Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Das Schulwerk der Alliance
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 3)
- Language
- German
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Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Schulwerk der Alliance. 372 an Schülern eingegangen. Früher liatten unsere Glaubensgenossen sich durch ihre geistige Regsamkeit auf diesem Gebiet ausgezeichnet; unter der jüngeren Generation findet man aber keine Leute mehr, die den Talmud verstehen — mit Ausnahme der Rabbinersöhne, die sich ebenfalls für das Rabbineramt vorbereiten. Der einzige Ort, an dem öffentlich der Talmud gelehrt wird, ist Ihre Knabenschule. Dieser geistige Niedergang ist besonders bei einem Volk zu beklagen, das sich durch lebhafte Intelligenz auszeichnet und das mit Recht auf seine grossen Gelehrten und Schriftsteller früherer Zeiten stolz ist. Noch tiefer ist die Umwandlung des religiösen Gefühls zu bedauern, das seinen Ausdruck in groben abergläubischen Formeln, im Wunderglauben und im Glauben an übernatürliche Kräfte der „Zadclikim" findet und dem Kultus des wahren Gottesglaubens den Platz streitig macht. IV. Stellung der ehemaligen Allianceschüler. Die Allianceschule in Fez besteht bereits seit 27 Jahren; viele Generationen sind in ihr unterrichtet und erzogen worden, und doch muss leider festgestellt werden, dass der von uns erteilte Unterricht den jungen Leuten keinen praktischen Nutzen gebracht hat. Ausser für ein halbes Dutzend Beamte bedeutet das an unserer Schule erworbene Wissen keinen Broterwerb. Alle diese Generationen, unter denen sich tüchtige und vielversprechende junge Leute befanden, haben es nicht zuwege gebracht, die wirtschaftliche Lage des Mellah zu verändern. Welche anderen Erfolge haben die Schulen in Jetuan und in Bagdad aufzuweisen! In Fez hat es den Tuden bisher an der nötigen Energie gefehlt, um sich aus ihrem Elend und den hergebrachten Gewohnheiten aufzuraffen. Sie haben nicht einmal versucht, sich auf einen höheren Grad des Wohlstands zu bringen. Die Gemeinde von Tetuan hatte sich in viel schwierigerer Lage befunden, bevor die Kühnheit, der Unternehmungsgeist und die Zähigkeit ihrer jungen Leute sie nach und nach zu ihrem gegenwärtigen Wohlstand gehoben haben. Was die Tetuaner hauptsächlich durch Auswanderung erreicht haben, haben die jungen Leute in Fez nicht versuchen wollen; sie selbst hatten nicht den Mut, die Heimat zu verlassen und niemand hat es verstanden, sie in dieser Richtung zu beeinflussen. Durch die Initiative der Alliance war der Versuch einer Auswanderung nach dem Senegal gemacht worden, nach dem Scheitern dieses Versuches war keine .Lust mehr dazu vorhanden. Die frühen Heiraten legten den jungen Männern eine Kette an, die sie an die Heimat festsehmiedeten. Es ist ein trauriges Schauspiel, wie diese mit guter Schulbildung versehene und für den Kampf ums Leben wohl vorbereitete jüdische Jugend durch die traurigen Zustände zum Müssiggang verurteilt ist, geistig und körperlich verkommt und aufs neue von allen Vorurteilen und Irrtümern beschmutzt wird, von denen die Schule sie mit so grosser Mühe befreit hat. Wenn der Jüngling nach beendetem Elementarunterricht aus unserer Schule abgeht, muss für ihn eine Lebensfrage entschieden werden, die nicht leicht zu beantworten ist. Was soll er anfangen, um sich zu beschäftigen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Zum Auswandern fehlt ihm entweder der Mut oder die Eltern versagen ihm die Erlaubnis. Wird er eine kaufmännische Stellung finden? Nein; der Grosshandel liegt hier in den Händen der Mohammedaner und diese stellen keine Juden an. Soll er ein Handwerk erlernen? Die einzigen