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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 871 - 872

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Die Juden als Wehrvolk
Date
1911-10-01
Page
Seite 871 - 872 (sequence 2)
Language
German
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871 Dr. B. Wulff: Die Juden als Wehrvolk. 872 Disziplin überhaupt in einem Heere bestellt wäre, wenn der Soldat, bevor er dem Offizier gehorcht, sieh; erst dessen Nase oder dessen Stammbaum genau besehen und dann einer strengen anthropologisch: genealogischen Prüfung unterwerfen würde. Aber das focht den Herrn Oberst a. D. gar nicht an. Er gab gerne zu, dass die Juden hervorragende Begabung besitzen; sie hätten auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Hervorragendes geleistet. Umsicht, Energie, Selbstbeherrschung, Wagemut, Entschlossenheit, Kaltblütigkeit, Verantwortlichkeitsgefühl miissten ihnen ohne weiteres zuerkannt werden. Und der W eg zu allen öffentlichen Aemtern müsse ihnen freistehen. Nur Offiziere.dürften sie nicht werden, auch wenn sie dazu ausserordentlich befähigt wären. Denn das würde den Stil und den Rhythmus und den Geschmack verderben und den ganzen Stand herabsetzen. Und würden dann noch, die reich gewordenen Bierbrauer und . Fleischhauer und sonstige . Kommerziell- und Kommissionsräto (vgl. „Rosenmontag") es als ihr höchstes Ideal, als Krönung ihres arbeits- und erfolgreichen Lebens ansehen, einen Leutnant Schwiegersohn nennen zu dürfen?. . . . Ich dachte unwillkürlich an Atta Troll, der so lieblich und wahr singt: Ja, sogar die Juden sollen Volles .Bürgerrecht gemessen, Und gesetzlieh gleichgestellt sein, Allen anderen Säugetieren. Nur das Tanzen auf den Märkten Sei den .Juden,- nicht gestattet; Dieses Amendement mach ich Im Interesse meiner Kunst. Denn der Sinn für Stil, für strenge Plastik der Bewegungen, fehlt Jener Rasse;* sie verdürben Den Geschmack des Publikums. Das ist ebenso weise als schön. Nur vergass jener feudale Herr, dass heutzutage die Führung in Staat und Gesellschaft, das Gebieten, Befehlen und Organisieren nur noch zu einem verhältnismässig geringen 'feil in den Händen der Kapitäne des Militarismus ruht; dass heutzutage die Kapitäne der Industrio und des Handels quantitativ; und qualitativ ungleich viel mehr gebietende und organisatorische Macht ausüben, wenigstens in Friedenszeiten, als alle ■kommandierenden Generäle zusammen.. Es liegt offen und klar zutage und wird von keinem bestritten, dass Deutschland seine beherrschende, neiderweckende Stellung in d«'P Weltwirtschaft zu einem beträchtlichen, ja zu einem unverhältnismässig grossen Teil seinen Juden verdankt. Aber die, die Fähigkeiten besitzen, weltumspannende Unternehmungen'zu organisieren und zu lenken, Legionen von -Angestellten und Arbeitern zu befehligen, wären ganz ausserstande, eine Handvoll pommerischer Bauernsöhne auf dem. Exerzierplatz zu kommandieren! Im Mittelalter wurden die Konzilien nicht müde, christlichen Dienstboten zu verbieten, bei Juden Dienst zu nehmen, denn es sei wider die göttliche Ordnung, dass die, für welche Christus am Kreuz gestorben, und die zur ewigen Seligkeit berufen seien, von den verworfenen Juden sich befehlen lassen, die unsern Herrn gekreuzigt haben und deswegen, hienieden zur ewigen Sklaverei, drüben im Jenseils aber zur ewigen Verdammnis bestimmt seien. Es ist derselbe Geist, der heutzutage die Juden als unwürdig erachtet, christlich germanischen Soldaten zu kommandieren. Doch darf nicht übersehen werden, dass hier auch noch das Vorurteil de^ Adels der Roture gegenüber mitspricht. Der Adel glaubt, er sei allein geschaffen, zu kommandieren,, er. allein besitze die dazu nötige „Schönheit der Geste'"', das Bürger pack dagegen sei zum Gehorchen da. Und nun erst die Juden!'