Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Der jüdische Stil
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 893 - 894 (sequence 2)
- Language
- German
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893 Dr. A.. Coraluik: Der jüdische Stil. 894 der Wcltmannigfaltigkeit als das ethische. Nicht schön oder hässlich, gesundend oder schädigend, lebenerweckend oder leben zermalmend, sondern gut oder böse, gesetzmüssig, schriftmässig verbürgt oder nicht — das war der Prüfstein, üm zu einem Schlüsse zu gelangen, bedurfte die indische Logik, die sog. Nyaya-Logik, fünf oder sechs Gcdankengliedor. Die jüdische brauchte eigentlich letzten Endes nur eine: die Analogie mit der Schrift. Es war eben ein Denken in Analogien. Daher das liefe Bedürfnis der Juden nach Wundern und Zeichen, d. h. nach Greifbarkeiten und Tatsachen. Daher auch die Anhänglichkeit an das Vorhandene, an die Wirklichkeit, die in der Schrift fixiert ist. Charakteristisch sind dafür die zahlreichen Sagen, wo das Aneinandergeraten der jüdischen und nicht jüdischen Welt geschildert wird. Mag diese in Alexander dem Grossen, in einem römischen Imperator oder in einem Praetor verkörpert sein, immer setzte sich Tatsache mit Tatsache auseinander — der Wille und die Schrift. Und das geschriebene Gesetz trug den Sieg davon. Wo dies aber nicht der Fall war — und auch der optimistische Jude konnte dies nicht in Abrede stellen — nahm es der jüdische Geist als eine Verwirrung des Denkens, der Weltvernunft hin. Und war fest überzeugt, dass die Logik siegen werde. Nichts tragisch nehmen — das ist der Zug des Logischen. Nur ein Logiker, ein exakter, mathematischer und im Grunde vernunftgläubiger Mensch konnte den Satz schreiben: ,,On ne doit prendre rien au tragique." Tragik ist metalogisch, jenseits von Vernunft und logischer Norm. Es ist das Erkennen oder vielmehr das Ahnen dunkler Gewalten, die nicht einzuordnen und nicht zu erfassen sind. . . . * * * Jedem Leser der Bibel, des Evangeliums, des Korans ist es sicherlich aufgefallen, dass beinahe jeder Satz mit einem „Und" beginnt. Ein semitischer Text ist wie eine .nebeneinandergeworfene Reihe von Worten und Sätzen. Es fehlt der innere notwendige Zusammenhang, das einigende Band, es fehlen die glatten Uebergänge, die Brücken, das Periodenhafte und Gegliederte der Struktur. Das „Und" ist das Symbol dieser Sprachen. Es ist, wie L. Z i e g 1 e r sehr fein bemerkte (Wagner, die Tyrannis des Gesamtwerks, Logos 1), „das Sprachsymbol der Individuation". Ebenso wie die soziale Struktur der Orientalen eine kaum über den Agglutinationszustand hinausgewachsene war, wo der Begriff des Staates, des „Koinon" fehlt, wo also nicht die Sache, sondern die Person der letzte Zweck war — und darin liegt ja auch die Grösse der orientalischen Weltanschauung — war auch die Struktur des Denkens und des Ausdruckes atomistisch, analytisch. Es war eben ein auf dem Prinzipe der Individuation beruhender Gedankenbau. Wo der Grieche, der Lateiner entfaltete und wieder einschachtelte, ineinanderwickelte, um dann wieder kunstvoll zu entrollen, brach der Orientale mit rascher Geberde ab, um den Faden auf eine neue und besondere Art wieder aufzunehmen. Die vielen mildernden oder verschärfenden, jedenfalls aber vertiefenden Einschiebsel der okzidentalen Rede, das „aber", „denn", „nun" usw. mangeln der morgenländischen Rede. Gerade dies ist ihr Reiz und ihre Physiognomie. Anreihend im Sprechen wie im Denken, malerisch und nicht auditiv. Impressionistisch und nicht plastisch. Klassizität ist den Orientalen ein unbekannter Begriff. Aber auch Entwicklung. Der Franzose von heute oder der Deutsche weichen in