Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Feitele Zakkik's Leben und Tod
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 741 - 742 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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741 Ftitele Zudilik's Leben und Tod. 742 JOZEF ISRAELS. Allein auf der Welt. OELGEMAELDE. Folianten brüten, ungehindert seine langen Gebete verrichten und ungehindert auf der langen Bank am Ofen schlafen. Kein Mensch sprach mit ihm, er pflegte auch keinen anzusprechen, und so kam es, dass er oft wochen- und monatelang in der Klause blieb, ohne einen Menschen gegrüsst, oder gesprochen zu haben, oder von jemandem angeredet worden zu sein. — Auch die übermütigen Buben, die jeden Freitag in die Klause kamen, um im Auftrag ihrer Väter die Hängeleuchter zu putzen und den Boden zu fegen, in Wirklichkeit aber nur zu toben und allerlei Bubenstreiche auszuführen, wie zum Beispiel eine Rattenjagd in der Klause zu veranstalten, und mit dem Petroleum der Lampen die Mäuse zu verbrennen oder Talgkerzen aus Abremele Zwiebeis Schublade zu stehlen und sie dann am heissen Ziegelofen zu schmelzen — auch diese übermütigen Buben vergriffen sich nie an Feitele, sondern wichen ihm immer verschämt aus. Er schrie sie nie an, wenn sie Lärm machten, sondern blieb ruhig und still vor seinem Ständer, als wenn er allein in der Klause wäre. Ausser langgezogenen Amenrufen nach jedem Gebet hatte man nie einen Laut von ihm gehört. Bekannt war sein Gang vom Ständer am Ofen zum Almemortisch. In der Schublade des Almemortisches fand er Talgkerzen, die er für sein „Abendlernen" brauchte. Nur er durfte sich dem Almemortisch nähern und Talgkerzen aus der Schublade holen. Tat es ein anderer, so musste er sich auf eine ziemlich laute Auseinandersetzung mit dem Klausdiener, dem alten Abremele Zwiebel, gefasst machen. In der Stadt sprach man nur selten von ihm, sei es, weil man seine Herkunft nicht kannte, oder aus irgendeinem anderen Grund. Man hatte eine gewisse Scheu vor ihm. Wie ernährte sich Feitele, wo ass er, wie lebte er? Kein Mensch wusste es, es interessierte auch keinen. Feitele Zaddik war immer allein, mutterseelenallein, auch wenn viele Menschen sich in seiner Nähe bewegten. So lebte er lange, lange Jahre, jedem ein Rätsel, das keiner lösen wollte. Nun ereignete es sich einmal, dass die Arbeiter in der Borstenfabrik ihre Arbeit verliessen und nicht mehr in die Fabrik gehen wollten. Auf dem Markt und in der Synagoge erzählten die Juden, vor einigen Tagen seien zwei junge Menschen, die nur russisch sprachen, in die Stadt gekommen. Mit der Ankunft dieser zwei russisch sprechenden Menschen, die so jüdisch aussahen, musste es ein Bewenden haben, denn gleich darauf kam eine Unruhe in die Reihen der Arbeiter. Mehr wusste man nicht. Die Fabrikherren waren über ihre Arbeiter, sonst ehrliche Juden, ganz verwundert und wussten gar nicht, was sie tun sollten. An einem Morgen kamen die Arbeiter in die Bethäuser, störten den Gottesdienst und schrien: ,,Wir wollen nicht mehr für 2 Rubel die Woche 18 Stunden im Tage arbeiten. Wir wollen nicht mehr, wir wollen nicht mehr! Entweder wir bekommen