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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 751 - 752

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler
Date
1911-08-01
Page
Seite 751 - 752 (sequence 3)
Language
German
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751 Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler. 752 lernte auf der Jesehibah in Prag Talmud, studierte in Leipzig Philosophie und Sprachen und promovierte dortselbst im Jahre 1861 zum Dr. phil. Nach England zurückgekehrt, wurde er zum Rektor des Rabbinerseminars und bald darauf zum Rabbiner der neu gegründeten Gemeinde im Westend von London, Bayswater, ernannt. 1879 wurde er zum stellvertretenden Chief-Rabbi und 1891 zum Chief-Rabbi als Nachfolger seines Vaters ernannt. Dr. Hermann Adler schrieb einige wissenschaftliche Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft des Judentums, einen Band formvollendeter Predigten und ein grösseres Memoirenwerk, das einen kulturgeschichtlichen Wert besitzt. Er war Ehrendoktor der Rechte und Ehrendoktor der Literatur der Universitäten Oxford und St. Andrews, ausserdem noch Kommandeur des Victoria-Ordens. Er hinterlässt neben seiner Witwe zwei Töchter. Die eine, Frl. Nettie Adler, ist Mitglied des Londoner Stadtrates und eine bekannte Pliilanthropin, die andere ist an Herrn Dr. Eichliolz, einen Regierungs- Schulinspektor, verheiratet. Der König, viele Hofmitglieder, die Bischöfe und die Spitzen der englischen Gesellschaft sandten Beileidskundgebungen an die Witwe und Hessen sich bei der Beerdigung vertreten. Sein Andenken wird in der Geschichte der englischen Judenheit fortleben. London, Ende Juli 1911. ISAK NOAH MANNHEIMER. Das Lebensbild eines jüdischen Seelsorgers. Von Rabbiner Dr. M. Kosenmann (Wien). Nachdruck veiboten. Der Name'lsak Noah Mannheimer weckt die Erinnerung an eine der wichtigsten und glanzvollsten Epochen des österreichischen Judentums, an eine Epoche, die nichts Geringeres als die politische, kulturelle und religiöse Wiedergeburt desselben, die Aufrichtung aus dem tiefsten Verfall bis zur Höhe des Erstrebens, Erkämpfens und Erringens der politischen Freiheit und in gleichlaufender Aktion die Schaffung und Gründung der grossen Wiener Kultusgemeinde mit den meisten ihrer herrlichen Institutionen — fast aus dem Nichts hervorgerufen und durchgeführt hat; eine Epoche, die eine lulle historisch bedeutender jüdischer Männer, die Träger eben dieser Umwälzung und Schöpfung aufzuweisen hat, aus deren vorderster Reihe uns die stille Grösse Mannheimers entgegentritt. Graetz, der ihn im elften Band seiner Geschichte der Juden dithyrambisch als die Personifizierung der harmonischen Vereinigung der Kultur des Abendlandes mit der Religiosität des Morgenlandes feiert, bezeichnet ihn geradezu als den eigentlichen Gründer der Wiener Kultusgemeinde und Zivilisator des österreichischen Judentums, wobei er in seiner drastischen Art hinzufügt: „Ein Häuptling, welcher mit einer Schar halbwilder Menschen inmitten der widerwärtigsten Kämpfe und Gefahren eine Kolonie gründet, sie veredelt und zu einem musterhaften Gemeinwesen umbildet, hat kein grösseres Verdienst, als sich Mannheimer um die Gründung der Wiener Gemeinde erworben." Professor Martin Philippsolln in seiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" schreibt in gemessenen, aber vielsagenden Worten: „Man ■ fand für die neu zu errichtende Synagoge der Hauptstadt einen Prediger, der ihr bald großen Glanz und weithin reichende Wirkung verlieh" und fügt hinzu, daß „hiedurch der politischen Gleichberechtigung der Juden die wesentlichsten Dienste geleistet wurden, ist unbestreitbar." In gleichem Sinne äußerten sich auch die Vertreter der Gemeinde im Jahre 1856 anläßlich der 30jährigen Wirksamkeit Mannheimer.?, dem sie Dank abstatteten „nicht nur im NamenT der repräsentierten Gemeinde, sondern auch im Namen aller im Vaterlande und weit über dessen Marken hinaus, wohin Ihr beredtes Wort, Ihr heilbringender Vorgang die Wirkung entsendete." Mannheimer selber bezeichnete sein Wirken zwei Jahre vor seinem Scheiden mit den tief rührenden Worten: „Ich war meiner Gemeinde nicht der Priester, der fungierende; ich war ihr mehr als das; ich war ihr Vater, Ereund und Bruder. Sie war das Kind meines Herzens, sie war meine Sorge bei Tag und Nacht. — Ich war jung und bin alt geworden und habe es nicht verlernen können, an allem, was die Gemeinde Gottes betroffen, in ihrer Gesamtheit wie in ihrem Einzelnen Anteil zu nehmen in Leid und Freud, als hätte es mich betroffen. Ich habe das Glück und den Frieden meines Hauses nie obenan gestellt. Das Haus Gottes war mein Haus, wie seine Ehre mir am Herzen lag; das Haus Israel — mein Haus, meine Familie, deren Wohl und Wehe mich tief bewegte und keine Stunde meines Lebens mir freiliess." Dem Wesen und Wirken dieses fast legendär gewordenen herrlichen Mannes nachzuspüren, ihn in seinen wichtigsten Eigenschaften und Zügen festzuhalten und vorzuführen: diese Aufgabe ist nicht wenig gefördert worden durch die mir gelungene Auffindung eines wichtigen Behelfes, eines Tagebuches, von Mannheimer selbst stammend, eines Journals, wtie er es nannte, beginnend mit'dem 24. Januar 1829 und schliessend mit dem 17. Februar 1S65, in das Mannheimer Tag für Tag mit eigner Hand alle Begebenheiten und Ereignisse in lapidarer Form eintrug und das mit seinen 302 Seiten sowohl einen tiefen Einblick in Mannheimers Seelenleben gewährt, als auch den verlässlichsten Wertmesser für die Art seines Schaffens bietet. Der politische Hintergrund, von dem Mannheimers Gestalt in den ersten Stadien seiner Tätigkeit siclvabhob, darf als überaus düster und" trüb bezeichnet werden. Der geräusch- und prunkvolle Wiener Kongress des Jahres 1814, an den die österreichischen und deutschen Juden grosse Erwartungen geknüpft hatten, zumal er der Welt das seltene Schauspiel bot, dass die über das Schicksal von Ländern und Völkern entscheidenden Staatsmänner in den Zauberkreis eines jüdischen Salons, der l. Baronin Fanny von Arnstein sich drängten, erwies sich als schwere Enttäuschung. Den österreichischen Juden brachte er keine Verbesserung der Lage, den *H Isak Noah Mannheimer. üfach einem im Besitz der Familie Finkel-Singer (Wien) befindlichen Original (geb. 1793 — gest. 1865).

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