ihrer Art zu reden und zu denken himmelweit ab von der der Römer oder der alten Germanen. Rassenmischung, Spraclikreuzung haben die Entwicklung gefördert. Die orientalischen Sprachen oder die ihnen geistig verwandten sind von der Zeit fast unberührt geblieben. Natürlich nicht lexikalisch. Denn nicht der Wortschatz ist für seine Sprache entscheidend, sondern die Syntax, die Form, der Stil der Rede. Es gibt wohl kaum einen grosseren Abstand, als den zwischen der Judensprache von ehedem, der Sprache, in der der Talmud und die rabbinische Literatur geschrieben sind, und der Judensprache von heute. War jene rein „semitisch"', so ist diese — sei sie „spaniolisch" oder „jüdischdeutsch" — „indogermanisch", eine Tochtersprache des Lateinischen und des Deutschen. Das „Spaniolisch", das die Juden in der Türkei, in Bosnien, in Nordafrika reden, ist ein ziemlich reines Kastilianisch, wie es im 15. Jahrhunderfc in Altkastilien gesprochen wurde, ungefähr die Sprache des Cervantes oder des Fray Leon. Das Judendeutsch, das in ganz Osteuropa die Sprache der jüdischen Massen ist, ist ein deutscher Dialekt vom Ende des 15. Jahrhunderts. Beide diese Idiome weichen lexikalisch wenig von ihren modernen vollcntwickeltcn „Basen", vom Spanischen und Deutschen ab. Sind aber dabei keine Dialekte, sondern wirkliche, eigenartige, vollgültige Sprachen. Denn hinter den Wörtern ist eine Form verborgen, die von den Juden mitgebracht wurde. Und diese ist es eben, die wir an den Denkmälern der jüdischen Antike, an Talmud und Hagada beobachten. Man spricht so oft und mit vollem Recht vom jüdischen Witz. Worin liegt aber dieser Witz? Es sind keine „Facetiae", keine Erzählungs- und Situationswitze, auch keine scharfgeschliffenen epigrammatischen „Bonmots"', keine Gegenüberstellung des Wirklichen und Seinwollenden, was nach der Ansicht der deutschen Aesthetiker (die eigentlich bloss den deutschen Witz im Auge hatten) das Wesen des Witzes sein soll. Auch löst der jüdische Witz nicht das breite, behagliche, gesättigte Lachen aus. Die Komik des Juden liegt bloss in der Sprache. Die einfachste jüdische Erzählung im Dialekt wirkt komisch. Die moderne „jiddische" Literatur besitzt einen Humoristen ersten Ranges — der' unter dem Pseudonym „Scholcm Alechem" bekannt ist. Er ist, um einen Vergleich zu ziehen, der jüdische Fritz Reuter. Aber die Mittel, deren sich dieser populäre Humorist der Juden bedient, sind ungemein einfach — sie liegen einfach in der Färbung und der Tonalität der Sprache, so z. B. seine neue komische Erzählung: „Der Topf". Diese Humoreske hat gar keine Handlung, es ist bloss ein Dialog zwischen einem Rabbiner und einer Frau, die ihn in einer „Topfangelcgenheit" befragt. Ein „Dialog'*', wo nur eine Partei — die Frau — spricht und den Zuhörer gar nicht zu Worte kommen lässt. Das Komische daran liegt im Denkprozess der Frau. Sie denkt in fortwährenden Analogien. Jedes Wort, jedes Bild erinnert sie an irgend etwas anderes, ihrer Ansicht nach Analoges. Sie spricht so lange, bis der arme Rabbiner in Ohnmacht fällt. Ihre Analogien sind aber rein sprachlicher Natur. Der Jude legt nämlich jedem Worte einen anderen, nur ihm begreiflichen Sinn bei: Die deutschen Wörter sind für ihn bloss ein unvollkommener Notbehelf, um einen Gedanken auszudrücken, der orientalisch gefasst ist. Fritz Mauthner hat auf die tiefe Bedeutung des „Wippchens" aufmerksam gemacht. Wer hinter das Wippchen kommt, wer es sozusagen bewussfc anwendet, muss ironisch reden und komisch wirken. Der Jude ist eben ein Meister, wenn nicht gar der Schöpfer des „Wippchens". Deshalb auch das interpretieren durch die Geberde, durch den Ton, der ironische Nebenton