im Mellah ausgeübten Gewerbe sind die Goldschmiede- und Graveurkunst, Stickerei und Schneiderei, aber sie sind so überfüllt und die Konkurrenz ist so gross, dass man dabei sich nicht mehr ernähren kann. Schmiede, Mosaikarbeiter, Sattler, Weber, Färber usw. sind gutbezahlte Arbeiter, aber diese Berufe werden wiederum nur von Mohammedanern ausgeübt, die keine jüdischen Lehrlinge zulassen; vielfach ist hier auch bereits das Genossenschaf tss3'stem in Betrieb. Unserem jungen Mann stehen also nur die niedrigsten Gewerbe offen. Sind die Eltern wohlhabend, so kann er ein kleines Spezereigeschäft aufmachen oder die Märkte der Vororte und die eingeborenen Stämme besuchen, um dort die landwirtschaftlichen Produkte einzuhandeln oder Kleinigkeiten zu verkaufen. Die Avirtschaftliche Entwicklung, die sich in Marokko durch den Zuzug europäischer Einwanderer vorbereitet, hat, wie ich schon oben berichtet, einen wirksamen Einfluss auf unsere Jugend gehabt. Sie hat das Gefühl, dass sie jetzt auf einem weiteren und günstigeren Gebiet wird arbeiten können, und wir dürfen mit Zuversicht erwarten, dass die geistigen Fähigkeiten Ihrer Schüler bald ein geeignetes Feld finden, und dass die hiesigen Israeliten in wenigen Jahren die Früchte Ihrer Opferwilligkeit ernten werden. DIE CHOLERA IM ORIENT. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Die im letzten Herbst in vielen Gegenden des Orients und Afrikas heftig aufgetretene Cholera hat auch unter der jüdischen Bevölkerung zahlreiche Opfer gefordert. Nach den dem Central-Comite zugegangenen Berichten ist die Lage in Tripoli in der Berberei am betrüblichsten gewesen. Schon in normalen Zeiten lebt die dortige jüdische Bevölkerung in grossem Elend, jeder hygienischen Einrichtung fremd, deshalb findet dort die Cholera ein wohl vorbereitetes Feld zu ihrer Verbreitung- Als die ersten Cholerafälle zur allgemeinen Kenntnis gelangten, wurde das Judenviertel barrikadiert und kein Jude herausgelassen. Alle verdächtigen Personen wurden in besonderen Baracken zur Beobachtung untergebracht. Die etwas besser bemittelten Israeliten waren schon zu Beginn der Epidemie geflohen, aber die grosse Masse der Armen musste sich in ihr Schicksal fügen. Viele Familien sahen jeden Tag eines ihrer Mitglieder in die Isolierbaracken abführen, und zwei Monate lang gehörten die trostlosen Leichenzüge zum regelmässigen Strassenbild. Nach der offiziellen Statistik sind über 1000 Personen isoliert worden; zwischen dem 20. September und 29. November sind 32G Personen erkrankt und 232 gestorben. Das allgemeine Elend, das durch den Tod zahlreicher Familiem-äter und den Stillstand aller Geschäfte entstanden ist, hat die regelmässigen Lasten der Gemeinde von Tripoli noch bedeutend vermehrt. Die von der Alliance gesandten Hilfsgelder, die von verschiedenen privaten Leuten gesammelten Mittel und die von der Regierung gewährten Unterstützungen haben es ermöglicht, den dringendsten Ansprüchen zu genügen und Hunderte von Familien mit Nahrungsmitteln, Bettzeug und Kleidung zu versorgen, denn der Vorsicht halber waren alle Kleider und Betten verbrannt worden. Aber trotz dieser augenblicklichen Hilfe wird die allgemeine Lage der Juden von Tripoli auf lange hinaus sehr schwierig sein, und der Wohltätigkeitssinn und die Hilfsbereitschaft unserer Glaubensgenossen wird hier noch ein weites Gebiet finden. Nicht nur in Bagdad und'Bassorah und in den persischen Städten Hamadan und Kirmantscha hat die Cholera zahlreiche Opfer gefordert, sie hat auch den Osten von Europa erreicht. In Konstantinopel, in Rodosto und in Salonichi sind verschiedene Fälle vorgekommen. Den am meisten betroffenen Gemeinden hat die Alliance Beistand geleistet.