Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 895 - 896

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Der jüdische Stil
Date
1911-10-01
Page
Seite 895 - 896 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584016-2603526--12229-2603622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

€93 Dr. A. Coralnik: Der jüdische Stil. 896 seines Sprechens. Die jüdische Sprache isL ein verständnisvolles, artikuliertes Zwinkern und Achselzucken. Wir sehen es übrigens am besten an der seltsamen, für unseren Geschmack unbegreiflichen Witzart des seinerzeit so berühmten Saphir. Der Witz dieses jüdischen „Humoristen" besteht eigentlich nur im Aufdecken der Ungereimtheiten der Sprache. Nur einem Juden, dessen innerer Rhythmus ein anderer war, als der der deutschen Sprache, der versponnenen, verklausulierten, langsam sich auswickelnden, konnten Jonglerien gelingen, wie sie Saphir zur Verblüffung seiner Mitwelt zeigte. Welchem Deutschen wäre z. B. die Frage eingefallen, warum man „behaupten" und nicht „bekopfen" sagte? Der Deutsche, und wenn er noch so nachdenklich veranlagt sei, nimmt die Sprache als Tatsache hin. Jean Paul Richter oder Lichtenberg haben die Sprache als Vehikel ihres auf Sachen gelichteten Witzes genommen. Die Sprache aber war für sie die apriorische Form. Für Saphir aber war sie selbst eine Sache, eine Frage. Denn seine Form war eine andere. Daher auch die eigenartige Form des jüdischen Witzes. Man hört ihn gern, man erzählt ihn nach, man lacht — aber lächeln, heiter gemessen kann man ihn nicht. Das Lächeln gehört nicht zum Inventar. der jüdischen Psyche. Es ist ein Lachen über Fremdartigkeiten, nicht über sich selbst, kein „metaphysisches" Lachen. * * * Der „jüdische Stil" hat sich im Grunde genommen als Stil- und Formlosigkeit gezeigt. Formlos war das jüdische Denken, wie es sich uns in den alten Kulturdokumenten darbietet, formsprengend ist es noch heute. Oder wenn man will — systemlos. Die Velleität des Talmuds in grammatischen Dingen ist A-erblüffend. Es scheint oft, dass die alten Juden noch keinen Begriff von strenger Geschlossenheit, von den Notwendigkeiten der Sprache hatten. Aber auch der osteuropäische Jude von heute kann das Joch der Spracheinheitlichkeit nicht ertragen. Diese Formlosigkeit, diese Volubilität reicht bis in die Phonetik hinein. Das Abschleifen, Verschlingen der Laute, die Vorliebe für die nicht kiangreinen Vokale sind charakteristisch für das jüdische Sprechen. Nimmt man alles in allem, so ergibt sich daraus ein selbständiges, nicht einzureihendes Formgebilde, das ich eben den jüdischen Stil nennen möchte... Er ist da — auch wo jeder Stil mangelt. Er ist auch dort vorhanden, wo jede Eigenheit verloren gegangen zu sein scheint. Er ist übrigens eine europäische Kulturform, gleichberechtigt neben allen anderen, geworden. Er ist die Kritik, die scharfe, zergliedernde, ironische Analyse, die Glosse. Er ist der impressionistische Stil. Man könnte noch weiter gehen — die Mitarbeit der Juden an der europäischen Kultur ebnet die Bahn zu neuen Denkarten, zu einer Sprengung der alten Formen, zur Ueborwindung der Trägheit und der Eingewurzeltheit. Ist nun diese Form, dieser Stil schöpferisch? Kann aus ihm und auf ihm eine neue jüdische Kultur erwachsen '? Bietet er neue Aspekte und Möglichkeiten? Warum auch nicht? Die Welt des Möglichen ist nicht begrenzt. Vielleicht gelingt es, aus dem Bizarren, Auscinanclergerissenon, innerlich Unausgeglichenen, eine neue Einheit zu gestalten, wie sie es ja einmal war. Der alte Inhalt ist allerdings vermodert — aber die alte Form ist unverändert, sozusagen die Anschauungsform der Juden. Oder sind auch hier „Anschauungen ohne Inhalt leer", oder ist es schon zu spät? . . . GESCHENKE. Nac,ulmck verbotcn- Aus den „Volkstümlichen Geschichten" von J. L. Percz. — Uebcrtragung ans dem Jüdisch-Dentschen von X. Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, da starb irgendwo ein Jude. Nun ja, er starb — man kann doch nicht ewig leben — und wurde, wie sich's gehört, begraben, nach jüdischem Brauch. . . . Die letzte Scholle fällt, der A^erwaiste Sohn sagt Kaddisch. . . . Die Seele fliegt empor, zum Urteil, vor das himmlische Gericht. . . . Und oben ist sie. Da hängt die Wage schon, auf der die Sünden und Verdienste gewogen werden . . . Der Verteidiger des Gestorbenen tritt auf, sein gewesener guter Trieb. Mit einem schneew^cissen Säckchen in der Hand stellt er sich zur rechten Wagsehale hin. ... Und nun der Ankläger, des Gestorbenen böser Trieb; sein Verführer. Hält ein schmutzig Säckchen in der Hand und stellt sich zur linken Wagschalc hin. . - . Im schneeweisson Säckchen sind die Verdienste, im schmutziggrauen die Sünden. Der Verteidiger schüttet die Vordienste aus dem schneewoissen Säckchen auf die rechte Wagschalc. Sie cluFten wie die feinsten Parfüms und leuchten wie die Sterne des Himmels. Der Ankläger schüttet die Sünden aus dem schmutzigen Säckchen auf die linke W agschale. Sie sind schwarz wie Kohle und riechen nach richtigem Pech und Teer. Die arme Seele steht da und guckt und gafft. Sie hätte sich's niemals gedacht, dass der Unterschied zwischen „Gut" und „Böse" so gross ist. Unten hat sie sie oft nicht unterschieden, beide miteinander verwechselt. Nun heben und senken sich schon die W agschalen. Bald die eine, bald die andere. . . . Und das Zünglein oben an der Wage zittert, weicht um Haaresbreite bald nach links, bald nach rechts. . Nur um Haaresbreite . . . und das auch nicht auf einmal. . . . Er ist ja ein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen, ohne die grosse Auflehnung und ohne die grosse. Hingebung. . . . Hatte also nur kleine Verdienste, kleine Sünden, ganz kleine, körnchenkleine, stäubchenkleine. ... So klein, dass man sie zuweilen mit dem Auge nicht wahrnehmen konnte. Und doch, sobald das Zünglein nur um ein Weniges nach rechts schwankt, klingen Freude und Jubel in den Himmeln. Geht es aber nach links, dann hört man einen traurigen Seufzer, der bis Gottes Thron dringt. Und die Engel schütten ganz langsam. Mit Absicht schütten sie sor Körnchen auf Körnchen, Stäubehen auT Stäubchen. Ganz so, wie behäbige Bürger „Ato haresoh" versteigern, Pfennig für Pfennig. . . . Doch auch ein Brunnen wird schliesslich ausgeschöpft. Die Säckchen werden leer. Fertig? fragt der Diener des Gerichtes, — ein Engel, wie die andern. Der gute und der böse Trieb drehen ihre Säckchen um: Nichts ist mehr darin! Und nun sieht der Diener nach dem Zünglein, nach welcher Seite hin es abgewichen ist, ob nach rechts oder nach links? Er sieht und sieht. ... Es ist etwas geschehen, was noch nicht da war, seit Himmel und Erde erschaffen wurden.1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.