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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 743 - 744

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Feitele Zakkik's Leben und Tod
Date
1911-08-01
Page
Seite 743 - 744 (sequence 3)
Language
German
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743 Feitcle Zaddik's Leben und Tod. 744 3 Rubel die Woche und arbeiten nur 16 Stunden im Tag, oder wir teilen das Geld! Ein Beutel, ein Beutel! Und wollt ihr auch das Geld nicht teilen, dann arbeiten wir überhaupt nicht!" So schrien und lärmten sie: „Entweder 3 Rubel die Woche und nur 16 Stunden Arbeit oder das Geld teilen, oder wir arbeiten überhaupt nicht!" Während die Arbeiter so schrien und lärmten, drang, man weiss nicht wie, Polizei in die Bethäuser ein. Auch in die Schneiderklause, wo die Arbeiter ebenfalls tobten, kam Polizei. Die Juden und die Weiber erschraken und liefen zum Fenster hinaus. Die Arbeiter flüchteten ebenfalls. Bald war die ganze Klause menschenleer. Drin war nur Feitele Zaddik geblieben, den der ganze Lärm nicht im geringsten kümmerte — und zwei Polizisten. Die Polizisten, erbost und zornig ob der Flucht der Arbeiter und aller Juden, erblickten Feitele Zaddik am Ofen, der, als wäre nichts geschehen, über seinen Folianten brütete. Sie warfen sich zornentflammt mit geballten Fäusten auf ihn. ,,Ah, du Hund, du Mörder, du Sozialist, du Anarchist!" schrien sie ihn an und schlugen ihn mit ihren Fäusten, soviel sie konnten. Der langhaarige Polizist versetzte ihm mit seinem schweren Stiefel Stösse in den Unterleib, zerrte ihn auf den Boden und rief wutentbrannt: ,,Du Anarchist, du Mörder, du, du! Nur 16 Stunden arbeiten und noch 3 Rubel dazu — ah, du Mörder, du Anarchist, du Sozialist. Warte nur!" Beide Polizisten schlugen Feitele Zaddik mit ihren Fäusten, mit den Füssen, spuckten ihm ins Gesicht, beschimpften ihn, nannten ihn Mörder, und als sie nicht mehr konnten, zerrten sie ihn aus der Klause und schleppten ihn fort. Feitele Zaddik hatte dies aber hingenommen, ohne einen Laut von sich zu geben. Keine Träne kam ihm in die Augen, kein Schrei entfuhr seinem Munde. Er liess sich mörderisch misshandeln, prügeln, beschimpfen, ins Gesicht spucken, auf den Boden zerren, zur Wache schleppen und sagte kein Wort, er protestierte nicht, er wehrte sich nicht einmal. Als die Schläge ihm gar weh taten, seufzte er dumpf und blieb wieder stumm. Als die Leute zum Abendgebet in die Klause kamen, waren sie ganz erstaunt, Feitele Zaddik nicht anzutreffen. Sie näherten sich dem Ständer, vor dem Feitele gewöhnlich sass, und fanden noch darauf einen weit geöffneten Midraschfolianten, der verkehrt dalag, so dass man sich an die andere Seite des Ständers hätte stellen müssen, hätte man aus ihm lesen wollen. Die Leute beachteten dies kaum und trugen nur verwundert, wo wohl Feitele Zaddik geblieben sein mochte. Aber noch während des Abendgebetes wurde es ruchbar, dass die Polizisten Feitele auf die Polizei geschleppt hatten. Nachdem man sich dieser Tatsache vergewissert hatte, entstand eine Unruhe in der Klause. Jeder fühlte sich ergriffen, man empfand eine Art Reue, Gewissensbisse, und ein unruhiges, quälendes Gefühl stellte sich bei jedem ein.] Das öffentliche Gewissen war erwacht. In der Stadt verbreitete sich rasch die Kunde von Feiteles Verhaftung. Noch am selben Abend traten die Gemeinde-Aeltesten aller Bethäuser zu einer Beratung zusammen, und man beschloss, da es schon an diesem Abend zu spät war, morgen in aller Frühe eine dreigliedrige Deputation an den Polizeiversteher zu schicken, um Feiteles Befreiung durchzusetzen. Am Morgen begaben sich drei der angesehensten Gemeindeparnessim zum Polizeivorsteher. Er hiess sie sofort eintreten; sie trafen ihn in seiner Kanzlei. Vor ihm sass Feitele Zaddik mit bluttriefenden Wunden auf der Stirn und auf den Wangen. Er war gerade einem strengen Verhör unterzogen worden. Zu seinen beiden Seiten standen zwei Polizisten, die Wache hielten und Zeugnis ablegten. Der Polizei-Vorsteher verstand sofort den Zweck ihres Kommens, empfing sie freundlich, drückte ihnen die Hand, in der nach jedem Drucke etwas zurückgeblieben war, wies ihnen Stühle an,, und hiess sie in seiner und Feiteles Nähe sitzen. Er wollte ihnen offenbar demonstrativ zeigen, welchen Schurken sie vor sich hatten, und begann daher von neuem mit dem Verhör, damit sie sich überzeugten. Der Polizei-Vorsteher, ein ergrauter Beamter mit einer roten Nase und heiserer Stimme, begann mit den Fragen. ,,Woher bist du?" Feitele antwortete in reinem Russisch und mit grossrussischem Akzent: „Ich weiss nicht, Hochwohlgeboren." „Wie alt bist du?" „Ich weiss nicht, Hochwohlgeboren. Ich zählte nicht die Jahre. Es ist aber schon recht lange." „Was treibst du hier?" Feitele errötete, senkte den Blick zu Boden und antwortete endlich unsicher: „Gar nichts, das heisst, ich ,lerne', Hochwohlgeboren." Der Polizei-Vorsteher schmunzelte gütig und wandte sich zu der Deputation: „Na, so ein geriebener Gauner, aber er soll nur sehen, dass man uns nicht betrügen kann." Die drei Juden waren ganz erstaunt, als sie den frommen Feitele so reines Russisch sprechen hörten. Sie wussten gar nicht, was sie von Feitele halten sollten. Feitele schämte sich, denn er schaute immer auf die Erde und wagte nicht, den Anwesenden ins Gesicht zu sehen. Der Polizei-Vorsteher fuhr im Siegertone fort: „Wo warst du, bevor du hierher kamst?" Feitele ward feuerrot und begann am ganzen. Körper zu zittern. Der Polizei-Vorsteher wiederholte die Frage in strengerem Ton und fuchtelte, um Feitele zu zeigen, was ihm bevorstehe, mit einer Nagaiki vor sich hin.

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