Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Der stille Pogrom
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 949 - 950 (sequence 3)
- Language
- German
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941) Der stille Pogrom. 950 verspielen unb bod) nicht bic Hoffnung verlieren. 6ie l)ot grosse geistige Kapitalien angelegt unb sie nicht versinst. Sie stellt öie besten Ceser bes russischen Buddes, bie besten I5örer. Ein russischer Vortragenber fühlt sich nie wohler, als vor einem jübischen Aubitorium, vor ben fein empfinbenben, bewegten, burstigen, jübischen Geistern. Diejübiscrje Jntelligens bes Westens l)at niemals unter so erschwerenben Umstänben einen so starken Anteil am geistigen Ceben ihrer Cänber genommen, wie bie jübiserje Intelligenz Russlanbs am russischen Geistesleben; bafür ist aber auch keine anbere jübiserje Jntelligen5 so brutal unb 3Ynisd) behanbelt worden, wie gerade biejenige Russlanbs. Die jüdische Jugenb bes Ostens ist basjenige Clement, bas sich für bie Experimente pathologischer Willkür am besten eignet, nichts ist für bie Jubenfeinbe angenehmer, als gerabe in jenen Kreisen 3U wüten, in benen bas Ehrgefühl entwickelter, verfeinerter ist, unb bort jene stillen Pogrome 5U veranstalten, bie hirowelsdjreiender sinb als bie Blutbäder von Obessa unb Kiew. €inen solchen Pogrom stellten 3. B. bie Verorbnungen gegen bie sogenannten Externen bar1) — eine eigene von ben unnormalen Verhält nissen geschaffene Kategorie von ötubierenben. tausenben von jungen (Densd)en würbe ber Boben unter ben Süfcen wegge3ogen, würbe bie Ceiter fortgenommen, auf ber sie in bie 3ukunft 311 klimmen gebachten. Die Arbeit vieler Jahre würbe in einem Augenblick vernichtet, unb statt ber Erfüllung seiner Träume würbe bem jübischen Bilbungs=Don Quixote ein amtliches Tobesurteil aller seiner Hoffnungen unb Bestrebungen 3iiteil. ßatte ein Teil ber jübischen Presse früher oft genug bie moberne Externen^ Epibemie in ber jübischen Jugenb ironisiert, so musste sie angesichts bieses Tobesurteüs bie Ironie aufgeben unb es als ein furchtbares Drama bes Cebens betrachten, als ein schreckliches Ex; periment, bas bie Willkür an tausenben lebenben jungen Kräften anstellte, unb burch bas sie biese in \7er3weiflung unb 3U Selbstmovbgebanken, oft auch wirklich in ben Tob trieb. Es ist selbstverstänblich, bass es unter solchen Bebingungen schwer ist, selbstänbige x) 5iehe „Das Ende ber Externen", Ost unb West, Jahrg. XI, ßeft VII. Kulturarbeit mit Erfolg burd)3uführen. Gan3e Berge von Hindernissen türmen sich auf. Unb wenn boch etwas geschah, so verbankt man es ber Energie berjenigen, bie keine Rinder* nisse kennen unb bie bichtesten §eindesreit)en burchbrechen. So würbe 3. B. bie Petersburger Citerarisd)e Gesellschaft mit ihren mehr als hundert Ortsgruppen gegrünbet. nicht etwa eine jener wissenschaftlichen Gesellschaften mit vielen Sirjungen, in benen ber puls bes Cebens nicht 3U fühlen ist, sonbern eine Stätte bes Cebens unb bes Enthusiasmus, auf ber bie junge jü* bische Citeratur Feste ber Hoffnung feierte, wo man im Hamen bes Rechtes unb ber Aesthetik jene selbstänbige Kultur prebigte, bie jebes Volk schaffen muss. Die Citerarisd)e Gesellschaft war bas einsige Ueberbleibsel aus ben Freiheitstagen, gab bie endige Illusion, bass auch Juden nod) atmen bürfen. Wohl fiel es manchmal irgend einem Gouverneur, bem bie jüdische Vortrags* spräche ober bas Thema einer jübischen Citeratur nicht 3U Gesichte stanb, ein, biese ober jene Vorlesung wibergeserjlich 3U verbieten. Aber im ganzen unb grossen machte bie Gesellschaft bod) Fortschritte, erweiterte ihren Wirkungskreis. 5ie hatte eine grosse kulturelle Bebeutung, unb biese Bebeutung war im Wad)sen. Bis ber neue Pogrom kam. Eines (Dörgens stanb in ben jübischen 3eitungen 3U lesen: „Die jübisd)e Citerarische Qesellschaft ist in Gefahr". Dann kamen einige Tage banger Erwartung. Die Bureaukratie liess sid) 3eit. Vom Vorstanbe kam man täglich, um nach kern Schicksal ber Gesellschaft 3U fragen. (Dan hiess bie Ceute immer wieber „morgen kommen". £nblid) warb ihnen bie Eröffnung: bie jübische Citerarisd)e Gesellschaft unb alle ihre 3weiggruppen werben geschlossen. Um Grünbe war bie Bureaukratie nicht verlegen. Von solchen Kulturpogromen erfahren bie Juden bes Westens natürlich nichts. Denn bas sinb Pogrome ol)ne Branb unb Blut, Pogrome mit gans gebliebenen Fenstern, Pogrome, bie man mit bem freien hören muss — mit jenem jübischen Re^en, bas nad) ber Cegenbe unserer Feinbe auf ber galten Welt in einem Takte fdjlägt.....