Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Illustrationen zu Russlands Judenpolitik in den letzten Monaten
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 953 - 954 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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953 Illustrationen zu Russlands Judenpolitik in den letzten Monaten. 954 tragen sollte, zu bestätigen. Die Bitte wurde abschlägig beschieden. * _ * 13er Stadtgewaltige von Odessa, der bekannte Tolmatschew, plant, an den kommenden Rabbinerwahlen nur jene .Inden teilnehmen zu lassen, die auch wirklich die Synagoge besuchen. Die Kontrolle soll der Polizei obliegen. * * * 13er Kriegsminister erklärt, dass er im Auftrage des Zaren von allen kompetenten Anstalten Daten über das Verhältnis der Nichtrassen zum Militärdienst eingeholt habe, auf Grund deren dann in der nächsten Session ein Memorandum über die Frage der jüdischen Soldaten vorgelegt werden soll. — Die Daten, von denen der Kriegsminister spricht, werden in den einzelnen Armeekörpern von subalternen Offizieren geliefert, die sie zum Teil aus antisemitischen Machwerken abschreiben. Ausserdem verrät das russische offizielle Militärblatt „Russkij Invalid'' durch seine rüden Beleidigungen und Verleumdungen der jüdischen Soldaten den Berichterstattern, was für Daten von ihnen erwartet werden. REVUE DER Unser Ruf zur Tat. Wir sind heute in der angenehmen Lage festzustellen, dass die Idee eines interterritorialen, der Frage der russischen und rumänischen Juden gewidmeten jüdischen Kongresses keine nennenswerten Gegner hat. Der „Ruf zur Tat", den wir im Artikel „Genug der Versäumnisse!" in der vorigen Nummer unseres Blattes erhoben, fand allenthalben nur Widerhall und Zustimmung. Und eine ganze Reihe massgebender Persönlichkeiten hat bereits begonnen, dem Werke einer all jüdischen Aktion zugunsten unserer verfolgten Brüder ihre Kräfte zu widmen. Es ist also alle Aussicht vorhanden, dass die ebenso grosse als gute Sache nun nicht mehr von der Tagesordnung jüdischer Tätigkeit verschwinden wird. Ein in Russland erscheinendes jüdisches Blatt findet an unserem Artikel die egoistische Note auszusetzen. Er sei nicht vom jüdischen Gemeingefühl diktiert, sondern von der Besorgnis eingegeben, dass die westlichen Juden in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Dies ist eine Auslegung, gegen die uns für jeden unbefangenen Leser unser Artikel selbst schützt. Es ist ja richtig, dass wir uns alle Mühe gaben, die Juden Westeuropas auf die ihnen drollende Gefahr des bösen Beispieles aufmerksam zu machen. Aber nur politisch völlig unfruchtbarer Sinn kann uns daraus einen Vorwurf machen. Denn erstens hatten wir, da die Gefahr ja wirklich bestellt, gar nicht das Recht, sie zu verschweigen, — bloss damit Hypersensibilität keinen Anstoss daran nehme. Und zweitens konnten wir in einem Artikel, der den Zweck hatte, die westlichen Juden für die Idee einer alljüdischen Aktion zugunsten der russischen Juden zu gewinnen, doch nicht auf ein Argument nur deshalb verzichten, — weil es auch den Verstand und das eigene Interesse der Apostrophierten anruft. Es soll ja gar nicht geleugnet werden, dass infolge der verschiedenen Schicksale und Milieus die brüderliche Gemeinschaft mit den russischen Juden in weiten Kreisen des deutschen Judentums nicht mehr so unmittelbarwirksam und lebendig sein kann, wie es wünschenswert wäre. Das geht nun allerdings selten so weit, wie z. B. bei jenem jüdischen Kleie-Händler in Schlesien, der aus unserem Artikel keine andere Nutzanwendung EREIGNISSE. Xaclidrnck mit Quellenangabe gestattet. zu ziehen wusste, als uns von Differenzen mit seinen russisch-jüdischen Geschäftsfreunden Mitteilung zu machen und uns zur Stellungnahme aufzufordern. Allein in einem gewissen Masse ist diese Entfremdung überall da,und wer Taten und nicht Worte will, muss mit ihr rechnen. Der darf es aber auch vom sittlich strengsten Standpunkte. Denn am Ende findet er ja doch nicht bloss die Entfremdung vor, sondern vor allem auch einen beträchtlichen Fond noch dazu steigerungsfähigen brüderlichen Mitgefühles. Wenn übrigens die erwähnte Zeitung, in ihrer Polemik fortfahrend, meint, dass ein alljüdischer Kongress nur dann Sinn und Aussichten habe, wenn er von einem gemeinsamen jüdischen Volksgefühl getragen sei, so hat sie ganz recht. Unrecht hat sie jedoch, wenn sie dieses Gefühl einfach wegleugnet. Und sie leugnet es nur deshalb, weil sie gemeinsames Volksgefühl mit gemeinsamen Kidturempfinden verwechselt. Dieses ist bis auf weiteres wirklich durchbrochen, — doch handelt sich's ja hier auch gar nicht um irgendwelche Kulturaktion. Jenes aber will trotz aller Entfremdungen im Grunde nur gerufen sein, um sich dann als ein durch seine Macht überraschendes Phänomen zu zeigen. Solchen Ruf haben wir ausgestossen. Das Phänomen muss folgen. Wir zweifeln gar nicht daran. Der Traum vom neuen Kurs. Und eines Tages geschah es. . . . Da traf eine Kugel Stolypin, den Mann der Strenge, so, dass er starb. Und neues Entsetzen zog ein in die Merzen der Juden Russlands, den Schrecken vermehrend, der schon dort war. Sie fürchteten die blutige ,,Rache" der ./Patrioten". Sie sahen sich schon niedergemetzelt, verstümmelt, geschändet, beraubt. Und zusammen mit ihnen bangten die Juden der anderen Länder. .. . Bis das Begräbnis Stolypins vorüber war. . . . Da wagten sie wieder aufzublicken, und siehe, es war kein Pogrom gewesen. Die Regierung des Zaren hatte „Gnade" vor „Recht" ergehen lassen. . . . Und sie sahen den, der ihnen über Nacht erblüht war an Stelle Stolypins, sie sahen Kokowzew, den Mann der Milde. . . . Und alle Wunden ihres Herzens heilten gar rasch. . . . Und müde, im Behagen der Genesung,