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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 467 - 468

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Die zehnte ordentliche Tagung der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israélite Universelle
Date
1911-05-01
Page
Seite 467 - 468 (sequence 8)
Language
German
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467 Mitteilungen der Alliance Jsraelite Universelle: Die zehnte ordentliche Tagung der D. C. (.1. etc. 468 Die D. C. G. ist weit davon entfernt, Meinungen und Ueberzeugungen von Privatpersonen auf religiösem oder auf irgendeinem anderen G-ebiete zu kritisieren oder gar zu verfolgeD, so lange ihnen keine weitgehendere Bedeutung zugemessen werden kann als anderen Aeusserungen von privatem Charakter. Nachdem aber Herr Reinach es selbst im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 19. August 1910 als seine Pflicht bezeichnete, für das von ihm vertretene Judentum zu kämpfen, das aber in Wahrheit von keinem Juden als Judentum angesehen werden kann, ferner in seinem Schreiben an das „Echo Sioniste" vom 20. Dezember 1903 ausdrücklich betont, dass er mit Freuden eine Kampagne gegen die jüdischen Speisegesetze und andere Archaismen im Judentum, worunter er auch den Sabbat meinte, führen werde, endlich dass er sehr gerne bereit sei, diesen Kampf auch bei anderer Gelegenheit fortzuführen und dieses Versprechen durch die in seinem neuesten Werk „Orpheus", Seite 192, enthaltene Aeusserung,die folgendermassen lautet, auch gehalten hat, noch heute bleibt der grösste Teil der elf Millionen Juden weit gegenüber den Christen zurück, da sie mit unglaublicher Strenge den Sabbat und die absurden Speisegebote beachten, ist die D. C. G. der Meinung, dass Herr Reinach nicht im Comite einer Institution, das von Juden aller Länder gewählt wird, bleiben darf, einer Institution der 160 Schulen mit mehr als 40 000 jüdischen Kindern anvertraut ist und deren Devise ist, dass alle Juden für einander verantwortlich seien. Ganz besonders richtet die D. C. G. diesen Appell an die französischen Rabbiner, die Mitglieder des Comites Central sind, und als geistige Führer der französischen Judenheit verpflichtet sind, Anschauungen, für die Herr Reinach mit seiner ganzen Persönlichlieit eintritt, energisch zu bekämpfen. Der Antrag wird von der Versammlung dem Präsidium als Material zur eventuellen Verwendung überwiesen. Schluss der Sitzung 3 Uhr. DIE ALLIANCE-EXPEDITION NACH DEM YEMEN. (Fortsetzung aus Heft IV von „Ost und West") (Schluss). Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Ein richtiger Arzt kommt selten ins Hau«. Man nennt ihn den Toter der Kranken und zählt gleich zehn Familien auf. die in den letzten zehn Jahren ihre Liehen verloren haben, nachdem ein Arzt zu ihnen geholt worden war. Man ruft nämlich den Mann der Wissenschaft erst im Augenblick der Agonie, und das bestärkt noch heute die Menschen in der Ueberzeugung, dass der Arzt keinen Kranken heilen könne. Wieviel mehr Vertrauen hat man zu den Künsten eines aus Jerusalem kommenden Bettlers! Jeden Tag hallen mich Leute auf der Strasse mit der Bitte auf: ..Rabbi. Rabbi, raten Sie mir, machen Sie mich gesund . . ." Und drei Monate lang bin ich wirklich ein wenig Arzt und sogar Chirurg gewesen. Ich konnte noch so oft sagen, man sollte einen wirklichen Arzt rufen, man hörte nicht darauf; ein Arzt kostet zuviel, jeder Besuch fünf Francs. Wer ist imstande, eine so hohe Summe zu opfern, noch dazu für einen Mann, zu dem man nicht viel Vertrauen hat? — Alles dies beweist, wie nötig der Gemeinde eine Poliklinik ist. Zu dem hiesigen