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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 749 - 750

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler
Date
1911-08-01
Page
Seite 749 - 750 (sequence 2)
Language
German
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749 Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler. 750 hatte. Dr. Adler war ein unermüdlicher .Arbeiter, insbesondere wo es galt, die Interessen der Gesaintjudcnheit wahrzunehmen. Ort liat eine Unglücksbotschaft aus Russland, Rumänien oder Marokko seine Nachtruhe gestört. Noch als alter, kränklicher Mann lief er oft in kalter, regnerischer Mitternacht zum Minister des Aeussern, um für Gut und Leben seiner verfolgten Brüder zu flehen. Als ihn die ersten Telegramme über die grossen Pogrome in Russland von 1905—06 erreichten, brach er in Tränen aus und weinte — der damals schon hoho Sechziger — wie ein Kind. Aber ein Mann der Tat raffte er sich bald zusammen, leitete jene grossartige Hilfsaktion ein, die viel zur Linderung der Not der Pogromopfer beige- ___________________ tragen hat. Als angesehener Vertreter der englischen Judenheit setzte er sich mit den christlichen Bischöfen, die ihn als vollen Kollegen ansahen, in Verbindung und veranlasste so die Riesen- Protestmeetings in England, an denen sich '.das ganze englische Volk beteiligte. Dank seiner Verwandtschaft mit dem Hause Rothschild war es ihm oft möglich, finanzielle Summen für die Opfer der Ungerechtigkeit und der Verfolgung aufzutreiben, wie keinem anderen jüdischen Führer. Obwohl von Natur gutmütig, konnte er manchem Grossen gegenüber sehr hurt werden, und wo es sieh um die verfolgten .luden im Osten handelte, verstand er keinen Spass. — Natürlich brauchte er nie den Rothschilds gegenüber hart zu sein, denn sie gaben ihm jede Summe, die er verlangte, aber es gibt in England eine gewisse Kategorie von hochgekommenen Juden, die keine philanthropischen Traditionen der Rothschild: Dr. Adler allein für die tercssieren verstand. Als die traurige Kunde von seinem Ableben sich im Londoner Ghetto verbreitete, trauerte alt und jung, denn in ihm verloren die unglücklichen Ghetto-Insassen einen warmen Fürsprecher und einen tapferen, unermüdlichen Verteidiger ihrer materiellen Interessen. Das bibelfeste englische Volk verehrte den Chief-Rabbi und ein Strahl dieser Verehrung fiel auf die Juden in England und auf die Juden überhaupt zurück. Er verstand es wie kein anderer, die Juden zu vertreten. Nach seinem Tode schrieb eine grosse englische Tageszeitung: ,,\Yenn Dr. Adler kein Chief-Rabbi geworden wäre — würde er wahrscheinlich ein grosser Diplomat geworden sein, denn er war ein Genie des Taktes und ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle." In ähnlichem Tone der Verehrung und Bewunderung Hess sich die gesamte englische Presse über Dr. Adler aus — von ^^^P / Chief^Rabbi Dr. Hermann Adler. haben und di > nur verfolgten Juden zu inder,,Times'*' bis zur kleinen Dorfzeitung der entlegenen Provinz. Es ist schon einleitend von seinem düstern Lebensabend Erwähnung getan worden. Acht Monate vor seinem Tode starb ihm sein einziger, viel verheissender Sohn in der Blüte seines Lebens. Damit war die Dynastie eines alten, berühmten Rabbinergeschlechts" erloschen. Vor zwei Monaten ist ihm sein Bruder Markus Adler im Tode vorangegangen. Neben diesen traurigen Ereignissen persönlicher Natur kamen amtliche Schwierigkeiten hinzu. Als Dr. Hermann Adler in sein hohes Amt eingesetzt wurde — es war im Jahre 1891, zählte die Londoner Judenheit kaum 80 000 __________ Seelen, und im Laufe der 20 Jahre hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. Sein Amt wurde immer schwieriger, weil die neuen Ankömmlinge sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzten, und Dr. Adler es nicht jedem recht machen konnte. Dem einen war er zu fromm, dem andern zu wenig orthodox, die einen zeihten ihn der Assimilation, die andern des starren Traditionalismus. Je mehr die jüdische Bevölkerung wuchs, desto grösser wurde seine Arbeit, denn die englische Judenheit ist zentralistisch organisiert und alle religiösen Institutionen des Landes unterstehen der u n mittel baren V erwaltung und Aufsicht des Chief- Rabbis. D r. Adler musste oft an einem Tag fünf verschiedenen Versammhingen beiwohnen und fünfmal sprechen — zu seinem Ruhme sei es gesagt — er versprach sich ni3inals. Er war Vorsitzender von unzähligen sozialen, religiösen und Erziehungsinstitutionen, dazu noch Chef des Londoner Beth-Din. Als'solcher oblag es ihm, die Funktionen eines Zivil- und Friedensrichters auszuüben. Wenn zwei Whitechapelcr Juden geschäftliche oder andere Differenzen hatten, liefen sie zu Dr. Adler — resp. zum Beth-Din, dessen Vorsitzender er war. Oft schickten die Londoner Richter die Juden zu Dr. Adlers Beth-Din, soviel Vertrauen setzten sie in sein Urteil. Er war neben Dr. Gaster der wirkliche einzige Rabbi des Landes, der die religiösen Angelegenheiten von dreimalhunderttausend Juden zu regeln hatte. Wieviel Kraft und Takt dazu gehört, eine solche Gemeinde allein zu verwalten und zusammenzuhalten, kann sich der Fernstehende kaum einen Begriff machen. Es ist eine buchstäbliche Wahrheit, dass Dr. Adler unter der Last seiner Arbeit zusammengebrochen ist. Dr. Adler ist am 30. Mai 1839 in Hannover geboren. Als fünfjähriger Knabe kam er mit seinem Vater, der als Chief-Rabbi berufen wurde, nach England, besuchte die hohen Schulen Londons,

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