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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 759 - 760

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Isak Noah Mannheimer
Date
1911-08-01
Page
Seite 759 - 760 (sequence 5)
Language
German
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759 Dr. M. Rosemnann, Wien: Isak Noali Mannheimer. 760 vom Oberkantor Sulzer, erschien Mannheimer in der katholischen Kapelle, um dort bei den jüdischen Opfern seine Pflicht als Seelsorger zu erfüllen. Vom -wohl verlässlichstem Zeugen, von dem eben erwähnten Professor Füster, ist ein ausführlicher Bericht erhalten geblieben. „Als wir — erzahlt Professor Füster — vor die Kapelle im allgemeinen Krankenhause kamen, erblickte ich den Oberrabbiner Mannheimer und den Kirchensänger Sulzer in ihrem Ornate in der Ferne bei den Särgen der gefallenen Juden in einer gewissen Bescheidenheit stehen, die mich tief rührte. Ich ging vor dem gesamten Publikum zu ihnen und sprach mit Fleiss sehr laut, damit es alle hörten: „Meine Herren Kollegen, wir sind alle hier in demselben Amte, um denen, die für die Freiheit gefallen sind, die letzte Ehre zu erweisen. Wollen wir sie ihnen nicht gemeinschaftlich erweisen? Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, sich an uns anzuschliessen, damit wir gemeinschaftlich ihnen allen unsere Achtung bezeugen?v' Die beiden Ehrenmänner reichten mir die Hand und schlössen sich mit Freude an uns katholische Priester an, sie nahmen mich in die Mitte und der lange Gang auf den Friedhof war einer meiner schönsten. Altes und neues Testament reihte sich unter die Fahne der Freiheit. Das Volk sah mit Verwunderung und Freude auf die geistliche Gesellschaft; es war ihm eine unbekannte Erscheinung, jüdische und katholische Priester in ihrem Kirchenornate gerne inschaftlich ihre Funktionen ausüben zu sehen." Um y23 Uhr setzte sich der unabsehbare Zug in Bewegung. Auf dem Friedhof angelangt, wurden sämtliche 15 Särge in eine grosse Grube gemeinschaftlich versenkt, worauf bei dem sich erhebenden Grabeshügel die Leichenreden begannen. Mannheimer hielt die erste Ansprache, ein Meisterstück religiöser und politischer Beredsamkeit.] Nun stand er in der Mitte der politischen Ereignisse. Seinem Tagebuch entnehmen wir," dass er am 24. März dem Steuerausschusse zugezogen wurde und dort eine Rede über die konfessionelle Frage hielt, dass er dem Komitee zur Unterstützung der Verwundeten und der Hinterbliebenen der Märzgefallenen angehörte und bei demselben im Namen der Judenschaft 2101 Gulden erlegte: dass er am 31. März eine „Erklärung über die Judenfrage" veröffentlichte und dem Ausschüsse einen „Gesetzesentwurf" in diesem Sinne übergab. Bald entsandte ihn die Stadt Brody in den Reichstag, wo er im Vereine mit F i s c h h o f , Dr. Gold m a r k und M. e i s e 1 s für die Aufhebung der Judensteuer mit aller Kraft eintrat und diese auch zu erwirken vermochte. — Als aber die Zeit der Reaktion hereinbrach und den Juden Stück für Stück der ihnen eingeräumten Rechte entzogen wurde, da tröstete er die Betrübten, richtete auf die Niedergedrückten und stachelte die Reichen und Vornehmen, die Starken und Isak Noah Mächtigen auf, die Pflichten gegen die Gesamtheit Mannheimer, zu erfüllen. piakette. Oberkantor Salomon Sulzer. „Wo sind unsere Reichen mit fürstlicher Pracht, wo die Schöpfungen und Werke, die sie ins Leben gerufen, mit schöpferischer Hand geschaffen, mit wohltätiger Hand ausgestattet und gerüstet? Wo sind unsere Helden, die ehrenhaft ihr Volk vertreten, sich in den Riss gestellt, wenn man ihm an Ehre, Seel' und Leben ging? Wo sind die Erlauchten, wo das Heil, das sie dem zerfallenen und versunkenen Volke verliehen?" — Ein neues Geschlecht war unterdessen herangewachsen. Neue Männer traten an die Spitze der bereits von der Regierung anerkannten Kultusgenieincle. Mannheimer blieb auch diesem^der vielverehrte und vielgeliebte Seelsorger, der Patriarch, zu dem alles aufschaute, selbst dann, als ein neuer Stern, Adolf J e 11 in e k genannt, aufstieg, der von der Kanzel des im Jahr 1868 erbauten Leopoldstädter Tempels die jüdische Welt mit seinen glänzenden Reden entzückte. Noch 1860 wurde Mannheimer von jüdischer und christlicher Seite ein Wiener Abgeordneten-Mandatfür den niederösterreiehischen Landtag angeboten; er schlug es aus. Er fühlte sich bereits müde, zudem hatte er tiefen Kummer in seiner eigenen Familie erlebt. Ueberaus glücklich war sein Familienleben gewesen. Dort an der Seite seiner geliebten Gattin, umgeben von begabten Söhnen und Töchtsrn, schöpfte er die erstaunliche Kraft für seine unermüdliche Tätigkeit. Am 26. November 1858 wurde ihm die treue Gefährtin entrissen. Bald hernach erkrankte auch sein ältester Sohn Theodor, der nach langem Leiden fern von der Heimat in Venedig im Jahr 1S62 von seinen Schmerzen erlöst wurde. — Um so mehr war die Gemeinde bestrebt, Mannheimers Lebensabend zu verschönern. Als sein 70. Geburtstag, der 17. Oktober 1863, nahte, ergriff das Wiener Judentum fast ein Freudentaumel. Die Gemeinde, Vereine und Einzelne überboten einander inOvationen für den Jubilar; auch ausderFerne eilten Deputationen herbei, so aus Brünn, Prag, Pest, Breslau, um dem alten Meister zu huldigen. Die Wiener Kommune verlieh ihm taxfrei das Bürgerrecht und entsandte ihren Bürgermeister Dr. Zelinka ins Gotteshaus, die Regierung liess sich beim veranstalteten Festmahl durch den niederösterreichischen Statthalter G r a f C h'o rinsky vertreten, die „Konkordia" ernannte ihn zum Ehrenmitglied; die Brüder Johann und Richard Strauss wirkten bei einem Mannheimer dargebrachten Ständchen mit; die Kultusgemeinde widmete ihm einen Ehrenpokal, mit Golddukaten gefüllt, seine Freunde prägten eine Plakette und gründeten zur ewigen Erinnerung die „Mannheimer Stiftung". An diesem seinem höchsten Ehrentag sprach Mannheimer voll Todessehnsucht das Gebet: „Nach all diesen Ehren nimm Du, o Gott, mich in Ehren auf . . . Die letzten Jahre haben mich gebeugt und niedergedrückt." — Sein Wunsch sollte schon nach einem halben Jahr in Erfüllung gehen. Samstag, den 18. März 1865, hauchte er seine edle Seele aus. Ein Geistesfürst war inlsrael gefallen, viel beklagt und viel beweint. 1804 — gest. 1890.

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