Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Zur Ethik des Judentums
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 963 - 964 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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0G3 0G4 ZUR ETHIK DES JUDENTUMS. Von A. Benezra. >*iielulruck verboten. Endlich, nach vieljährigem, bangem Warten und Harren haben wir es doch erlebt, den zweiten Band der Ethik des Judentums von Lazarus in die Hände zu bekommen. Es sind in dem letzten Jahrzehnt viele schöne, ja bedeutende Bücher aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums erschienen — aber keines hat eine so weitgreifende und zugleich so tiefgehende Wirkung geübt, wie die Ethik. Sie entsprach einem lange und schmerzlich empfundenen Bedürfnisse, und diesem Umstand mag sie wohl den äussern Erfolg verdanken. Der erste Band wurde in nahezu viertausend Exemplaren verbreitet, etwas bei jüdischen Büchern in deutscher Sprache ganz Unerhörtes. Aber abgesehen von diesem äussern Erfolg, ist diesem Buch ein anderer, stiller beschieden gewesen: es ist das Lieblingsbuch, der Begleiter, Wegweiser und Ratgeber zahlloser Männer und Frauen weit und breit in der Judenheit geworden, sowohl solcher, die auf den höchsten Höhen der Bildung und Kultur wandeln, als auch jener Schichten, die die breiten Ebenen und Täler des menschlichen Geisteslebens bewohnen. Und gerade in unserer Zeit, da, trotz der scheinbaren Popularisierung von Wissenschaft und Bildung, die Differenzierung und der Abstand zwischen den Kulturstufen nur JAKOB GLASNER. Tauwetter. Nach einem Oelgemälde. um so grösser ist, muss ein Buch, welches sich alle Kreise erobern und dauernd in ihnen herrschen soll, ganz besondere Eigenschaften haben. Das erste und vornehmste, was bei der Lektüre dieses Buchs den Leser packt und festhält, ist, dass dahinter eine starke, reiche Persönlichkeit steht, ein grosser und gütiger Mensch, voller Kraft, Geist und Seele, ein Mensch, der nicht bloss ein Leben des intensivsten Denkens, sondern auch des Schaffens, Leidens, Kämpfens und Siegens gelebt hat. Dieser Mann vereinigte in sich offenbar mit der kontemplativen Natur des Philosophen das Temperament und den Gestaltungsdrang des Tatenmenschen. Und das Ganze seines Wesens war getragen von einer heitern Güte, von einer aus der eigenen Natur und aus der tiefsten Erkenntnis der Welt quellenden herzlichen Sympathie für die menschliche Kreatur, die da ist die Krönung des göttlichen Werkes, die höchste Objektivation des Allgeistes, die uns Irdischen hienieden zu schauen gewährt ist. Noch stärker als im ersten Bande der Ethik treten diese Qualitäten im zweiten Bande hervor. Während der erste Band mehr die theoretischen Fragen behandelte, bietet der vorliegende zweite ein Lehrbuch der praktischen Ethik für alle, ,,die den Weg des Lebens suchen". Lehrbuch ist nicht der richtige Ausdruck, denn das Lehrhafte und Schulmeisterliche ist aus diesem Buch noch strenger verbannt als aus dem ersten Band und aus allen Schriften von Lazarus überhaupt. Man hat beim Lesen den Eindruck, der Unterhaltung eines sehr feinen und noblen Causeurs zu lauschen, der in merkwürdig schlichten aber ebenso brillanten Sätzen die Ergebnisse seines Nachsinnens und Erlebens auf mannigfachsten Gebieten menschlichen Daseins und menschlicher Arbeit erzählt. Und mitten darin hält der Leser inne, überrascht und frappiert von der grossen Weisheit,die diese eleganten Sätze enthalten, von der Tiefe der Gedanken, die sie einschlicssen, und von den weiten Perspektiven, die sie in die fernen Welten des Gedankens, der Gefühle und des werktätigen Lebens eröffnen. Und mit ehrfürchtiger Bewunderung BERLIN.