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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 405 - 406

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Wir und unsere Lehre
Date
1911-05-01
Page
Seite 405 - 406 (sequence 3)
Language
German
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405 Wir und unsere Lehre. 406 — und unsere Aulgeklärten geben sich seltsamerweise keine Kechenschaft davon, dass alle Kataklysmen, von denen der Katholizismus in der modernen Zeit geschüttelt wird, von dieser unglücklichen Ehe herrühren. Schon Jehuda Halewi sagte, die Bibel sei kein Lehrbuch der Physik oder der Kosmographio, sie habe nicht den Zweck, dem Menschen Offenbarungen über das Eeich des sinnlich Wahrnehmbaren zu bieten. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie moderne Menschen, die Darwin, Spencer, Wundt und die neueste Entwicklung der physikalischen Chemie erlebt haben, in die Bibel die „gesicherten Resultate" der neuesten Forschung hineinbugsieren wollen. Welche Eesuitate sind denn gesichert? Die Wissenschaft weiss es jedesmal anders und, wir wollen hoffen, besser, aber immerhin anders. Darin ruht ihre Kraft und ihre Grösse, darin ihre Bedeutung für den menschlichen Fortschritt, dass sie nichts auf ewig festgestellt haben will, sondern jedesmal das Weltbild umgestaltet und verändert. Wollte man die neuesten Resultate der Naturwissenschaften in die Bibel hineindeuteln, man müsste alle paar Jahrzehnte eine neue Exegese einführen, und jede müsste der vorhergehenden ins Gesicht schlagen. Es ist Zeit einzusehen, dass die Religion und ihre Haupturkunde, unsere Bibel, andere Zwecke in der Menschheitsentwicklung verfolgen, als die Natur- und Geisteswissenschaften. Das Feinste und Geistvollste sagt hierüber Eschelbacher in der zweiten Hälfte seines Büchleins. Dass die Bibel die Sprache reden musste, die die Menschen jener Zeit, in der sie ihnen gegeben wurde, verstanden, und dass sie nicht mit Spektralanalyse und Radium operiren durfte, daran wird nur der Anstoss nehmen, dem jeder Sinn für historische Perspektive fehlt. „So schildert denn auch unsere Bibel die Entstehung der Welt in einer Sprache, die alle verstehen können, die allen klar ist, die das Grosse und Umfassende kurz und anschaulich bezeichnet und darstellt." Nehmen wir an, der Verfasser des achten Psalms, der die dem Menschen trotz „Der Strich", so heisst es im Russischen rundweg oder wenn man sehr ausführlich mit uneingeweihten Träumern zu sprechen hat, sagt man: „Der Ansiedlungsstrich". Das ist der Rayon des westlichsten und südwestlichsten Russlands und Polen, wo „den .luden zeitweiliger Aufenthalt oder ständige Niederlassung gestattet ist". Auf diesem Streifen Landes des grossen, imermesslichen Reiches, gegen die Grenze gedrückt, wohnen in den Städten und Städtchen zusammengepfercht gegen sechs Millionen Juden, meist als Handwerker und Kleinkau .Fleute in ihrem Betätigungsfeld beschränkt, auf dieselben Erwerbsquellen angewiesen, in Not einander aufreibend. Pen Strich überschreiten dürfen nur Leute, die eine Hochschule absolvierten, ferner Prostituierte, Handwerker, Apotheker und Zahnärzte, wofern sie ihr Handwerk ausüben. - Aus Moskau und Sibirien seiner Kleinheit und Schwäche von Gott verliehene Gewalt über die Natur in unvergleichlicher Weise schildert, dichtete seinen Psalm heutzutage. Er würde gewiss nicht verfehlen, von den neuesten Erruugenschaften der Technik und von den Naturkräften zu singen, die „Gott dem Menschen zu Füssen gelegt", er würde den Menschen nicht nur als „Befahrer der Seewege", sondern auch als Segler der Lüfte bewundern. Aber welcher Mensch von Geschmack würde in diesem wundervollen, vor mehr als zwei Jahrtausenden in einer sternenhellen Sommernacht in Palästina entstandenen Gedichte diesen modernen Apparat vermissen und es weniger genussreich finden? Mutatis mutandis gilt das Gleiche von der biblischen Schöpfungsgeschichte und der Urgeschichte des Menschengeschlechtes, „einer Urgeschichte der Menschheit von einer religiösen und sittlichen Hoheit, der andere "Völker nichts Gleichwertiges an die Seite zu setzen haben," wie Sellin, einer der modernsten und radikalsten Bibelforscher, sich ausdrückt. Man hat, nicht mit Unrecht, gegen den Religionsunterricht überhaupt eingewendet, dass Religion sich nicht unterrichten lasse, weil Religion erlebt werden müsse. Wie soll mau aber ein,Kind Religion erleben lassen? Wir Juden haben von jeher das Mittel hierzu in der Hand gehabt, Kinder Religion auf ungekünstelte Weise erleben zu lassen, indem wir sie von der frühesten Zeit die Bibel lesen Hessen, die sie mit ihrer kindlichen Seele so tief erlebten, als ein Mensch nur etwas erleben kann; und diese Erlebnisse blieben die tiefsten und nachhaltigsten, die sie hatten. Erst die moderne Zeit brachte uns den Segen des Religionsunterrichtes vermittels diverser Katechismen und Lehrbücher und ähnlicher Surrogate, die eine Verdünnung und Verwässerung der Abfälle des ewigen Buches bieten. Möchte Eschelbachers ideenreiches und feinsinniges Schriftchen dazu anregen, dass wir wieder zu unserer Thora, dem Urquell unseres Lebens, zurückkehren. Lector. Nachdruck -verboten. sind auch Handwerker ausgeschlossen. Mitglieder der Kaufmannsgilden und deren Bevollmächtigte dürfen sich kürzere Zeit ausserhalb des Striches aufhalten, falls sie nachweisen können, dass sie in Geschäften gekommen sind. Vor fast dreissig Jahren wurde dieser Strich gezogen. Er erhielt den Namen: „Temporäres Oesetz vom 3. (15.) Mai 1882". Dieser Akt war ein ganz gemeiner Erpressungsversuch seitens des damaligen Ministers des Innern, des Grafen Ignatjew, der den Gesetzentwurf ausarbeitete und von der jüdischen Gemeinde für die Nichtdurchführung eine Million Rubel forderte. Beim jüdischen Baron Horaz Günzburg berieten Vertreter der Petersburger Gemeinde über diese Forderung, während der Adjutant des Ministers im Vorzimmer auf die Antwort wartete. Und die schöne, stolze Antwort lautete „Nein!" DER STRICH (Tschertä) Von Paul Barch an.

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