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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 947 - 948

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Der stille Pogrom
Date
1911-11-01
Page
Seite 947 - 948 (sequence 2)
Language
German
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<J47 Der stille Pogrom. 948 die alltägliche, durch ihre AHtäglid)keit und Stille schreckliche Tragödie öes Ostjuden. Die Judenfeinde lieben es, die jüdische Solidarität als eine vollkommene hm3ustellen. In ihrer Cinbildung sinb fortwährend Kuriere auf bem Wege, um bas Judentum Russlands mit ben Juden von Berlin unb Paris 3U verbinben, um biesen bie Nieinsten, unwichtigsten Dad)richten 3U überbringen. Jn Wirklichkeit aber bringt nur bie Runde bes Graujamsten unb Schrecklichsten nach bem Westen. Scheiben müssen klirren, (Döbel brechen, Sedern fliegen, bamit bie ]uben bes Ostens bas natürliche Red)t auf Aufmerksamkeit erlangen. £s ist sehr möglich, bass bie Verfolgungs* politik gegen bie Juden immer mehr bie form eines raffinierten Sabismus, ber bie Opfer mehr moralisch als physisch peinigt, annehmen wirb. (Dan wirb Keine Pogrome machen, sonbern nur mit ihnen brohen. (Dan wirb bie Juben von Dikolajew nicht vertreiben, aber man wirb ihnen keine ßandelslegitimationen geben, weil man in ben massgebenben Dreisen noch nicht enbgültig entschieben hQt, bass sie 3U vertreiben sinb. (Dan wirb vielleicht keine neuen Ausnal)msgeset3e er* lassen, aber man wirb Gerüchte verbreiten, bass sie bevorstehen, unb biese Gerüchte werben jene Atmosphäre ber Unsicherheit schaffen, bie bas Ceben vergiftet unb bas jüdische Volk einer schweren Dervenkrise überantwortet. Immer mehr wirb sich bie Politik bes nächtlicherweile blut* saugenden Vampvrs, ber peinverlängernben 6pinne einleben. (Dan wirb in entlegenen Winkeln nach stillen Opfern fahnben, bie nid)t schreien können. (Dan wirb sich irgendwo in TieNRussland einen jübischen £andar3t heraussud)en, oer 3WQn3l9 Jahre lang in grossen Stiefeln bie Dorfmoraste burchwatete, um kranke Bauern 3U h>eilen, ber 3wan3ig Jahre lang von ber jüdischen Gemein* schaft gesd)ieden war unb sich schon als russischen First betrachtete. Unb gerade ihn, ber seine Jugend unb Gesundheit bem russischen Dorfe opferte, wirb man bavonjagen, weil er — Rappaport heisst. Cin russischer Bauer wirb ihn in breitem Schlitten 3u seinen Brübern 3urüchbringen. Und ber jübische Ar3t wirb bitter lächelnb Worte murmeln, unb niemand wirb sie hören. €in stiller Pogrom ha* stattgefunden — und Curopa weiss es nicht!..... ]a, ich fürchte, bass es keine Pogrome mehr geben wirb, wie wir sie gewöhnt waren. (Dan wirb bem Juben sein let3tes Recht nehmen: So geprügelt 3U werben, bass alle Welt damit voll ist. W03U Brand? W03U Rauch? W03U Aufrühr? Besser ein stiller Pogrom, let3tes Patent! Die Scheiben bleiben gan3, die bissen unberührt, die (Döbel un3erbrochen. Und der Jude ist doch 3ugrunde gerichtet! Da ist vor allem der Rulturpogrom, die graufame Verfolgungspolitik gegen die jüdische Jugend und Studentenschaft. Und diefe Jugend — wer kennt sie im Westen? Wer kennt ihre Tragödie? Wer kennt im Westen überhaupt dieses wunderbare Cond, das solche Gegensät3e verträgt» wie Tolstoi und purischkiewitsd)! Wie 3wischen dem Worte Dostojewskis, dass der Fortschritt der (Denschheit selbst mit der Träne eines Rindes 3U teuer erkauft ist, und den Tränenströmen jüdischer Rinder! Welche Jugend voll einfältiger, naiver Gläubigkeit, die sich so anschmiegen, die so viel ver3eihen, so viel vergessen kann! Wie ergreifend diese Hebe 3ur russischen Literatur, 3um russischen Genius bei (Denschen, die immerfort moralisch gekränkt und gefoltert werden! Wie rührend 3.B. die Geschichte des jungen jüdischen Schriftstellers, der in seinem Städtchen vom Tode Tschechows erfährt. €r fühlt, dass er dabei sein muss, wenn sein geliebter Dichter begraben wird. Die paar Rubel sind bald 3usammengebracht unb er fährt nach (Doskau. Am Abend vor bem Ceid)enbegängnis kommt er an unb irrt von Botel 3U Botel, um ein llad)tlager 3U suchen. (Dan weist den Juden 3urück. Cr sei doch nicht gekommen, um Bändel 3U treiben, sondern an der nationalen Trauer Anteil 3U nehmen, meint er. Aber das (Doskauer Judengeset3 ist unerbittlich, und er muss die Dacht auf der Strasse verbringen, verlacht und h>Uflos- Und der (Dörgen findet ihn doch in dem grossartigen 3uge, bleichen Antiares, in den ermatteten Bänden den schweren Rran3. Und er singt mit allen andern das „€wige Gedäd)tnis . . . ." Und weint mit allen andern. Hur dass nid)t alle seine Tränen dem Tode Tschechows geweiht sind. €s ist auch eine bittere jüdische Träne darunter . . ob der Kränkung, ob der Beleidigung, die ihm widerfahren ist . . . Immer wird er Tschechows in Ciebe gedenken, aber die schlaflose Höcht in den Strassen (Doskaus wird er nimmermehr vergessen..... Sie wirkt sogar ein wenig komisch, die jüdische JugenddesOstens,wie immer, wennODenschen spielen,

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