Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Die Krisis in der englischen Judenheit
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 727 - 728 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Dr. S. M. Mt'lamed-London: Die Krisis in der englischen Judenhcit. 728 erklärte sich für inkompetent, die Frage zu entscheiden, mit anderen ^Yorten, das Gericht hatte dem Chief- Rabbinate die Bestätigimg verweigert, dass es seine Autorität in dieser Weise geltend machen könne. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass diese Entscheidung nicht zur Hebung der Autorität des Chief- Rabbinat beigetragen hat. Jetzt stellen die Dinge so, dass nur eine Persönlichkeit, die auch den Ostjuden genehm ist, der Nachfolger Dr. Adlers werden kann. In keinem Falle werden sich die russischen Juden ein ihnen nicht genehmes Oberhaupt aufbürden lassen. Vom neuen Chief-Rabbi wird verlangt, dass er die Institution des Rabbiners wieder ins Leben rufe und mehr jüdisch als englischkirchlich regiere. Dagegen wehren sich aber die englischen Führer, für welche das Chief-Rabbinat nur ein politisches Institut ist, das mehr nach aussen repräsentieren soll. Die führende jüdische Zeitimg, die „Jewisli Chronicle" schlägt Dr. Gaster, das jetzige Oberhaupt der sephardischen Gemeinde, vor. Auch die gesamte Intelligenz und die Vertreter der Provinz treten für diesen bedeutenden Gelehrten ein — während die offiziellen Führer eine „fügsamere Persönlichkeit" zu in Nachfolger Adlers bestellen möchten. Der dreifache Gegensatz zwischen Geistlichen und Führern, Ost- und Westjuden und Provinzgemeinden gegen London, ist so stark, dass nur gegenseitige Konzessionen und ein gegenseitiges Siehvers tchcnwollen die zum Chaos ausgeartete Krisis überwinden kann — sonst zerfällt der ganze Bau der „Anglo-Jewry" in Stücke. Die gegenwärtigen Führer müssen sich zu der Erkenntnis durchringen, dass heute, wo sie in der Minderheit sind, ein Regieren von oben nicht mehr möglich ist. London, Ende Juli 1011. Z ION IDE. Von Jehuda Halevi. — Nachgedichtet von Dr. C. Seligmann-Frankfurt a. M. Nachdruck verbotci Zion, hall du keine Grüße für die armen fernen Lieben, Die, zerftreut in allen Landen, inniglich dir treu geblieben? Über Länder über Meere grüß' ich dich mit ftillem Sehnen, Und ich weine um dein Elend ungefüllte, heiße Tränen. O, daß ich fie weinen könnte dort in deinen heü'gen Hainen! Wie der Uhu fchaurig klaget, wollt' ich um dein Unglück weinen. Doch wenn ich in feiigen Träumen Ichaue deinen Aufgang wieder, Sollen wie Triumphgefänge raulchen meine Holzen Lieder. Meiner Sehnfucht Schwingen tragen mich zu euch, ihr heiligen Orte, Wo fich einft den frommen Vätern aufgelan die Himmelspforte, Wo von Gottes heiliger Nähe Erd und Himmel war umfloffen, Wo nicht Sonne, Mond und Sterne, fondern Gott lein Licht ergoflen. Meine Seele fchwillt vor Sehnfucht nach dem Lande der Propheten. Gottesftadt und Thron des Königs — jetjt von Fremdlingen zertreten, Pilgern möcht'ich zu den Stätten, wo den Sehern Golterfchienen, Pilgern möchf ich heißen Herzens zwifchen heiligen Ruinen, Daß mein armes Herz gefunde — o, daß ich doch Flügel hätte, Auf der Sehnfucht Flügeln eilt ich, mit dem Sturmwind um die Wette, Um auf deinen heiligen Boden hinzufinken mit Entzücken, Jeden Stein der Heimaterde an mein glühend Herz zu drücken, Deinen lieben Staub zu küffen.— Und mit heiliger lnbrunft weilte Ich am Grab geliebter Ahnen, heiligen Schauers voll; dann eilte Ich durch deine grünen Wälder, über Berge, über Auen, Bis am letjten Saum des Landes ich den heiligen Berg dürft' (chauen, Wo die beiden großen Lichter, die derWahrheit Licht dir gaben, Deine Steine, deine Führer: Mole, Aaron ruh'n begraben. Schlürfen möcht'ich deine Quellen, atmen deine wonnigenLüfte, Süßer als der Seim des Honigs, köftlicher als Baifamdüfte. Wo dein Heiligtum einft ragte, das in Trümmer, ach, gefallen, Inbrunfttrunken wollt' ich barfuß, wollt' ich arm und nackt dort wallen, Wo die Gotteslade wohnet, mit den Cherubim gefchmücket; Unnahbar ruht fie verborgen, jedemMenlchenaug' entrücket. Meinen Schmuck vom Haupte reißen, fluchen möcht' ich wild den Zeiten, Da in frevlem Land gefchändet wurden deine Gottgeweihten. Speif und Trank ift mir zuwider und vergällt ift jede Freude, Wenn ich deine Holzen Löwen feh' zerfleifcht von roher Meute; An dem füßen Licht des Tages mag' ich nimmer mich erlaben, Wenn um deiner AdlerLeichen gierig krächzen wilde Raben. Ausgekoftet bis zur Neige hab ich dich, o Kelch der Leiden, Ueberfatt ift meine Seele, voll von deinen Bitterkeiten; Denke ich, Samaria, deiner, wird mein Trank zum bitteren Wermut, Denk' ich dein, zerflörtes Zion, überkommt mich Todesfchwermut. Zion, Krone aller Schönheit, Lebensquell voll Lieb und Segen, Alle Herzen deiner Lieben fdilagen liebend dir entgegen. Deine Freuden, deine Leiden wie die eigenen empfindend, Unter deinen Unglücksfchlägen wie in eigner Qual fich windend, Dürften die von dir Entfernten, der zerftreute Reft der Herde, Sehnfuchtvoll und heimattrunken hin nach deiner heiligenErde Ihren Blick nach deinen Toren, beugen fie ihr Haupt im Beten, Ihre glühend heilige Sehnfucht brennt, den Boden zu betreten, Wo zum lichten Äther ragen deine himmelhohen Palmen, Wo die Lüfte rings erklingen von dem Klang der heiligen Pfalmen. Babels und Ägyptens Weisheit —Wahn und Trug — wie bald zunichte Wurden fie vor deiner Wahrheit, deinem hehren Gotteslichte; Deine Seher und Gefalbten, deine Sänger, deine Weifen — Welches Volk und Land auf Erden kann dir ihren Ruhm entreißen? Völker flieh'n, Gefchlechter Ichwinden, finkend in das Grab der Zeiten, Du allein, der Wahrheit Zeuge, ragft in alle Ewigkeiten; Denn dich hat die Gottheit felber auserwählt, darin zu thronen. Selig, wem das Heil geworden, feinem Gott fo nah zu wohnen! Selig, wer mit trunknem Auge harret, fchauet, froh erlebet, Wie aus trüber Sturmnacht wieder fich dein Morgenrot erhebet, Wie dir blühende Gefchlechter wieder froh entgegenwallen, Und von jungem frohen Glücke deine Fluren widerhallen.