Medizinalsystem sind auch die Pilgerseliaftcn zu rechnen. Die yemenitischen Heiligen haben es stets sehr gut verstanden, die Besucher anzulocken. Der berühmteste von allen war More Salem El Schebasi, der vor 250 Jahren in der Stadt Thais im südlichen Yemen gelebt hat. Er war ein alter Kabbaiist, ein grosser Gelehrter in okkulten Wissenschaften: man erzählt von ihm, dass er übernatürliche Taten vollbracht hat. Er ist auch wegen seiner dichterischen Begabung sehr bekannt; er hat die Schönheit der jüdischen Feste, den Glanz des Sabbats, die Freuden der Familie, das Glück der jungen Ehe besungen. Er hat aber auch die Leiden seiner Brüder beweint, und hat in schmerzerfüllten Worten die Auswanderung der Juden nach Mansa aufgezeichnet. Seine Gedichte werden in ganz Yemen an hohen Feiertagen und bei religiösen Zeremonien gesungen; sie sind zum Teil von grosser Schönheit, und die melancholischen Melodien, nach denen man sie singt, sind von rührender Anmut. Schebasi zieht noch heute das ganze Jahr hindurch, besonders aber zu Pfingsten, zahlreiche Juden an, die aus allen Teilen des Landes Yemen mit Frauen und Kindern zu seinem Grab wallfahrten, um dort zu beten. Man badet vorher in einem nahen Tauchbad und tut Gelübde. Kranke fühlen sich augenblicklieh geheilt. Schwache erlangen ihre Kräfte wieder, unfruchtbare Frauen sind überzeugt, dass ihre Wünsche jetzt Erhörung finden, und Unglückliche jeder Art sind voller Hoffnung auf das Ende ihrer Leiden. Mit neuem Mut machen sie sich auf den Heimweg, gehen auf steinigen Wegen durch das Gebirge den oft 20—30 Tagereisen weiten Weg von Thais bis zu den Wüsten im Norden und Osten. Und wenn man bei der Heimkehr sich genau so krank fühlt, wie vorher, so ist man selbst schuld daran, so ist man der Huld des Schebasi noch nicht würdig gewesen. Zwanzig Minuten von. Sanaa entfernt lierrt das Grab des More Pinhas; am Montag und Donnerstag jeder Woche pilgern viele Juden mit ihren Familien dorthin. More Pinhas war schon sehr betagt, als seinerzeit der Mahdi die Verbannung nach Mansa dekretierte; er machte sich mit seinen Brüdern auf den Weg, kam aber nicht weit und fiel vor Erschöpfung beim Besteigen der ersten Anhöhe leblos um. Man begrub ihn an Ort und Stelle, und plötzlieh sprang an seinem Grabe eine Quelle aus dem Erdboden. Da begriffen die Trauernden, dass More Pinhas ein Heiliger gewesen war; und heute noch begibt man sich an seine Grabstätte und bittet, dass er Wunder tue. Die Feiertage. Die jüdischen Feiertage haben im Yemen keine besondere Eigenart. Wie der Sabbat, sind sie Tage der Ruhe, die dem Gebet, dem Studium frommer Bücher und manchmal auch den Tafelfreuden gewidmet sind. Am Purimabend ist die Synagoge des Usta gedrängt voll. Man verrichtet das Gebet wie immer. Man hört kein lautes Geschrei und kein besonderes Geräusch; die Megilla wird ruhig vorgetragen und immer bei den Worten „Antra Seresch'' wird die letzte Silbe kräftig betont. Das ist alles. (In Beirut, Smyrna und Adrianopcl sind an diesem Abend ganz andere Töne zu vernehmen!) Am nächsten Tag ist. etwas mehr Leben auf den Gassen, man kann auch ein paar betrunkene Männer bemerken; die Kinder bekommen Früchte und amüsieren sich, mit einem Hampelmann, dem sie die Worte zurufen: Arur Hanum, Arur Hamon!" Dem Osterfest sieht man mit weit grösserer Andacht entgegen. Schon am Tage nach Purim beginnen die Vorbereitungen. Da man hier nicht wie anderwärts neue Kleider zu nähen und die Wohnungseinrichtung instand zu setzen braucht, verbringt man Tage damit, die Wände frisch zu weissen, die Steine des Fussbodens besonders gründlich

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