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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Einiges über Auffassung von Würden und Ehren im Judentum
Date
1911-05-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 8)
Language
German
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425 Di". Max Steif: Einiges über Auffassung von Würden und Ehren im Judentum. 426 •eine Periode besonderen Tiefstandes auch in geistiger und sittlicher Hinsicht schildert, so muss dies auf Rechnung der furchtbar verheerenden Nachwirkungen des 30jährigen Krieges gesetzt werden, von denen .auch die Juden nicht verschont geblieben. Und so lässt sich auch das Urteil eines Moses Chages begreiflich finden, der die Vorsteher und Führer der Gemeinden damaliger Zeit als unwissende, jeder Bildung bare Menschen hinstellt, die sich eine ungebührliche Herrschaft anmassen, nicht auf Grund ihrer Würdigkeit, sondern ihres Geldes, oder wie er es einmal in witziger talmudischer Redewendung ausdrückt: Der Gulden bindet, der Gulden löset, Er bestellt einen eitlen, hohlen Führer Zum allgewaltigen Gemcindoregierer. Solche Klagen häufen sich um diese Zeit, und manche der hervorragenden Räbbinen suchten darum kraft ihrer Autorität dem entgegenzuwirken, besonders dem Vorurteil, das allein den Wohlhabenderen die Vorsteherwürde vorbehalten wissen wollte. Freilich fruchtete es wenig, wie die Folgezeit bewies, wenn Menachem Mendel Krochmal (1648 Landesrabbiner in Nikolsburg) es auch in einem seiner Rcsponsen erklärte: Ich kann die Ansicht derer durchaus nicht billigen, die das Wahlrecht der Armen verkürzen wollen, was nicht nur den Vorschriften des Talmud zuwiderläuft, sondern auch zu Mass und Erbitterung führen muss." Die Sucht nach Titeln, Rang und Würden, wie sie in den damaligen ausserjüdischen Kreisen besonders grell in die Erscheinung trat, wenn z. B. selbst Krämer, die „ihren Kunden eben erst Heringe in altes Papier gepackt, mit dem Adelsbriefe ausgestattet wurden" (vgl. Freitag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit), fand ihr Pendant zwar auch innerhalb der jüdischen Mauern1), aber eine gewisse Selbstkritik,vcrstärkt durch Erziehung undHerkommen, bewahrte hier vor kleinlich lächerlichen Ausschreitungen. Und es steckt, wie bei allen derartigen judenfeindlichen Auslassungen, viel lügenhafte Uebertrcibung darin, wenn der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lebende Grattenaucr sich über die jüdische Eitelkeit folgendermassen lustig macht: Wer aber diese Eleganz- Prätendenten, diese sog. Lords vom Stamm Levi, die Baronots vom Stamm Efraim und die Nobili vom Stamm Manasse näher kennt, der weiss auch, dass sie die langweiligsten, arrogantesten, zudringlichsten, unausstehlichsten Gesellen sind, eine wahre Plage der guten Gesellschaft. . . . Mag dies eine Charakteristik aller, auch der nicht jüdischen Parvenüs bilden, — mit der jüdischen Auffassung von Würden und Ehren hat sie nichts gemein, besonders nichts mit jenem speziell jüdischem Stolz und jenem jüdischen Ehrgefühl, wie es unser Schrifttum und unser ganzer geschichtlicher Werdegang gezeitigt, und wie ihm einst Hillel seinen knappen Ausdruck verliehen in dein. Satz: Wer seinen Namen gross machen will, verliert ihn. Die Figur eines David Lüh Magdeburger in S. Kohn's „Ghettobilder" mag liier als ein dein Leben abgelauschtes Musterbeispiel angeführt werden. PRAESIDENT DIAZ UND DIE JUDEN. Mexiko, Das Zentral- und Süd-Amerika ist schon seit langer Zeit als das verheissene Land ein Lieblingsthema derer, die an der modernen Judenfrage Interesse nehmen. Stöhnend unter den Bedrückungen, die eher an das Mittelalter als an das 20. Jahrhundert erinnern, wandern die Juden Ost-Europas nach freien Ländern aus, in vielen Fällen, unglücklicherweise, nach Ländern, die schon übervölkert sind, und erschweren dadurch den Eingeborenen und den bereits Eingewanderten nur noch mehr den steten Kampf um das tägliche Brot. Es ist zwecklos die Tatsache zu verhüllen, dass der fortwährende Einwandererstrom, aus Russland und anderen Ländern nach London mit der Zeit eine scharfe Gegenbewegung herverrufen muss. Man kann nicht sagen, dass London die anziehendste Stadt für diese unglücklichen Wanderer ■wäre. Es ist wahr, hier finden sie Freunde und Freiheit. Aber sie finden auch eine zusammengedrängte Bevölkerung wie .,Schlangen in einer ägyptischen Vase", um die Worte Carlylcs zu gebrauchen, „wo jede kämpft, um ihren Kopf in die Höhe zu bringen". Was die einwandernden Juden benötigen, ist gleiches Recht, mit grösserer Bewegungsfreiheit für ihre angeborenen Eigenschaften von Gewerbefleiss, Sparsamkeit und Intelligenz. Unter den vielen grossen Männern, die die moderne Judenfrage mit Wohlwollen studiert haben, stellt in erster Linie Herr John W. de Kay, dessen Name in zwei Hemisphären rühmlichst bekannt ist, sowohl als Autor wie auch als energischer Geschäftsmann. Er kennt Mexiko genau, und da er, wie gesagt, auch in der Judenfrage gut unterrichtet ist, so sind seine Bemerkungen über Mexiko als Einwanderungsland gelobte Land. Nachdruck verboten. von höchstem Interesse. Die Reichtümer und Hilfsquellen dieser Republik sind eine historische Tatsache. Dass aber ihre Erschliessung noch im Anfangsstadium der Entwicklung ist, weiss jeder gebildete Mensch. Wir haben somit ein sofort einleuchtendes Argument zugunsten von Mexiko als Einwanderungsland. Prüfen wir nun die Vorteile vom politischen Standpunkt aus. Herr de Kay hatte mehr als einmal Gelegenheit, mit Präsident Diaz, einem der merkwürdigsten Herrscher, der je über ein freies Volk regiert hat, diese Frage zu berühren. Der Präsident ist kein Freund vieler Worte; er erinnert eher an den soliden angelsächsischen oder deutschen Staatsmann als an den gesprächigen Romanen. Bei einer Gelegenheit fragte Herr de Kay den Präsidenten, welche Haltung Mexiko einnehmen würde, wenn die J uden in grosser Anzahl nach Mexiko kämen, sich in einem einzigen Staat niederliessen, bis sie dort die Mehrheit erreicht hätten. Der Präsident erwiderte: „Ich habe stets mit den Juden in ihrem Kampf gegen mannigfache Angelegenheiten sympathisiert. Ich glaube an den Wert der Juden für ihr Adoptivland. Ich glaube, dass sie die Kraft besitzen, dem Land zu helfen, in den sie sich niedergelassen haben. Ich weiss, dass sie ein höchst wichtiger Faktor in der Hebung der Demokratie der Vereinigten Staaten waren, und dass sie den Gesetzen ergeben sind. Wenn, die Juden im Ausland verfolgt wurden, habe ich stets meine Minister überall instruiert, sie nach Mexiko zu dirigieren und ihnen in meinem Namen Gerechtigkeit und Gleichheit vor den Gesetz zu garantieren, ihnen die Ausübung ihres Kultus freizustellen und

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