Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Der Strich
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 2)
- Language
- German
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4u7 Paul Barchan: Der Strich (Tschertä). 408 Wieviel Millionen Jiat dieses ,,Gesetz"' den Juden seitdem gekostet! Später wurde es eine regelrechte Einnahmequelle für Beamte, eine Erpressung* bei jeder Umgehung des Gesetzes. — * # * Nun, wir sind intelligent und werden uns hüten, dem russischen Staat gegenüber das allzeit bequeme Wortchen Kultur entgegenzuhalten und sentimentale Faseleien von Humanität vorzubringen. Aber — Logik, Raison, damit dürfte man doch wohl einer Regierung kommen? Wir begreifen, wenn man in Russland keine Juden als Beamte und Offiziere sehen will: es ist absolut in der Ordnung, wenn all das schöne Geld, das diese erplündern, erpressen, als Bestechung einheimsen, unter rechtgläubigen IBrüdern bleibt. Und wenn die Juden sich als tüchtigere, zuvorlässigere Beamte erweisen sollten, dann wäre solche Dissonanz doppelt unangenehm. Wir sind auch intelligent, um zu begreifen, warum bei der Militäraushebung für die Juden andere Bestimmungen herrschen, warum einzige Söhne zu dem vierjährigen Dienst genommen werden, warum schwache, engbrüstige, schwindsüchtige, halbvcrkrüppclte jüdische Burschen unter die Soldaten gesteckt werden — die Juden sind eben ein Volk, das entweder stark sein soll, oder untergehen muss. Wir begreifen auch, wenn beim russischjapanischen Feldzug solch ein erschreckend hoher Prozentsatz jüdischer Soldaten in den Krieg geschickt, immer Juden auf die am sichersten todbringenden Posten gestellt wurden — ein Jude darf in Russland nicht überall leben, aber sterben darf er überall, wo es seiner Regierung beliebt; und ist es nicht süss und ehrenvoll für die Spekulationen eines Besobrasow am Jalu —bei Mukden und Tschuschima den Heldentod zu sterben? Wir begreifen auch (o, wir sind intelligent) die Staatsraison, aus der heraus die russische Regierung in zwangloser Folge Pogrome veranstaltet. Der radikalen jüdischen Jugend soll für eine Zeitlang der Appetit vergehen, sich für die Zukunft eines Volkes zu opfern, das soeben seine Eltern, seine kleinen Geschwister unter allen erdenklichen Martern abgeschlachtet hat; und das grosse rechtgläubige Volk soll erfahren, dass alles Ucbel und Unruhe vom Judenpack kommt, und dass es noch ein beherztes Häuflein von Rächern gibt. Meisterwerke von Flugblättern in .Hetzorganen verkünden es dem Volk. In den Gendarmeriekanzleien wird alles gedeichselt. Ausserdem ist das russische Volk aufschäumend und leicht ermattend, und nach solch einem Blutschmaus müsste das russische Herz für eine Weile sich beruhigen und keinen rebellischen Gedanken mehr nachhängen. Ob freilich diese Kalkulation stimmt und das Pogromsystem ein zuverlässiges Beruhigungsmittel ist, ist noch nicht ganz erprobt. Aber eine moderne Regierung betrachtet es als Ehrenpflicht, zu experimentieren, es lässt sich nicht lumpen. Schwerer schon ist es, bei der subtilsten Intelligenz die berüchtigte „Prozentnorm" für die studierenden Juden zu begreifen. Vier Prozent der allgemeinen Zahl von Studenten an jeder Universität dürfen Juden sein. Warum? Sollen die Juden nicht zu klug werden? Sollen sie nicht später das Recht erhalten, den „Strich" zu überschreiten? Sollen sie nicht den Rechtgläubigen das Brot wegnehmen? Nun aber vollends der Strich? Welche Raison hat der Strich? Dies