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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 711 - 712

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Der zehnte Zionistenkongress
Date
1911-08-01
Page
Seite 711 - 712 (sequence 4)
Language
German
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711 Der zehnte Zionistenkongress. 712 gewünscht. Eine interessante Anregung (des Del. Schwiff) bezieht sich auf die Gründung einer jüdischen Lehensversicherimg'. Der Morgen des vierten Verhandlungstages (Sonntag) gehört der Strasse. Oder besser, er bringt ein Neues in das während des Kongresses ohnehin so seltsam veränderte Strassenbild Basels. Es gibt da ja während der ganzen Woche genug reizvolle Beobachtungen und Betrachtungen anzustellen. Die stille schweizerische Patrizierstadt plötzlich um ein und ein halb tausend jüdisch lebhafte Menschen stärker bevölkert .. . . das Treiben namentlich vor dem Kongresshause und auf der Restaurationsterrasse des Stadtkasinos. . . . Hier wie bei Pupp in Karlsbad, dort wie vor der Synagoge oder im „Schulhof", wenn drinnen „Ausnehmens'f ist, aus der Thora vorgelesen wird. . . . Doch heute hat sich Besonderes ereignet. Des Morgens ist eine 60gliedrige Deputation des Zionvereins in St. Gallen mit einer für den Kongress gestifteten Fahne angekommen und mit dieser ihrer Gabe vom Bahnhof aus in Reih und Glied durch die Stadt marschiert. Jetzt prangt die Fahne auf der Präsidial-Estrade, unter dem grossen Bilde Herzls. Dr. Katzenellensohn und Leo M o t z k i n halten ausführliche Referate über die Emigrationsfrage, namentlich mit Beziehung auf die in letzter Zeit vielbesprochene Idee eines Emigrationskongresses. Die sehr lebhafte Debatte schliesst an diesem Tage damit, dass eine Kommission gewählt wird, die bestimmte Vorschläge auszuarbeiten und dem Kongresse vorzutragen hat. Und es ist vorläufig Platz für die mit Spannung erwartete Kulturdebatte geschaffen. Man hat auf diesem Kongresse schon viele hebräische Reden gehört, — aber jetzt soll Sokolow, der Redakteur des hebräischen Tageblattes „Hazephira" sein hebräisches Referat halten, und die ganze dem Kulturzwecke gewidmete Sitzung soll hebräisch geleitet werden. Sokolow gibt eine Darstellung des hebräischliterarischen und hebräisch-sprachlichen Lebens der Gegenwart und entwickelt und vertritt seine Forderungen: Hebräischer Schulverein, hebräischer Sprachverein, hebräische Sprachakademie. Tosender Beifall lohnt das anschauliche und temperamentvolle Referat. Die Debatte, die erst am zweitnächsten Tage fortgesetzt wird, bringt die mannigfachsten Gesichtspunkte. Alle Anschauungen kommen zu Worte, — auch jene namentlich von den Arbeiterzionisten vertretene, die eine Ueberspannung der hebräischen Propaganda verwerfen und in der Kulturfragc überhaupt auf einem realistischeren Standpunkt stehen, den sie ganz besonders für die Länder der Diaspora festhalten. Sie und Misrachisten möchten die Kulturarbeit aus der zionistischen Organisation ausgeschaltet und den Gesinnungsgruppen überlassen sehen. Es wetterleuchtet. Das Kulturkamp fgewitter droht. Aber es geht ruhiger vorüber, als man erwartet hat. Ein slawisches Sprichwort sagt: Schwere Wolken, wenig Regen . . . Die Kulturresolutionen stellen sich als ein Kompromiss der verschiedenen Richtungen dar, sind aber immerhin im Einklänge mit dem Referate und dessen Grundabsichten. Der fünfte Tag des Kongresses eröffnet mit einem aufmerksam und beifällig aufgenommenen Referate des Frl. Prof. Mirjam Schach über die zionistische Frauenarbeit. Der Antrag der Referentin: „Der Kongress hält die Zusammenfassung der zionistischen Frauenvereine und die Errichtung einer offiziellen Zentralstelle für Frauenarbeit für dringend wünschenswert"', wird einstimmig angenommen. In seinem Referate über das neue Organisationsstatut hat Herr Dr. M a r g u 1 i e s Gelegenheit, wieder auf die Fragen der Berichtsdebatte zurückzukommen. Er betont den demokratischen Charakter des Zionismus, wendet sich gegen das „Notabelnturn, das leider in der nichtzionistischen Welt das Judentum repräsentiert". Schliesslich wird das neue Organisationsstatut mit überwiegender Majorität en bloc angenommen. Am sechsten, letzten Tage des Kongresses legt u. a. der zwei Tage früher gewählte Emigrationsausschuss seine Resolutionsanträge vor, die einstimmig angenommen werden. Der Wortlaut dieser Resolutionen ist folgender: „Der Zionismus beharrt auf seinem Standpunkt, dass die Lösung der Judenfrage nur in der territorialen Konzentration in Palästina enthalten ist. In Anbetracht der immer wachsenden jüdischen Auswanderungsnot schliesst sich der Zionismus allen Bestrebungen nach Gesamtorganisation und Demokratisierung der Auswanderungshilfe an. Er vertritt die Ansicht, dass es eine Reihe produktiver Anregungen und wichtigerer Normen auf dem Gebiet des Auswanderungswesens gibt, die nur infolge eines Meinungsaustausches und einer Koordinierung der verschiedenartigen Elemente zutage gefördert werden können. Der Zionistenkongress begrüsst darum mit Freuden die Idee des Emigrationskongresses und mahnt alle Elemente im Judentum zu einer Beteiligung am Kongresse. Der Zionistenkongress fordert das künftige Aktions-Comite auf, auf einem Emigrationskongresse, der Gewähr dafür bietet, dass an ihm grosse Organisationen, jüdische Gemeinden usw. sich beteiligen, auf jeden Fall als zionistische Organisation sich vertreten zu lassen. Unsere Parolen sollen dabei sein: a) Allgemeine Organisierung und Regelung der jüdischen Auswanderung, b) Erforschung aller Arbeitsmöglichkeiten im Orient und möglichste Ablenkung des Auswanderungsstromes nach dem Orient." Zehn Uhr abends. Alle Debatten sind beendet. Kein Delegierter fehlt. Die Galerien sind zum Brechen voll. Es erübrigen nur noch die Wahlen. Dr. Weizmann (Manchester) gibt die Vorschläge des Permanenz- Ausschusses bekannt. Das grosse Aktions-Comite, aus 25 Mitgliedern bestehend, wird durch en bloc-Annahme der vorgeschlagenen Liste gewählt. Die populäreren Namen werden gelegentlich der Vorlesung bejubelt. Das engere Aktions-Comite — vorgeschlagen : Professor Dr. Otto Warburg, Dr. Robert

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