Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 1)
- Language
- German
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373 374 DIE ALLIANCE-EXPEDITION NACH DEM YEMEN. (Fortsetzung aus Heft Am nächsten Tage, am Freitag, wird im Hause der Braut Gottesdienst abgehalten und danach führt man das junge Ehepaar in seine eigene Wohnung. Vorauf ziehen die Tamtams, dann kommen die in ihre blauen Scharschafs gehüllten Frauen und zuletzt die Männer. Am Eingang des Hauses wartet die Schwiegermutter, sie trägt einen Krug mit Wasser in der Hand und begiesst die Schwelle des Hauses in dem Augenblick, in dem die Schwiegertochter sie betritt; das soll Glück bringen. Die Frauen nehmen in einem Zimmer Platz, die Männer in einem anderen und der Rabbiner sagt die vorgeschriebenen sieben Segenssprüche. Das junge Ehepaar begibt sich in das Brautgemach, einem kleinen Raum mit an den Wänden entlang liegenden Matratzen und Kissen. Beim Eintritt entblösst die junge Frau ihr Gesicht, es ist ein Mädelchen von neun Jahren; auf dem Kopf trägt sie einen Perlenaufsatz, der sie grösser erscheinen lässt; ihr Kleid zeigt ein rotes Blumenmuster, den Hals schmücken Ketten aus Glasperlen. Mit dem rot und schwarz geschminkten Gesichtchen sieht sie wie ein chinesisches Götzenbild aus. Sie setzt sich in eine Ecke des Zimmers, der junge Gatte in eine zweite, und der Oberrabbiner giesst ihm Wasser über die Hände. Alle verlassen den Raum, der Rabbiner schliefst die Tür fest zu. Die allein zurückbleibenden Eheleute sind so jung! Man erklärt mir, dass diese Ehe nur der Form nach bestehe .... Mehr als ein Ideines Mädchen ist dabei zugrunde gegangen. Am Samstag früh ging ich in die Synagoge El Scheh zum Gottesdienst; der junge Ehemann wurde zum Sefer gerufen und hat die Haftarah vorgetragen. (In manchen anderen Gemeinden wird dieser Teil der Gebete von den Männern vorgelesen, die Familientrauer haben.) Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauern einen ganzen Monat; der junge Ehemann bleibt zehn Tage lang zu Hause und trägt während dieser Zeit ein weisses Tuch auf dem Kopf. Jahre vergehen; das kleine Mädchen ist grösser geworden und ist jetzt 14 Jahr alt. Sie erwartet ein Kindchen, verrichtet aber dabei die schwersten Arbeiten. Das Kind ist glücklich zur Welt gekommen. Hierzulande werden Mädchen und Knaben mit gleicher Freude begrüsst. Man lüsst die Nachbarinnen und alle kleinen Jungen des Viertels holen und bewirtet sie mit in Honig gesottenen Getreidekörnern. Auch die Wöchnerin bekommt davon zu essen und erhält zu ihrer besonderen Stärkung zerlassene Butter, die sie ganz heiss trinkt. Ist das Neugeborene ein Knabe, so wird er in Gegenwart sehr vieler Männer beschnitten, die im Kreis auf der Erde sitzen; der Vater hält das Kind, das in einem Korbe auf seinem Schoss liegt. Die junge Frau denkt nicht daran, dass sie besonderer Pflege bedürfe und steht schon am ersten Tag auf, um ihre Wirtschaft zu versorgen. Sie setzt sieh zum Ausruhen nur, wenn am Abend Freunde zum Besuch kommen, verlässt das Haus aber erst nach einer bestimmten Frist. Zum ersten Ausgang werden alle Verwandten und Freundinnen feierlich eingeladen. Alle diese weiblichen Wesen haben Rautenzweige in der Hand und spazieren in Reih und Glied auf die Strasse hinaus. Die Mutter trägt ihren Säugling, und eine Frau verteilt geröstete Erbsen an die vorbeikommenden Kinder. Nachdem sie eine bestimmte Entfernung erreicht haben, drehen alle Frauen sich a tempo um, werfen ihre Rautenzweige über den Kopf hinter sich und kehren unter lautem Hailoh wieder in das Haus zurück. Durch diese Formalität sind alle bösen Geister gebannt, und das Alltagsleben geht weiter, bis ein neues Kind geboren wird, was nicht allzulange datiert. So zahlreich die Geburten auch sind, so gross ist andererseits die Ernte, die der Tod unter diesen elenden Menschen abhält. Avath, der Sohn einer meiner neuen Freunde hatte noch vor zwei Tagen in seiner Werkstatt gearbeitet, und ist jetzt an einer Gehirnentzündung gestorben. Kein Mensch hat daran gedacht, einen Arzt zu holen. Ich gehe in das Trauerhaus, das trotz seines engen Raumes voller Menschen ist, bahne mir einen