Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Die Juden als Wehrvolk
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 875 - 876 (sequence 4)
- Language
- German
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875 Dr. 13. Wulff: Die Juden als WchrVollc. 876 höchster Anerkennung -hervorgehoben werden, dass das K. u. K. Reichskriegsmihist'erium in Wien 'in loyalster und entgegenkommendster Weise unserm Forscher alle Archive geöffnet hat und ihm auch sonst in jeglicher Beziehung an die Hand gegangen ist. Der Verfasser hat sich aber damit nicht begnügt, sondern hat eine weitausgebreitete Korrespondenz geführt und auf eigene Hand mühselige und langwierige 'Untersuchungen unternommen, die einzelnen Regimentsgoschichten studiert, Familienchroniken befragt, Aussagen von Augenzeugen gesammelt, und so das Material zu einem Standardwerk herbeigeschafft, welches eine wahre Ruhmeshalle des jüdischen Volkes werden wird. Seit 120 Jahren, nämlich seit den letzten Türkenkriegen von 1788—90, gehören Juden der österreichischungarischen Armee an, si3 haben auf allen Schlachtfeldern geblutet und überall ihre Pflicht erfüllt. Frühling lässt vor uns an der Hand der Originaldokumente die Legionen der Namenlosen auftreten, jener zahllosen „gemeinen Soldaten" jüdischen Glaubens, die" im Getümmel der Schlachten tapfer sich geschlagen und ihre Leben gelassen haben. Di? Welt (und wir Juden selber mit) wird staunen, zu erfahren, welcher Fond von militärischer Tapferkeit und Heidentum in der Seele der J uden ruht. Frühling weiss uns von Heldentaten jüdischer Krieger zu erzählen, die des höchsten Ruhmes würdig sind und es wohl verdienen, von Dichtern besungen zu werden. Nicht allein die Juden Oesterreich-Ungarns, sondern die Gesamt judenlieit, und insbesondere d ie J u den in Deutschland, die mit Recht sich den Zutritt zum Offizierkorps erkämpfen wollen, und die J u d e n i n R u . s s - 1 a n d , denen die Reaktion das Recht auf den Militärdienst rauben will, haben das g r ö s s t e u n d lebhafteste Interesse an dem ba1d ig e n Erscheinen dieses W ecke s. Wir müssen endlich selber Klarheit darüber haben, wie es um unsere Wehrfähigkeit bestellt ist, und die Welt muss es ebenfalls erfahren. Es wäre heilig? Pflicht der Grossgemeinden Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, sowie der jüdischen .Organisationen,das Erscheinen dieses Werkes zu beschleunigen und für dessen weiteste Verbreitung zu sorgen. Mehr als tausend Pariariientsreden, tausend Zeitungsartikel und Abwehrbroschüren wird dies Werk dazu beitragen, eines der drückendsten und beleidigendsten Vorurteile gegen uns zu zerstören. Dr. B. Wolf f. SEIN ERSTER VERS. Von Theodor Zloeisti. Nachdruck verboten. Die alte Kirchuhr hatte der träumenden Welt die zweite Stunde geschlagen. Schwer und in der Wehmut, dass sie in das nächtige Vergessen rufen musste vom ewigen Hinrieseln des Lebens. Das dürre Gezweig an den stolzen Pappeln und an den demütigen Sträuchern lauschte. Aber der Gleichmut ihrer Seelen sagte der Ruf der Glocke nichts, das sie erregte. Und. der Traum legte wieder seine weiche, schützende Hand auf sie. Nur die Luft, dn stets geplagte, weil sie die Worte der Himmel und die Seufzer der Erde hintragen muss zu lernen Zielen, nur die Luft bebte auf und trug die Kunde der Kirchuhr in die dunklen Stätten der Kranken wie ein gütiges Geschenk der Tröstung, dass bald, ja bald, der segnende Morgen käme. Da war es, dass Eli jäh aus seinem Schlafe aufschreckte. Es war nicht ein leises Hinaussteigen aus den tiefen Tälern des Schlafes in. das helle Reich wachen Lebens durch jenes dämmernde Gewölk, da Schlaf und Wachen ineinanderf Ii essen. Es war ein Sturz von einem Fels, den die Sonne den langen Tag geküsst, in die Kälte eilender Wellen hinein. So jäh erwachte Eli. Mit der Hast des Ertrinkenden riss er die Decke von sich, die auf ihm lag, und mit solcher Wucht, als hätten alle Kräfte seiner Sehnen sich zu einem Werke geeint. Nur dieses gewaltsame Zusammenraffen konnte ihm Befreiung geben. Nicht die Weichheit einer Federdecke, sondern die lastende Wucht eines' schweren, vielkaniigen Felsblockes mit scharfen Spitzen und Ecken lag auf seiner Brust, das Spiel des Auf und Nieder hemmend, und also der nächtlichen Luft den Eintritt in die Lungen wehrend. Kaum noch die kurze Spanne einer Sekunde, und er läge erdrosselt auf seinem Lager. Und da sich Muskel und Sehne strafften, die Last hinwegzuschleudern, und sich die Lider ineinanderschlossen und alle Sinne nach dem Leben krampften, war ihm, als wüchse aus dem grauen Fels ein Haus empor, gross und weit. Ziegel reihte sich an Ziegel, nur die Schwere kennend, zur Last geboren und ohne den Willen, sich zur Schönheit zu fügen. Und immer vertrauter, mit verletzender Vertraulichkeit und höhnend blickten, die starren Steine auf ihn herab. War das nicht jenes rote Gemäuer, in das er durch viele Jahre seine durstende Seele getragen, die er mit tiefen, klaffenden Wanden und schwerer blutend von Tag zu Tag an den elterlichen Tisch heimgeführt? Er lag unter dem Scliulhaus nun selbst, nachdem es lange zuvor schon seine Jugend zerdrückt und vergraben hatte. Nur sein Kopf war frei, und die quellenden Augen sprengten den Wall der zusamm.engepressten Lider und blickten an der steilen Wand des Hauses empor. Die Fenster waren weit geöffnet, und lachende Gesichter blonder Knaben blickten heraus und spien aus ihrer geschützten Höhe so sicher wie zielgeübte Schützen auf das zerquälte Haupt nieder, das am Grunde des Hauses hervorlugte. Und neben ihm, also dass das Schwarz ihrer Schuhe sich in das 'Dunkel seiner lockigen Haare tauchte, standen Männer mit grossen Brillen und säuberlich geschnittenen Härten, und ein Wohlgefallen an dem hosen Spiel der Buben drängte sich in ihre'harten, steifen Züge ein. Und ein Mann stand dabei, dürr und lang, und seine Augen waren von einem garstigen dunkeln Grau und so spitzig wie Schreib federn, die eben rosten, und er beugte sich nieder und packte mit rohen, harten Fingern um Elis Hals, und dieweil seine Lippen übertreffen von süsslicher Rede, presste die Hand rote Striemen in die Haut des Halses, durch die ein dunkelblau Crcäder hervorquoll. . . . Nun aber, da Eli die wuchtende Last von sich geworfen, öffneten sich seine Lippen, und das süsse Gefühl des Lebens zog wieder in seine Brust. Er