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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 897 - 898

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Geschenke
Date
1911-10-01
Page
Seite 897 - 898 (sequence 2)
Language
German
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897 J. L. Perez: Geschenke. 898 „Nun? Warum dauert's so lange?" fragt der Vorsitzende. „Es steht gerade in der Mitte,"' stammelt der Diener. „Sünden und Verdienste gmz gleich!" „Ganz gleich? Genau in der .Mitte?" fragt es wieder vom Gerichtstisch her. Und der Diener sieht nochmals nach und antwortet: „Ganz genau!"' Das Gericht hält eine Beratung, und folgendermasson lautet das Urteil, das es nach reiflicher Ucberlegung verkündet: „Da die Sünden die guten Werke nicht überwiegen, gebührt der Seele nicht die Hölle . . . „Andererseits wiegen die Verdienste nicht mehr als die Sünden, man kann ihr also auch nicht die Tore des Paradieses öffnen. „So soll sie unstet und flüchtig sein. . . . „Soll mitten zwischen Himmel und Erde schweben, bis sich Gott ihrer erinnern und erbarmen, in seiner Gnade zu sich rufen wird." Und der Diener fasst die Seele und führt sie hinaus. Die Seele aber jammert und beklagt ihr Schicksal. „Warum weinst du so sehr?" fragt er sie. „Wohl wirst du nicht das Glück und die Freuden des Paradieses geniessen, aber du wirst auch nicht das Leid und die Schmerzen der Hölle zu tragen haben. — Das hebt sich doch auf."' Doch die Seele lässt sich nicht trösten. „Ach, besser die grössten Schmerzen/"' sagt sie, „als nichts. Nichts, das ist das Schrecklichste." Da tut sie ihm leid, dem Diener des Gerichts, und er gibt ihr einen Rat. „Musst hinabfliegen, liebes Seelchen," sagt er, „und dich unten halten, nahe an der lebendigen Welt. ... In den Himmel darfst du nicht hineinblicken . . . Denn was kannst du dort drinnen sehen? Höchstens Sterne. Und das sind wohl helle, aber kalte Geschöpfe, die kein Erbarmen kennen. Sie werden sieh keine Mühe für dich geben, werden Gott nicht an dich erinnern. . . . „Nur die Zadikim*) des Paradieses können für so eine irrende Seele wie du etwas tun. .Aber sie lieben Geschenke, liebes Seelchen, schöne Geschenke. Das ist schon so der Brauch der heutigen Zadikim,"' fügt er etwas boshaft hinzu. „Ja, flieg nur recht unten, liebe Seele, dicht an der lebendigen Welt, und beobachte, wie sich's lebt und was vorgeht. Ünd kaum siehst du was, das ganz besonders schön und gut ist, dann pack es und flieg damit empor. Es wird ein Geschenk für die Zadikim des Paradieses sein. Halt es in der Hand, klopfe an und melde dich beim Engel der Pforte. Sag ihm, ich hätte es dir befohlen! . . . „Und sei sicher . . . sowie du Geschenke gebracht haben wirst, werden dir die Tore des Paradieses geöffnet sein. Sie werden wirken. . . . Mit diesen Worten stösst er die arme Seele voll Erbarmens aus dem Himmel hinaus. Das erste Geschenk. Die arme Seele fliegt nun ganz niedrig über der lebendigen Welt und sucht Geschenke für die Zadikim im Paradies. Fliegt und fliegt. Ueber Dörfer und Städte, überall, überall wo nur ein paar Menschen zusammenwohnen. Nicht störte sie die versengende Sonnenhitze, in der Regenzeit nicht das triefende WTasser. Sie fliegt durch das silberne Spinnenweb des Spätsommers, *) Zadikim. wörtlich Gerechte, dann aßer auch die chassidischen Kabbiaen (Rebbes). durch die fallenden Schneeflocken des Winters. . . .. Fliegt und sucht. . . . Sucht sich die Augen aus. . . . Sowie sie einem Juden begegnet, fliegt sie geschwind auf ihn zu und blickt ihm in die Augen, —■ ob er nicht gerade im Begriff ist, den Namen Gottes durch gute Werke zu verherrlichen. Wo nur des Nachts durch den Spalt eines Ladens, ein Licht durchschimmert, flugs ist sie da und blickt hinein, ob nicht da drinnen in aller Stille die duftenden Blümchen Gottes wachsen: verborgene gute Werke?' Doch leider zieht sie sich immer wieder rasch von den Augen und den Fenstern zurück. Erschreckt und entmutigt . . . Und als Jahre fruchtlos vergehen, wird sie fast schwermütig. Städte sind zu Friedhöfen geworden, und Friedhöfe zu Ackerfeldern. Wälder hat man ausgerodet, von Steinen am Wasser ist Sand geworden. Flüsse haben ihr Bett gewechselt, tausende Sterne sind heruntergefallen, Millionen Seelen sind hinaufgeflogen. Aber Gott hat sich ihrer nicht erinnert, und etwas ausserordentlich Gutes und Schönes hat sie nicht gefunden. .. . Da denkt sie: „Arm ist die Welt, mittel massig und an den Seelen grau die Menschen, ihre Taten sind so klein, — wo^ sollen sie das „Ausserordentliche" hernehmen? Oh, ich bin für ewig unstet und flüchtig und Verstössen . ..!{t Doch da plötzlich ein grelles, rotes Licht in der finstern, schweren Nacht! Sie sieht sich um. Aus einem Fenster kommt das- Licht. . . . Maskierte Räuberhaben einen reichen Mann überfallen. Einer von ihnen hält eine brennende Fackel in den Händen und leuchtet. Ein zweiter hat einen blitzenden Dolch dem reichen Mann an die Brust gesetzt und wiederholt in einemfort: „Rühr dich nicht, Jude, sonst ist es dein Ende, dann stech ich dich mit diesem Dolche da durch und durch." — Die anderen erbrechen Schränke und rauben. Der Ueberfallene aber bleibt ruhig. Gelassen blickt er auf den Dolch. Kein Härchen rührt sich an ihm. Es ist ja nicht seine Sache: „Gott hat gegeben," denkt er, „Gott hat genommen, der Name des Herrn sei geloht." Und seine blassen Lippen seufzen: „Man wird ja damit nicht geboren, und wird's ins Grab mitgegeben." Ruhig, ganz ruhig sieht er zu, wie man die letzte Schublade der letzten Kommode herauszieht und Säckchen hervorzerrt, die mit Gold und Silber, mit Schmuck und allerlei teuren Dingen gefüllt sind, und schweigt. . . . Doch plötzlich, wie die Räuber beim letzten Verstecke angelangt sind und ein kleines, das letzte Säckden hervorziehen, zuckt er zusammen, flammen seine Blicke auf, streckt er die rechte Hand aus, wie um ihnen zu wehren, und will schreien: „Rührt es nicht!" Aber statt des Schreies ein dampfender roter Blutstralil — der Dolch hat sein Werk getan. . . . Es ist das Herzblut, das da auf das Säckchen spritzt! Er fällt und die Räuber reisson geschwind das Säckchen auf. Es wird wohl dasBcstc u. Teuerste bergen .r Sie hatten sich bitter getäuscht. Das Blut war umsonst geflossen. Weder Gold noch Silber, noch Schmuck war in dem Säckchen gelegen. Nichts von alledem, was auf dieser Welt teuer ist. Nichts als ein wenig Erde, Palästina-Erde für das Grab. Das hatte der reiche Mann vor fremden Blicken und Händen retten wollen, das hatte er mit seinem Blute bespritzt.

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