. . . Hier werden theoretische Auseinandersetzungen nichts nützen, nur das Leben und die .Wirklichkeit können solche Vorurteile zerstören, aber auch sie nur. sehr langsam und schrittweise. Hat aber das Leben und die Wirklichkeit schon irgendwo das Experiment mit Juden gemacht, um zu erproben, ob sie sich als Offiziere einer grossen Armee bewährt haben? Die Antwort darauf gibt uns ein junger jüdischer Historiker, M o r i t z Fr ü h 1 i n g , in seinem soeben erschienenen „Biographischen Handbuch der. in der k. u. k. österreichisch-ungarischen Armee und Kriegsmarine aktiv gedienten Offiziere, Aerzte, Truppen-Rechnungsführer und sonstigen Militärbeamten jüdischen Stammes".1) Der Verfasser, selber Soldat, hat sich eine hohe Aufgabe gestellt, zu deren Bewältigung die ganze Begeisterungsfähigkeit und der Mut der Jugend, vereint mit der Besonnenheit und Zähigkeit des reifen Alters gehören. Er will „Oesterreich-Ungarns Juden in Heer und Marine" auf Grund der amtlichen Akten und Dokumente schildern, und was uns sein vorliegendes biographisches Handbuch bietet, ist nur ein kurzer Auszug aus jenem grossangelegten Werke. Es sind nur kurze biographische Daten, die wir vor uns haben, aber welch eine merkwürdige Welt tut sich vor uns auf! Da marschieren vor uns auf ein Feldmarschallleutnant, fünf Generalmajore, siebzehn Oberste, fünfzehn Oberstleutnants, achtundvierzig Majore, ferner ein Konteradmiral, drei Linienschiffskapitäne, ein Generalschiffsbaumeister, ein Oberstingenieur. Die niederen Chargen und das militärärztliche Korps —■ es waren z. B. zehn Generalstabsärzte — nicht zu erwähnen. Bei jedem sind, nach den militärischen Akten, die mitgemachten Feldzüge aufgezählt und die erhaltenen Dekorationen verzeichnet. Bei sehr zahlreichen besagt die Fussnote, dass „die Tatgeschichte des Betreffenden in dem grossen Werke ausführlich gewürdigt werden wird''. Eigen tümlich berührt es, den zahlreichen hohen'militärischen Orden preussischer und russischer Herkunft zu begegnen, die die Brust dieser fremden jüdischen Offiziere schmücken, aber für einen preussischen. oder russischen Juden unerreichbar sind. Viele von ihnen sind in Anerkennung ihrer Verdienste in den .Adelsstand erhoben worden, manche mit ehrenhaften und schwierigen Missionen betraut worden. So repräsentierte der Generalmajor Simon Vogel sein Regiment, dessen Inhaber der König von Spanien ist, bei dessen Vermählungsfeier zu Madrid im Jahr 1906. Eine unverhältnismässig grosse Anzahl dieser Offiziere stammt aus den östlichen Provinzen des Reiches, Galizien, Bukowina, Ungarn, deren Juden im allgemeinen Vorurteil als die kriegsuntüchtigsten gelten. Bei manchen Namen würde ein preussischer Leutnant wohl seltsam den Mund verziehen, z. B. Oberst Michael Mersch, Oberst Israel Mersch kowitz, Oberstleutnant Salomon Strauss, Generalmajor Moses Götzel. Der Marine-Oberst-Ingenieur hiess Moses Burstyn und stammte aus Lemberg. Es ist zu bemerken, class dn meisten von ihnen aus den ärmsten jüdischen Schichten hervorgegangen sind und ihre Karriere nur der eigenen Tüchtigkeit verdanken. Die weitaus meisten sind x) Im Selbstverlage des Herausgebers, "Wien II, Taborstr. 20.

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