Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Die Alliance Israélite Universelle an die Times, London
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 909 - 910 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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909 Mitteilungen der AHiaiice Israelite Universelle? 'Die All knie e Israelite Universelle au die Times, London. 9tQ ermutigt und wird auch, darauf vertraue ich, meine Belästigung entschuldigen. Ich'habe die'.Ehre, usw. Moses Montefiore," 2. Es Messe, eine neue Verleumdung zu den schon so oft gegen die Israeliten vorgebrachten zu lugen, wollte man behaupten, dass sie im Jahre 1896 an den Massenmorden in Konstantinopel teilgenommen hatten. Der Direktor unserer Schulen in Hasköi schrieb uns in seinem Bericht über die traurigen Ereignisse unter dem 4. September 1896 folgendes: „Mit Knütteln und Messern bewaffnete unheimliche Baschi-Buzuks stürzten sich in die Häuser der Armenier und haben den grössten Teil dieser unglücklichen Bevölkerung ermordet. Sie haben auch versucht, in unsere beiden Schulen einzudringen und unsere armenischen Dienstboten fortzuschleppen, aber diese hatten sich in den Bodenräumen versteckt. Das Central-Comitu der Allianee Israelite Uni- A'erselle hat von ihrem Schulleiter, Herrn Aranias, über dij Brandkatastrophe in Aidin nachstehenden Bericht erhalten: Aidin, 26. August 1911, Hiermit bestätige ich ganz ergebenst mein heute Morgen abgegangenes Telegramm, das folgenden Inhalt hatte: „Judenviertei vollständig niedergebrannt; 600 Familien obdachlos; unbeschreibliches Elend; bitte um telegraphische Hilfe." Das Feuer ist gestern mittag 1 Uhr in dein nahe •am Judenviertei belegenen Hause einer Mohammedanerin ausgebrochen. Die Spritze unseres „Cbewra- Kadischa"-Vereins war sofort an der Brandstätte. Unglücklicherweise fehlte es an Wasser, so dass bei dein heftigen Wind das Feuer sich mit unglaublicher Schnelligkeit verbreiten konnte. Im Verlauf von zwei Stunden bildete das ganze Judenviertel einen einzigen grossen Feuerherd. Beinahe 400 Häuser sind während dieses kurzen Zeitraums vollständig zerstört worden; dann sprang das Feuer auf eines der Türkenviertel über und vernichtete auch hier mehr als hundert Häuser. Von unseren Glaubensgenossen sind heute fast 600 Familien ohne Obdach. Man inuss bedenken, dass hier, wie in den meisten anderen Städten das Judenviertei gemeinhin nur von den Allerärmsten bewohnt wird. Die Not, die Teuerung, die ungesunde Gewohnheit, in dichten Gruppen eng beisammen zu wohnen, haben immer sehr grosse Uebel im Gefolge, denen beizukoinm.cn ausserordentlich schwer, ja beinahe unmöglich ist. Jn Zeiten von epidemischen Krankheiten ist die Ansteckungsgefahr in diesen ungesunden Wohnungen ganz ungeheuer gross, und nicht geringer sind die Gefahren beim Ausbrach von Feuersbrünsten. Das haben wir leider eben wieder erfahren. Ausser vier Synagogen sind 400 Häuser verbrannt und ihre Bewohner haben all ihre geringe Habe verloren. Es ist mir unmöglich, die Trauerszenen zu beschreiben, die das entsetzliche Schauspiel uns darbot. Wer könnte ungerührt die vielen Hunderte von armen Wesen betrachten, die ohne Heim, ohne Hemd, ohne Brot zurückgeblieben sind. Einige Familien hatten bereits einen Teil ihrer Habseligkeiten aus den brennenden Häusern gerettet - Sie zitterten wie Espenlaub und glaubten, ihr letztes Stündlein -wäre gekommen.' Ich beeile mich, Ihnen noch mitzuteilen, das$ in Hasköi viele Armenier — a b e r 400, w i e m a n m i r s a g t — von Israeliten in ihren Häusern versteckt und so d e in W ü t e n der Angreifer entzogen ■ w orden sin d." 3. Schliesslich müssen wir noch eine letzte Fabel zerstören. ' Niemals hat ein Verein oder eine Gesejh schaft irgendwelche Vorbesprechungen abgehalten oder Verhandlungen angeknüpft, die die Kolonisation •von Cilicien durch die Juden zum Gegenstand hatten. Da uns der in Ihrem Blatte herrschende Geist der Unparteilichkeit bekannt ist, sind wir der Aufnahme dieser Zeilen sicher, deren einziger Zweck darin besteht, die Wahrheit der Tatsachen wieder herzustellen. Der Sekretär. .. gez. Jacques B i g ä r t. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. und auf ein unbebautes Terrain gebracht, das sich zwischen dem Judenviertel, dem Bahnhof und unserer Schule erstreckt. Unglücklicherweise trug der Wind Funken und brennende Fetzen bis an diesen Zufluchtsort und setzte auch die hier lagernden Armseligkeiten in Brand. Erst später wird eine genaue .Untersuchung feststellen können, wie viele der Abgebrannten ihr ganzes Gut verloren haben, für den Augenblick gilt unsere Sorge der Unterbringung der- Obdachlosen und der Beschaffung von Brot. Ungefähr 80 Prozent der Betroffenen haben in unserem grossen Schulgebäude Zuflucht gesucht. Im Innern des Schulhauses, in den Klassen und Crängen haben wir, so gut es ging, vierzig Familien untergebracht; die übrigen kampieren zurzeit im Garten, unter freiem Himmel, und haben dort auch die,Nacht verlebt. Ich kann nur wiederholen, dass es mir an Mut und Kraft, ja auch an der Fähigkeit fehlt, Ihnen das Bild zu schildern, das sich meinen Blicken darbot. Es war herzzerreissend. Voll Schrecken überlegte man, ob man wirklich einer Tatsache gegenüberstand, oder von einem Traumbild geängstigt wurde. Man hätte erwarten sollen, dass am Tage nach der Katastrophe schon etwas Ruhe in die Gemüter eingezogen sein würde, statt dessen wurde es heute morgen noch weit schlimmer. Gestern abend hörte man nur das Geschrei der ersten allgemeinen Bestürzung; heute aber, da jeder die Ausdehnung seines Unglücks ermessen kann und an Stelle seines ehemaligen Besitzes und Eigentums nur Trümmer findet, beginnen die Klagen und die Tränen von neuem.' Eine unter meinem Vorsitz ad hoc gebildete Kommission hat versucht, die schwersten Leiden einigermassen zu lindern. Alle diese Aermsten, darunter viele Kinder, die seit gestern nichts zu sich genommen haben, bitten um Brot. Jn Begleitung eines Stadtrates bin ich durch alle Bäckereien gelaufen und habe mir 400 Okka Brot und 10 Okka Oliven verschafft. Ein Privatmann, Herr Pcrhi-Levy, hat mir ebenfalls 400 Okka Brot zur Verfügung gestellt, und das alles zusammen ist zum Frühstück an die Armen verteilt worden. Es ist 12 Uhr mittags und eben meldet man mir die Ankunft Seiner Exzellenz des Gouverneurs von Smyrna. Hoffentlich wird seine Anwesenheit den von uns gewünschten Erfolg haben. Bevor ich diesen ersten Bericht schliesse, rnuss DER BRAND IN AIDIN.