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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 403 - 404

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Wir und unsere Lehre
Date
1911-05-01
Page
Seite 403 - 404 (sequence 2)
Language
German
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403 Wir und unsere Lehre. 404 Zeiten zu voller Grösse sich erheben." Aber nicht minder zeigt sich die Lebendigkeit und Unerschöpflichkeit unserer Thora darin, dass so viele Generationen hintereinander, Menschen der verschiedensten Artung, Stimmung und Geistesrichtung nicht müde wurden, die Thora immer von neuem zu erklären, immer neue Gedanken, Inspirationen und Gefühle in ihr zu finden. „Man hat gegen die meisten den Einwand erhoben, dass sie nicht aus der Schrift herausgenommen, sondern in sie hineingelegt seien" bemerkt Eschelbacher und fügt hinzu: „Dies ist zweifellos richtig. Aber ebenso richtig ist es, dass man nicht so vieles und verschiedenartiges in sie hineinlegen könnte, wenn sie nicht selber so gross und vielumfassend, so reich und mannigfaltig, so frisch und lebendig wäre." Hier behandelt der Verfasser so im Vorbeigehen mit grosser Feinheit ein wichtiges Problem der allgemeinen Kulturgeschichte. Die wenigen grossen Bücher, die in der Kulturgeschichte der Menschheit eine Rolle gespielt haben, kann man nämlich in zwei Gruppen scheiden: in die Gruppe jener Bücher, deren Inhalt im Verlauf der Zeiten erschöpft wurde, und in die Gruppe jener, deren Inhalt sich für die Menschheit stets erneuert, gleich jenem geheimnisvollen Zaubergefäss der Sage. Ich möchte aus der ersten Gruppe Piatons Schriften nennen. Ihr Inhalt ist in das geistige Gefüge der Kulturmenschheit übergegangen, sie sind Quelle des philosophischen Idealismus geworden, bis in die fernsten Gebiete lässt sich ihr Einfluss verfolgen; die Menschheit hat unendlich viel aus ihnen geschöpft und hat sie eben — erschöpft. Sie haben eine Strecke lang die Entwicklung der Kultur begleitet, sie haben gleichsam ihre Rede an die Welt gehalten, und von da ab hat ihre Stimme aufgehört, lebendig zu sein. Wer ausser dem Berufsphilologen und dem Philosophiehistoriker liest heute noch Plato? Und wenn man ihn einmal zur Hand nimmt und sich in ihn vertieft, bat man den Eindruck, wie wenn man in den Säulenhallen alter juonischer oder korinthischer Tempel wandelte, in deren Nischen wundervolle, kalte, antike Marmorstatuen stehen und uns anschauen. Wer die angeborene Begabung besitzt und die nötige Vorbildung mitbringt, wird stundenlang in einem solchen Tempel verweilen und sein Auge an den Wundern dieser Kunst weiden. Wird er aber auch dort wohnen wollen? . . . Man kann sich nur schwerlich einen normalen Menschen denken, der Plato auf seinem Nacht kästehen zu liegen hat und beim Zubettegehcn und beim Aufstehen in ihm liest. Hier ruht das Geheimnis der Bibel, die, vielleicht einzig, in die zweite Kategorie der „unerschöpflichen" Bücher gehört, die man nie auslesen wird, weil jede neue Generation und jeder Einzelmensch immer von neuem sich und seinen Inhalt, seine Freuden und seine Leiden, sein Hoffen und sein Sehnen, sein Denken und sein FühleD, was ihn beunruhigt und was ihn tröstet, in sie hineinzulesen vermag. Es wäre eine verlockende Aufgabe für einen Gelehrten, der die alten Bibelkommentare nicht allein vom philologischen und archäologischen, sondern auch vom kulturhistorischen Standpunkt zu untersuchen die Fähigkeit besitzt, wenn er sich diesen genialen Fingerzeig Esehelbachers zunutze machen wollte, und die unzähligen Erklärungen zur Bibel aus den verschiedensten Zeiten einmal nach dem Gesichtspunkt untersuchen möchte, was die Erklärer aus ihrem Eignen und dem geistigen Besitztum ihrer Zeit in das Buch der Bücher hineingetragen haben. Unabsehbare Perspektiven eröffnen sich hier. Doch sei nur gleich betont, dass die Bibel nur so lauge für ihr Volk ein ewig sprudelnder Quell neuer Labsal sein kann, als wenigstens der grösste Teil des Volkes, wenigstens der Elite, die geistig Regsamen und Tonangebenden, imstande sind, sie in der Ursprache zu lesen. Dann sind die jeweils erscheinenden Uebersetzungen eben die Dokumente dessen, was das Zeitalter von der Bibel hofft und in ihr findet. WeEn aber einmal die Kenntnis der Ursprache aus dem jüdischen Volk geschwunden sein wird, dann wird auch der Lebensfaden des Volkes abgerissen sein. Die Periode der grossen Oede und Leere wird anheben. Noch auf eine wichtige Idee, die in dem kleinen Schriftchen kurz, aber kraftvoll und tapfer behandelt wird, will ich hier hinweisen. Das ist die neuerdings aufgetauchte Frage der Harmonisierung der Bibel mit den „gesicherten Ergebnissen" der modernen Wissenschaft. Es gibt unter uns eine ganze Richtung, die sich Gott weiss für wie fortschrittlich und aufgeklärt hält, und vom Religionsunterricht verlangt, er solle mit den gedachten „Ergebnissen" in Einklang gebracht werden. Diese guten Fortschritt!er und Aufgeklärten ahnen nicht, dass sie im — zwölften Jahrhundert stehen. Die damaligen Menschen hatten keine Ahnung davon, dass es eine Entwicklung der Wissenschaft gibt. Sie hielten ihre Weltanschauung für das einzige und letzte Wort aller Wissenschaft, und so mochten sie unverzagt den Versuch unternehmen, die „Offenbarung" und die „Philosophie" zu versöhnen, um die Bedürfnisse ihres Gemüts und die Quelle ihrer Ethik vor „dem Richterstubl der Vernunft" zu rechtfeitigen. Es kamen bei diesen Bemühungen gewiss fruchtbare und grosse Gedanken zutage, die dem Fortschritt der Menschen lange Zeit gute Dienste geleistet haben. Solche Versuche wurden auf jüdischer wie auf christlicher Seite unternommen. Der grossartigste knüpft sich an den Namen des Maimonides. Und es wird als ein Glück gepriesen werden müssen, dass der gesunde Instinkt des Judentums nur das, was lebersfähig an den Leistungen des grossen Meisters war, perzipiert hat, nämlich die Liebe zum Nachdenken und Forschen über die Welt und die Dinge, es aber mit der Zeit abgelehnt hat, die damals herrschenden Lehren des arabisierten Aristoteles gerade in der Bibel und im Talmud zu finden und so gezwungen zu sein, in ihnen der Weisheit letzten Schluss zu erblicken. In jener Epoche hatte dagegen die katholische Kirche sich mit der Thomistik verheiratet und lebt bis heute unter ihrem Pantoffel

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