Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Im Lande Spinozas
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 429 - 430 (sequence 1)
- Language
- German
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429 430 IM LANDE SPINOZAS. Ein Nachtrag.*) Von Ernst Altki XiuiulnH'k vorboton. Im vorigen Jahr erschien ein für die Spinoza- Literatur bedeutendes Werk „Der junge De Spinoza. Leben und Werdegang im Lichte der Weltphilosophie' * (Münster i. W.. AschendorfFsche Buchhandlung), auf das ich zunächst hinweisen möchte. Sein Verfasser ist Stanislaus von Dunin- Borkowski, der 1904 im „Archiv für Geschichte der Philosophie" als Vorarbeit die gründliche Studie „Zur Textgeschichte nnd Textkritik der ältesten LebensbeschreibungBenediktDespinozas" veröffentlichte. Stanislaus von Dunin- Borkowski gehört der Gesellschaft Jesu an, und wir können Ludwig Stein die Verwunderung nachfühlen, mit der er ausruft: „Inmitten der antimodernistischen Bewegung, welche von Rom ausgeht und jede Regung selbständiger Stellungnahme gegenüber den grossen Lebensfragen im Keim ersticken möchte, lebt ein geistiger Einsiedler, der es wagen darf, sich liebevoll und einfühlend, ja mit einer geradezu klösterlichen Inbrunst in die Seele des jungen Spinoza zu versenken, um ihrer mittels geschichtlichen Nachtastens habhaft zu werden.11 Das hat dieser Jesuitenpater in der Tat mit grösserer Kunst und auch mit echterem Verständnis getan als Meinsma und Freudenthal, deren Verdienste um die Spinozaforschung damit gewiss nicht angetastet sein sollen. Es kommt noch dazu, dass seine Gelehrsamkeit und Belesenheit eine erstaunliche ist. Seine Vertrautheit mit den orientalischen Literaturen kam ihm bei seinen Untersuchungen besonders zu statten. Der Anteil des Judentums an der Entwicklung Spinozas wird von ihm sehr hoch angeschlagen. Dass Dunin-Borkowskis Forschungen volles Vertrauen verdienen, erkennt kein geringerer als Constantin Brunner an, und dass er manche von den Quellen aufgedeckt hat, aus denen Spinoza wahrscheinlich schöpfte, gibt seinem Werk dauernden Wert. Unsere Kenntnis von dem Entwicklungsgang des Philosophen ist durch ihn bereichert worden, wenn auch seine Darstellung be- *) Siehe Ost und West, Jahrg. IX. Heft. 10 und 11 und Jahrg. X, Heft 2. Spinoza 1671. Medailhnbildnis von Hendrik v; im Könisil. Hausairliiv im greiflicherweise an einer gewissen Einseitigkeit leidet, die dem geistigen Mann Spinoza nicht immer gerecht wird. Er nennt ihn Despinoza; diese Grille wird man ihm gern verzeihen. Aber da sich auch noch andere Spinozaforscher beharrlich bemühen, der Schreibweise DespinozazurAnerkennungzu verhelfen, so mag dazu folgendes bemerkt sein. Spinoza stammt aus einer weitverzweigten spanischen Familie, die, wie Dunin - Borkowslii ausführt, im spanischen Galizien ansässig war. Ihren Namen hat sie von einem der vielen Städtchen, die Espinosa heissen, erhalten. .Zahlreiche jüdische Familien sind nach Ortschaften benannt worden, die d'Aguilars, de Barrios, de Castros, da Costas. In Urkunden trifft man verschiedene Schreibweisen der Espinozas an: Espinoza, d'Espinoza, Despinoza und de Spinoza. Jedenfalls ist das .,De" kein Adelsprädikat. Es lässt nur erkennen, dass die Espinozas aus einem Orte gleichen Namens stammen. Dunin-Borkowski vermutet gar bei unserem Philosophen Adelsgelüste, deswegen schreibe er sich zuweilen de Spinoza oder Despinoza, aber das ist eine ebenso kühne Behauptung, wie die Schreibweise Despinoza .•imim Haag. zu verwerfen ist. Die Wahrheit ist, dass der Familienname, wie dies bei anderen Familiennamen ebenso der Fall war, unsicher gewesen, und dass Spinoza selbst ihn verschieden geschrieben hat. Das Gewöhnliche aber, wie er schrieb und drucken Hess, war Spinoza oder de Spinoza, und so ist er auch genannt worden. Dunin-Borkowski veiöffentlicht in seinem Werk etliche Bildnisse Spinozas. Ueber den Kupferstich von Jean Charles Francis nach einer Zeichnung von J. Bapt. Deshays (1729—65) bemerkt er: „Von allen Künstlern, welche Despinoza gemalt oder gezeichnet haben, istDeshays der bedeutendste* Dem muss entschieden widersprochen werden. Wahrlich bedeutendere oder doch weniger unbedeutende Künstler haben Spinoza porträtiert, und Deshays Zeichnungist mitziemlicher Obei flächlichkeit nach dem Kupferstich der Opera posthuma hergestellt worden und hält z.B. mit dem Medaillonbildnis, das dem