostiges Land. Ein Zittern durchbebte ihren ganzen Körper. . . . Und dann war es, dass sie die Menschen ansah mit fremden Augen, mit harten, durchbohrenden Blicken, dass es schier unheimlich wurde.