Weg durch die Menge, und was erblicke ich? Der tote Avath sitzt nackt auf dem Hof, zwei Leute giessen ihm Wasser auf den Kopf, und Männer und III von „Ost und West") Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Weiber stehen dabei und sehen zu; einige Personen weinen leise und unaufdringlich. Das Antlitzdes Toten sieht friedlich aus, sein Kopf ist frisch geschoren. In einem Zimmer, das schon ganz schwarz von Rauch ist, wird Weihrauch verbrannt. Jetzt holt man eine Matratze, bedeckt sie mit einem grossen Laken und plötzlich erhebt sich ein lautes Geschrei; einige Leute sprechen Gebete, andere begnügen sich damit, in den verschiedensten Tönen: Oht oh! oh! zu schreien. Unter den Weihrauchwolken wird Avath wie ein Paket gebracht und mit den weissen Sabbatgewändern bekleidet; Männer, Frauen, Kinder blicken unverwandt auf den armen kleinen Leichnam; das betäubende Geschrei wird nicht unterbrochen. Ueber die Kleider wird das grosse weisse Laken um ihn gelegt und mit Bindfaden fest umschnürt, so dass eine richtige Mumie gebildet wird, nur der Kcvpf bleibt frei. Jetzt wird die Leiche auf eine Bahre gelegt und unter lautem Geheul fortgetragen. Alle Tage kommen die „Sekenim" (Greise) in das Sterbehaus und verrichten dort Gebete für das Seelenheil des Verstorbenen; am siebenten Tage wird ein festliches Mahl abgehalten, bei dem die Sekenim, die Verwandten und Rabbinen gemeinschaftlich essen und trinken, als ob man sich nicht in einem Trauerhaus befände. Wenn er das Glas zum Munde führt, sagt jeder Gast: „Gott tröste che Trauernden", und Avatlis Vater antwortet: „Der Herr der Belohnungen gebe euch gxiten Lohn!" Ohne diese Snda (Mahlzeit) würde die Seele des Toten durch die Welt irren und den Schlaf der Familie stören. Trotzdem gibt es Familien, die diesen Brauch nicht mitmachen. Es ist vorgekommen, dass die vom guten und reichlichen Essen befriedigten und von den Geistern des Araki umnebelten Gäste beim Fortgehen die Abschiedsformel gebrauchten, die beim Verlassen der Freudenfeste üblich ist: „Der liebe Gott lasse uns immer so beisammen sein!" Um solchen Skandal zu vermeiden, haben die Rabbinen gestattet, dass man den Sekenim anstatt dieser Mahlzeit ein Geldgeschenk gibt. Glaube und Aberglaube. Falsche Messiase. Pilgerschaft. Aerzte und Zauberer. Der grausam verfolgte Jude hat stets im Gebet Vergessen für seine Leiden gesucht. Seine religiösen Führer haben ihm gesagt, dass die Befreiung nur durch Reinheit der Sitten, durch Herzensgüte und durch unaufhörliche Gebete erreicht werden könnte. Deshalb widmeten Arm und Reich, Gross und Klein den grössten Teil ihrer Zeit den Gebeten und inständigen Bitten. Noch vor lö Jahren kamen jeden Morgen alle frommen Leute in den beiden grossen Tempeln der Stadt zusammen und beteten unter der Leitung der beiden berühmten More Ibrahim Saleh und Hann Gareh um das Aufhören des Dschaluth (Golus), drei geschlagene Stunden lang las man mit grossem Geräusch den Sohar, die Psalmen und Sclichoth, sagte besondere Gebete her und blies schliesslich den Schofar. Eine Viertelstunde lang ertönten die durchdringenden Rufe des heiligen Instruments, erfüllten die wunderhungrigen, vom Gebet erschöpften Gemüter mit Angst, so dass manche schliesslich in Zuckungen umfielen. Diese zu allen Zeiten abgehaltenen abnormen'Gebetsübungen Hessen aus den Kreisen der ungeschulten Juden Seher und Propheten hervorgehen, die die bevorstehende Erlösung verkündeten. Die immer nach Wunder gierigen yemenitischen Juden begannen zu glauben und zu hoffen. Ihre Träume haben nie lange gedauert, die Verfolgungen und Mordtaten brachten sie schnell zur Wirklichkeit zurück. Heute sind diese „Erleuchteten", für die Hunderte sich hinschlachten licssen, längst vergessen; die Gläubigkeit hat nachgelassen, und wenn der wahre Messias käme —• so sagte mir ein hiesiger Notabler — würden wir wohl zögern, ihn anzuerkennen. Es ist unmöglich, auch nur annähernd alle die Männer aufzuzählen, die sich für Abgesandte Gottes ausgegeben haben; von dem Rabbi an, der im 12. Jahrhundert seine Gemeinde zum Uebertritt in den Islam aufforderte, unter dem Vorwand, dass die Bibe.l den Mohammed vorhergesagt