Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Geschenke
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 899 - 900 (sequence 3)
- Language
- German
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■899 J. L. Perez: Geschenk« 900 Und die Seele fasste ein blutbespritztes Stäubehen Palästina-Erde und meldet sicli damit an der Himmelspforte. .. Das Geschenk ward angenommen. Das zweite Geschenk. „Gott wird weiter helfen," hofft die Seele und fliegt wieder frohen Mutes hinab. Aber die Freude schwindet wieder allmählich hin. Wieder vergehen Jahre und' Jahre, und sie kann nichts ausserordentlich Schönes finden. . . . Wieder kommen ihr •die trüben Gedanken: ..Eine lebendige Quelle war die Welt, als sie aus Gottes Willen kam. Nun fliesst sie und fliesst sie weiter in der Zeit. Und je weiter sie fliesst, desto mehr Erde und Staub nimmt sie in sich auf, desto trüber und unreiner wird sie, desto weniger Geschenke für den Himmel findet man in ihr . . . Desto kleiner werden die Menschen, desto plumper die Verdienste, desto staubiger dieSünden: Taten—sieht man überhaupt nicht. Und weiter denkt sie: ,,Wenn Gott den Auftrag geben würde, die Sünden und Verdienste der ganzen AVeit zu wägen, dann würde sich das Zünglein wohl auch kaum rühren . . . „Die Welt kann auch nicht hinauf und hinab. Sie ist auch unstet und flüchtig zwischen dem lichten Himmel und der finstersten, untersten Hölle. Und der Ankläger und der Verteidiger würden daher ewig ringen, wie das ewige Licht und die Finsternis, Wärme und Kälte, Leben und Tod mit einander ringen . . . „Ja, sie schwankt, die AVeit, und kann nicht hinauf und kann nicht hinunter. Und darum wird es immer Hochzeiten und Scheidungen geben, Beschneidungen und Bestattungen, . . . gottgefällige Mahlzeiten und Mahlzeiten zur Sättigung . . . Und Liebe und Hass . . . Immer, immer . . Plötzlich ertönen die Klänge von Trompeten und Hörnern. Die Seele blickt hinab: Eine deutsche Stadt (natürlich aus früherer Zeit), allerlei krummgieblige Dächer umringen den Platz vor dem Magistrate. Und der Platz ist voll Menschen, in den verschiedensten Farben gekleidet. Die Fenster voll besetzt. Leute liegen auf den Dächern, manche reiten auf den Balken, die unter den Dächern hervorstarren. Die Balkons sind vollgepfropft. Vor dem Magistrate steht ein Tisch, der mit einem grünen, goldbefranzten Tuch gedeckt ist. Am Tische sitzen die Magistratsherren, in Samtgewändern, Zobelmützen mit weissen Federn an Brillantknöpfen auf dem. Kopfe. Obenan sitzt der Präsident. Und seitwärts ein gebundenes jüdisches Mädchen. Nicht weit von ihr zehn Knechte, die ein wildes Pferd halten. Der Präsident erhebt sich und liest vom Papier dem jüdischen Mädchen ein Urteil vor. Sein Gesicht ist gegen den Markt gewendet: „Diese Jüdin hier hat eine schwere Sünde begangen, die ihr selbst Gott, so gross seine Barmherzigkeit sein mag, nicht verzeihen könnte . . . „Sie stahl sich aus dun. Ghetto und ging an unserem heiligen Feste in unseren reinen Gassen h; nun . . . „Mit ihren unverschämten Blicken befleckte sie unsere heilige Prozession, unsere heiligen Bilder, die wir mit Lobgesängen und Trommelschlag durch die Gassen trugen . . . „Mit ihren verfluchten Ohren saugte sie den Gesang unserer weissgckleideten unschuldigen Kinder, und die Musik der heiligen Pauken in sich ein! . . . Und wer weiss, ob nicht Satan, der Unreine, der die Gestalt der Jüdin, der Tochter des verdammten Rabbi, annahm, an eines unserer Heiligtümer sich herangewagt und es befleckt hat? „Was wollte der Teufel in der schönen Gestalt? Denn ich kann nicht lügen, dass sie schön ist, so schön, wie sich nur der Teufel machen kann. Seht nur die anmassend strahlenden Augen, unter den züchtig gesenkten seidenen Wimpern. . . . Seht das alabastcrweisse Gesicht, das in der langen Haft nicht dunkler, sondern blässer wurde! . . . Seht ihre Fingern, die schmalen, langen Finger, — die Sonne leuchtet durch sie durch! . . . „Und was wollte der schöne Teufel? Eine Seele der Andacht entreissen. Es ist ihm gelungen. Denn: Seht nur das schöne Mädchen — rief einer unserer Bitter aus einer der edelsten unserer Familien .... „Das war aber zuviel. Die Hellebarcliere bemerkten und verhafteten sie. Der Teufel wehrte sich nicht einmal. Denn sie waren damals rein, von allen Sünden rein, und so hatte er keine Gewalt über sie. . . . „Und so geschehe mit dem Teufel in der Gestalt des jüdischen Mädchens: „Mit ihren langen Teufclszöpfen binde man sie an den Schweif des wilden Pferdes, damit es sie durch die Gassen schleife, die sie entgegen unserer Gesetze betreten hat. . . . Damit ihr Blut die Steine bespritze und abwasche, die von ihren Füssen verunreinigt wurden!" Ein wildes Freudengeschrei löste sich aus allen Mäulern, und als es vorüber war, frug man die Verurteilte nach ihrem letzten Wunsche. „ich habe . . .", antwortet sie ruhig, „um einige Nadeln bitte ich." „Sie ist toll vor Schreck/' sagen die Magistratsherren. „Nein/"' sagt sie wieder ruhig und kalt. „So ist mein letzter Wille.'" Man gewährt ihr die Bitte . . . „Und jetzt," kommandiert der Präsident, „bindet sie an." Hellebarcliere treten heran und binden mit zitternden Händen die langen schweren Zöpfe der Tochter des Rabbi an den Schweif des wilden, kaum mehr zu zügelnden Pferdes. . . . „Macht eine Gasse!" befiehlt der Präsident dem. Volke. Das stellt sich auf, drängt sich an die Mauern der Häuser, alle lieben die Hände, der eine hält eine Peitsche, der andere eine Spiessrute, ein dritter ein Tuch. Alle sind bereit, das wilde Pferd zu. jagen. '.Eines jedem. Atem ist schwer, alle Gesichter flammen, alle Augen blitzen. Und in dem Aufruhr bemerkt niemand, wie sich die Verurteilte still niederbeugt, den Saum des Kleides mit den Nadeln an den Beinen befestigt, die Nadeln sich ins Fleisch bohrt — damit ihr Leib nicht enthüllt werde, wenn das Pferd sie durch die Gassen schleift. . . . Nur die arme, unstete Seele hat es bemerkt. . . . „Das Pferd los!"' kommandiert der Präsident wieder; die Knechte springen zur Seite, das Tier rast davon. Und ein rasendes Geschrei ertönt aus aller Mäulern, und die Peitschen, Spiessruten und Tücher wehen und pfeifen in der Luft. Das scheuende Pferd aber jagt in wildem Laufe über den Markt, durch die Gassen und Seitengassen, aus der Stadt heraus. . . . Die unstete Seele aber hat eine blutige Nadel aus dem Beine der Verurteilten gezogen und fliegt nun damit zum Himmel hinauf. Auch dieses, ihr Geschenk, ward angenommen und nun verwenden sich die Zadikim für sie. Die Tore des Paradieses werden ihr geöffnet. ...