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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-04-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 2)
Language
German
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375 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Temen. habe, bis zu dem vor mehreren Jahren in Schibani gestorbenen Joseph Abdalah, der als Bunclesgeschrei seiner Anhänger das Schreien des Esels eingeführt hatte. Eine interessante Gestalt ist Schukri Koha'il, der vor 43 Jahren den Temen entflammt hat. Er war Riemenschneider, war in den jüdischen »Schriften bewandert und besass den Titel More. Er studierte den Sohar und beschäftigte sich viel mit der Kabbala. Eines Morgens erklärt er: er sei der Messias, verlässt Weib und Kinder, nimmt den Stab zur Hand und wandert von Stadt /u Stadt, von Dorf zu Dorf, um diese Kunde zu melden. Die jüdische und arabische Bevölkerung nimmt ihn mit Begeisterung auf und kommt zu ihm, damit er allerhand Leiden heile; man erzählt sich, er tue Wunder. Der Imam, dem die immer wachsende Popularität des Juden bedenklich erschien, liess ihn in Tenam ermorden. Kurze Zeit danach gibt einer seiner Schüler sich für den wiedererstandenen .\le<sias aus und lässt die Eran des Koha'il nach Tenam kommen, die in ihm ihren Mann wiedererkennt. Die Gemeinde Sanaa. ist von einem Blutbad bedroht. Das rabbinische Gericht entlarvt den betrügerischen falschen Kohail und vertreibt ihn aus der Stadt. Der falsche Prophet flüchtete nach den wüsten Steppen des Ostens und hielt sich dort verborgen. Joseph Abdalah, der der Zeit nach jüngste dieser Erleuchteten hatte seine meisten Anhänger unter den Mohammedanern. Seine Frau und seine Tochter leben noch und ernähren sich durch das Drehen von Handmiihlen. Neben diesen falschen Messiasen, die einen verhängnisvollen Einfluss auf das Leben unserer unglücklichen Brüder hatten, sind noch alle jene Wundertäter, Zauberer, Magier. Scher, Quacksalber, die Charlatane aller Sorten zu erwähnen, die vor einigen Jahren in Sanaa hcrumwimmelten und noch heute im ganzen Lande vielfach anzutreffen sind. Ihre alten Bücher sind in einer geheimnisvollen Sprache geschrieben, die nur die Eingeweihten verstehen; sie besitzen eine Liste sämtlicher Krankheiten, die den menschlichen Körper heimsuchen können, und aller Arzneien, die sie zu heilen vermögen. Sie behandeln mit Kräutern, Düften und Gewürzen aller Art, aber auch mit Gebeten, kabbalistischen Zeichen und fremdartigen Medikamenten. In einem Falle lassen sie drei Schwanzhaare eines Esels verbrennen; ein andermal mins der Patient das Blut einer schwarzen Henne trinken, oder er muss den ganzen Körper mit einer Salbe einreiben, die aus Oel, Zinimt und aus drei Teilchen Erde hergestellt ist, die man drei Kindergräbern entnimmt. Die Ausübung dieser Heilkunst ist nicht immer ohne Gefahr. Der Mann der Wissenschaft beschäftigt sich nämlich nicht viel mit den Kranken, sondern Aveit mehr mit den Gesunden; er kann Liebe und Hass, Vergessen und den Tod herbeiführen; er verschafft Reichtum und bringt Armut. Die also verdammten Leute unterwerfen sich ihrem Schicksal nicht gutwillig, sondern rufen die irdische Gerechtigkeit an, und ein beseitigter Freier, ein betrogener Ehemann rächt sich für sein Missgeschick und lässt den Heilkünstler der (Fortsetzi Herzen einsperren. Ebenjetzt verbüsst einer unserer Glaubensgenossen in Redda drei Jahre Gefängnis, weil er durch seine Zauberkünste einem Liebhaber gegen den Ehemann geholfen hat. Gemeinhin ziehen diese Leute sich billiger aus der Schlinge, ein paar Taler genügen, damit die Richter ein Auge zudrücken. Die berühmtesten dieser Doktoren waren Juden; seit der letzten Belagerung von Sanaa hat ihre Zahl sehr abgenommen. Alle diese Heilkundigen lassen sieh ihren Rat und ihre Arzneien teuer bezahlen: darum ist in jedem Hause jede alte Frau der Arzt der Familie, sie pflegt die Kleinen und die Grossen, und leistet den nötigen geburtshilflichen Beistand. Die junge Frau, bei der die Geburtswehen sich einstellen, erduldet ihre Schmerzen ohne Laut; sie unterbricht ihre Arbeit nicht und legt sich erst im letzten Augenblick ins Bett. Gewöhnlich ist es die Schwiegermutter, die sie entbindet, die eigene Mutter erseheint erst, nachdem das Ereignis stattgefunden hat. Die Mutterschaft ist eine natürliche Funktion — wozu erst die Leute stören? Nur wenn der Fall sehr ernst ist. wenn es Stunden und Tage dauert, entschliesst man sich, eine fremde, durch ihre Erfahrungen bekannte Frau, herbeizurufen. Wenn solche anormalen Fälle vorkommen, sind Mutter und Kind gemeinhin verloren. Man regt sich darüber nicht sonderlich auf, und nach einem oder zwei Monaten spaziert eine neue Schwiegertochter im Hause herum. Der Tod ist nicht aufregend; wer fortgeht, hat unrecht und wird bald vergessen. Der Lebende muss beschützt werden und den Neugeborenen muss man allen Fallstricken des Teufels entreissen. Um es unkenntlich zu machen, heftet man dem Kind allerhand Amulette an, befestigt ihm eiserne Ringe am Hals, an den Händen und Beinen, so dass das kleine unter der Last gebeugte Wesen einem unförmigen Ungeheuer gleicht. Trotz dieser Vorsicht könnte der Geist des Bösen ihn doch noch aufspüren, deshalb muss man noch versuchen, den bösen Blick zu beschwören. Das geschieht hier wie im ganzen Orient dadurch, dass man das Neugeborene durch das ganze Stadtviertel trägt, in sein Waschwasser einen Rautenzweig taucht und es mit vom Rabbiner geweihten Oel salbt. Während dieses Salbens muss man selbstgegossenes Blei in Wasser werfen und muss in hellem Feuer kristallisiertes Salz verbrennen. Alle diese Mittel sind unschädlich; es gibt aber auch recht gefährliche und barbarische. Einem schwer kranken Kinde wird ein glühendes Eisen an die Brust gelegt, die dadurch entstehende Wunde soll alle bösen Geiste!' bannen. Meist entzündet sich die Wunde, und das Kind stirbt unter den grässlichsten Qualen. Bei Erwachsenen und Kindern sieht man noch jetzt durch das offene Hemd die durch diese Behandlung entstandenen Narben. Auch Aderlässe sind sehr beliebt, besonders zur Zeit der Tag- und Nachtgleichc. WTie im ganzen Orient übt auch hier Figaro das Amt des Wundarztes aus; er operiert mit seinem Rasiermesser, ein leerer Becher dient als Schröpfkopf. mg folgt.) m j< m"' pitrm Mm SALEM GOLD CIGARETTEN EtwäsJSrSM

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