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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 837 - 838

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Genug der Versäumnisse
Date
1911-10-01
Page
Seite 837 - 838 (sequence 3)
Language
German
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837 Genug der Versäumnisse. 838 bass biese Ctablierüng unserer Red)t losig keit in Russlanb eine Versuchung für bie anbeten Staaten unb Völker bilbet. Wel)e uns aber, wenn einmal öer erste Schritt getan ist, wenn wir einmal aud) nur um F5aaresbreite von ber allgemeinen Staatsbürgerplattform weggerückt würben! 3urück ist bann schwer, unb weiter seljr leicht Hun sinb wir ja-allerdings nod) nid)t so weit unb brauchen nod) nid)t ben (Put 511 verlieren. Wir bürfen uns aud) nod) bamit trösten, bass selbst von Pogromen bis 311m ersten Rusnal)megeset5 nod) ein langer Weg ist unb bass bie westlichen Staaten vermöge ihres innersten Daseinsprinjips ihn nid)t besd)reiten ober wenigstens nid)t in bie Häl)e ber £nbstation kommen werben. Aber bieser Trost ist ein hinfälliger, wenn wir bie Relativität alles gesd)id)tlicl)en 6e[d)el)ens vergessen, wenn wir il)m blinb vertrauen, statt kämpfend unb uns selbst bestimmenb in bie Rrena 3U treten. Gewiss verträgt ber moberne Staat keine Rusna!)msgeset3e gegen gan3e Gruppen, bod) nur gegen solche nid)t, bie sid) füllen, bie selbst ein Stück ber rastlosen, selbstbewussten Energie bes mobernen Staates in sid) verkörpern. Gruppen jebod), bie sid) nid)t fül)len, bie im schlaffen Pessimismus ober aud) Optimismus bal)invegetieren, bie sid) selbst aus ber Eiste der Cebenben streichen, - bie forbern seine Reaktion heraus, appellieren förmlich an alle il)nen feindseligen Gräfte, schreien gerabe3u nad) £ntred)tung. Unb je jünger ihre bürgerliche €xisten3 im Staate ist, je frischer nod) ihre frühere Knechtung in Erinnerung alter, je stärker unb älter bie atavistische Rbneigung gegen sie ist, besto rascher kann bas „Unmögliche" geschehen unb ber moberne Staat sein „innerstes Daseinsprinsip" an ihnen verleugnen. Darum gilt es, bie Gefahr 311 erkennen unb sid) 3U rühren. Wenn wir nid)t wollen, bass wieber die3eiten bes (Pittelalters für bie gesamte Jubenheit hereinbred)en, bass ihr nid)t überall ein (Parokko unb Persien bereitet werben, bann bürfen wir keinen Rugenblick mehr verlieren. Genug ber Ver= Säumnisse! Schon bamals, als Rumänien in Rnsehung seiner Juben ben Berliner Vertrag brach, hätten wir unsere Rräfte sammeln, beraten unb hanbeln sollen. Wir taten es nid)t unb haDen wenigstens bie Entschuldigung für uns, bass wir bamals, in ber Blüteseit bes /Liberalismus, benn bod) nod) keine Rhnung hQDen konnten, bass ba wirklich bie alte, böse Saat wieber aufgehe. Die ersten russischen Pogrome vor 3wei Jahrsehnten waren bie 3weite (Pahnung. Wir überhörten aud) sie. Glaubten nod) immer, es werbe vorübergehen. Vielleicht durften wir bas nod) glauben. Aber bie grauenhaften russisd)en Pogrome bes legten Jal)rsehnts hätten uns jebenfalls nid)t mehr taub finben bürfen unb bod) blieben wir es nod) immer: €ine Wüste, in ber nur vereh^elte Stimmen erklangen, bie nad) Organisation unb Rrbeit riefen..... Hun gellt bie vierte, ernsteste, bie let3te (Pahnung an unser Ohr. F5üten wir uns, aud) sie 3U überhören! Unb rechtfertigen wir nid)t unsere Gleichgültigkeit unb Trägheit mit bem Cinwanb: „Was können wir tun?" Denn vor uns liegen reiche Rrbeitsgebiete, sofern wir nur vorerst ben taktischen und ted)nisd)en F5auptfel)ler unseres bisherigenVer* haltens erkennen unb ihn aus3ubessern uns entscl)liessen. £s ist ja rid)tig, bass unsere Situation in-- mitten ber Völker keine günstige ist. Wir sind unter ihnen serstreut, in verschiedene Interessen^ kreise gebannt, von verschiedenen ftompeten3en abhängig, daher von vornherein nicht sehr geeignet, das, was unser gemeinsames Interesse ist, mit besonderem nad)druck 3U vertreten. Rber statt unseren Geist in ben ftampf mit bieser Un gunst 3U sd)id^en, bamit er (Pittel ersinne, sie 311 sd)wäd)en unb uns 3U stärken, hQDen wir uns ihr auf Gnabe unb Ungnabe unterworfen. So haben wir ben Sinn für Wesen unb €rforbernisse ber Gesamtheitsarbeit verloren unb uns gewöhnt, bie (Pethoben unseres persönlichen Daseins* kampfes auch bann ansuwenden« wenn es sid) nid)t um uns als Cinselpersonen, sonbern um bie jübisd)e Rllgemeinheit handelte. Von irgenbweld)en weitsd)auenben, vorbeugenben Rktionen war keine Rebe, aber aud) ber Heimsuchung, bie sd)on ba war ober unmittelbar bevorstanb, traten wir nid)t geschlossen, nid)t gesammelt, nid)t autoritativ, traten überhaupt nid)t w i r entgegen, sonbern der ober jener, ber sid) gerabe berufen glaubte unb es oft genug nid)t war, ein (Panbat aber niemals besass. Selbstverstänblid) konnte bieser ein3elne aud) bie glän3enbsten Geistesgaben, sofern er sie hatte, unb bie reichsten persönlichen (Pachtmittel nid)t so anvvenben, wie es notwenbig gewesen wäre. Denn er sah immer nur Rufgaben bes Rugenblicks, immer nur Reparaturen, immer nur Angelegenheiten 3ur Erledigung, niemals grosse Rufgaben, niemals 3iele ober Richtungen, niemals bie Cebensbedürfnisse ber Gesamtheit vor sid). Unb immer war er nur ber Bittsteller, ber §ür* fpred)er, ber Rusnutjer von persönlid)en Be* 3iet)ungen unb Verbinbungen, niemals ber saa> lid)e Rnwalt, ber legitimierte Interessenvertreter.

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