Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Illustrationen zu Russlands Judenpolitik in den letzten Monaten
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 951 - 952 (sequence 1)
- Language
- German
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951 952 ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IN DEN LETZTEN MONATEN. (Fortsetzung aus Heft X.) Nachdruck mit Quellenangabe In Targana (Russisch-Asien) riefen die „echtrussischen Leute" einen Pogrom der einheimischen Bevölkerung gegen die Juden hervor. Polizei und Militär — verspäteten sich. * * In Warschau gab es sowohl am jüdischen Neujahrsfeste als am Versöhnungstage Anfälle auf Juden. gestattet. Der Stadthauptmann von Rostow A-erbot allen öffentlichen und privaten Spitälern, Juden ohne Wohnrecht aufzunehmen oder Operationen an ihnen vorzunehmen, — wenn nicht ausnahmsweise Zulassungen von seiner Seite oder, falls es sich um längeren Aufenthalt handelt, seitens des Ministeriums des Innern vorliegen. In Kiew wird der alte harmlose Mendel Beiles, obwohl zugegebenermassen kein Material gegen ihn vorliegt, wegen Verdachtes des Ritualmordes an dem Knaben Juszczinski in Haft gehalten, — nur um den „echtrussischen Patrioten" eine Genugtuung zu verschaffen. Dabei hatte die Affäre schon eine für ihre Anstifter sehr bedenkliche Wendung genommen. Aber alle wertvollen Untersuchungsresultate sind inzwischen verwischt worden. * * * Der Moskauer Gouverneur erliess einen Befehl, wonach die jüdischen Kaufleute erster und zweiter Gilde, die in Moskau ankommen, sich schriftlich verpflichten müssen, nur in den Bezirksstädten des Gouvernements Handel zu treiben und nicht aufs Land hinauszufahren. Auf den Bahnstationen wird eine diesbezügliche Polizeikontrolle eingerichtet. „Falls diese Verordnung nicht streng beobachtet werden wird, werde ich dies als eine ernste Verletzung der Dienstpflicht betrachten" — schliesst der Gouverneur. * * * Aus Twer wurde der Rabbiner S. B. Rossienski, der dort schon mehr als sechs Jahre seines Amtes waltet, ausgewiesen. Er musste als Schneider gemeldet sein, um in Twer wohnen zu können. Nun wurde festgestellt, dass er sich nicht mit der Schneiderei befasse. * * * Die jüdische Bauernkolonie Lwowo im Chersoner Gouvernement liegt so dicht an dem Dorfe Kortschanowo, dass die Grenze schwer zu bestimmen^ist. Ein jüdischer Schneider mietete sich nun in einem Hause ein, das allgemein als zu Lwowo gehörig betrachtet wurde. Die Behörde entdeckte aber, dass es zu Kortschanowo gehöre, und befahl dem Schneider, binnen 24 Stunden den Ort zu verlassen und nach dem ,,Ansiedlungsrayon" zu gehen. Der Schneider gehorchte, indem er eine Wohnung in einem Hause bezog, das gerade eine Klafter weit von seinem früheren Wohnhause, aber schon in Lwowo, lag. * . * Seitdem in Tomsk (Sibirien) der neue Gouverneur Gran eingezogen ist, haben Juden-Ausweisungen begonnen. Neun jüdische Familien mussten dreimal 24 Stunden unter freiem Himmel auf den Dampfer warten, der sie aufnahm. * * Das Ministerium des Innern hat das Wohnrecht der Juden in Sibirien neuj geregelt. Juden, die sich vor dem 9. Dezember 1909 in Sibirien niederliessen, gelten alsr.wohnberechtigt.:i Alle anderen sind, sofern sie nicht .^überhaupt das Wohnrecht ausserhalb des Ansiedlungsrayons haben, auszuweisen. Der Kiewer Polizeiminister bedroht in einem soeben herausgegebenen Befehl jene Polizeibeamten, in deren Rayons Juden ohne Wohnrecht wohnend betroffen werden, mit Dienstentlassung und gerichtlicher V erf olgung. * * * In Petersburg wird wieder das Wohnrecht der Juden strenge geprüft. Zu diesen Zwecken finden wieder die berüchtigten nächtlichen Oblawen (Streifungen) statt. * * * Der Direktor der Kremcnetzer städtischen Schule verbot den jüdischen Lehrern, christlichen Kindern Privatunterricht zu erteilen, und berief sich diesbezüglich auf ein spezielles Zirkular des Volksschulen-Inspektors. * * Aus dem Polytechnikum in Kiew wurden alle jüdischen „freien Zuhörer" ausgewiesen. * * * Der Vater des antisemitischen Dumadeputierten Purischkiewitsch wandte sich an den Stationsvorstand von Odessa mit einer Beschwerde gegen die Kondukteure, die sich erlaubt hätten, in seinem Wagenabteil (erster Klasse) auch eine Jüdin unterzubringen. Wenn der Stationsvorstand die Schuldigen nicht bestrafen sollte, werde er sich mit einer Beschwerde an den Verkehrs min ister wenden. * * * Auf dem jüdischen Friedhofe in Dwinsk hat eine Bande von Hooligans eine ganze Menge Gräber geöffnet, die Leichen herausgeworfen und Grabsteine zerstört. * * * Eine Gruppe Petersburger Handwerker wandte sich an das Ministerium mit der Bitte, die Statuten einer jüdischen Handwerker - Leih- und ^Sparkasse, die den Namen des verstorbenen Baron Günzburg