ist so ziemlich das Sinnloseste von allem Sinnlosen, das in Russland so üppig wuchert. Da man nun alle Juden nicht abschlachten, noch sie zwingen kann nach Amerika auszuwandern, schon weil Amerika nur ganz Gesunde, absolut Arbeitsfähige einlässt, und da die Juden auch nicht gewillt sind, sich zu taufen, und da die russische Regierung sie (genau wie die Polen und Finnen) als Fremde betrachtet, so müsste man doch darauf bedacht sein, sie sich zu eigen zu machen, sie sich näher bringen, möglichst zu vermischen, aufzulösen, sie mit den russischen Elementen im Inaern des Landes in Berührung zu bringen (aus demselben Grund, wie die polnischen Rekruten nach dem Innern geschickt werden, wie polnische Güter an Russen gebracht werden . . .), anstatt sie an der Grenze, auf dem uncharakteristisclisten, rassen-vermischtosten Streifen des Reiches, wo Polen, Russen, Kleinrussen, Littaner, Deutsche vermischt sind, sich absondern zu lassen. Die russischen Juden bilden ein ausgezeichnetes Ferment zu den russischen Slawen, und zusammen arbeitend könnten sie von Segen sein. Den Juden Sibirien zu erschliesscn, wäre das Vernünftigste, was die russische Regierung auf diesem Gebiet tun könnte. Sibirien ist ein ungeahnt reiches Land, die Zukunft von ganz Europa liegt vielleicht in seinem Schosse. Nicht überall hinein wagen sich Amerikaner und Belgier. Und ohne die Juden werden die Russen dort nichts unternehmen und die Kultivierung dieses unormesslichcn, schlummernden goldenen Bodens auf Generationen hinausschieben. Der Strich ist auch daran schuld, dass das grosse russische Volk die Juden gar nicht kennt; für die meisten sind sie ein Fabeltier. Auch für die besten russischen Dichter, für Gogol, Dostojewski, Turgenjew ist der Jude ein komisches, rituelles Wesen, halb Mensch, halb Affe, und so haben sie sie behandelt. Die wenigen Dichter, die unter Juden gewohnt haben, sind sehr judenl'reundlich, was jedoch durchaus nicht weiter wichtig ist. * * * Wenn Stolypin abends in seinem Kabinett sitzt und die weisen Resolutionen der Dumakommission über die Juden frage studiert, wobei er die Schneckenverdrehten Enden seines burcaukratisclicn Schnurrbarts unermüdlich windet, kann er, sensibel, wie seine Seele nun einmal ist, hinter seinem Rücken eine Stimme säuseln hören — der materialisierte Geist des von einer Bombe zerstreuten Plchwes steht gesammelt hinter ihm und flüstert etwa folgende irdische Worte: „Pjotr Arkadjewitsch, ich will Sie ja nicht herabsetzen, aber wir wissen ja beide, — noch nie hat ein Zar einen treuem Diener gehabt als nach. Und doch habe ich noch kurz, bevor dieser verdammte Halunke — na, da habe ich angefangen, den Strich zu erweitern. Das war noch vor der Revolution. Und wenn ich noch jetzt hier gcsessen.wo Sie sitzen, sich noch gönnen dürfen, Pjotr Arkadjewitsch, würde es keinen Strich wohl mehr geben. Denn ich hatte versprochen, allmählich den Strich aufzuheben. Und Eltern und Machthaber sollen ihr Wort halten. Denn das ist das einzige Mittel, den Glauben und das Vertrauen der 'Unmündigen zu erhalten. Das sollten Sie sich merken, und auch der arme Nikolaj Alexandrowitsch. Sie machen Ihre Sache schlecht, das kann ich Ihnen sagen. Da oben haben wir jetzt viel Zeit und können nach guter russischer Sitte zeitlos disputieren. Wir sitzen da oft beisammen, Kollegen von mir, und auch der Halunke, der verdammte, Sasonow, der mich — na sie haben ihn ja im Gefängnis in den Selbstmord getrieben.