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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 369 - 370

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Das Schulwerk der Alliance
Date
1911-04-01
Page
Seite 369 - 370 (sequence 2)
Language
German
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369 Mitteilungen der Alliance Israclite Universelle: Das Sehuhverk der Alliance. 370 II. Wirtschaftliche Lage des Mellah. Ich liabo oben gesagt, dass der Regierungswechsel in Marokko einen unheilvollen Einfluss auf die wirtschaftliche Lage des Mellah ausgeübt hat. Das verlangt eine Erklärung. Wie Sie wissen, ist der Handel hier sehr unbedeutend, und die Haupteinnahmequellen unseres Mellah waren allezeit sowohl die Zinsdarlehen .in die Beamten des Maghsen in Fez oder in der Provinz, und die Arbeit für den Hof, der einen zahlreichen Stab von Handwerkern, Goldschmieden, Schneidern, Graveuren, Stickern usw. beschäftigte. Die Israeliten von Fez hatten den wohlbegründeten Ruf von Leuten, die ihren Lebensunterhalt reichlich verdienten. Dieser Zustand hat nach dem Aufruhr nicht angehalten, der den letzten Sultan und seine Kreaturen weggefegt hat. Von einem Tag zum anderen sahen die Juden sich plötzlich vor der Unmöglichkeit, ihre Aussenstände einzukassieren, die Schuldscheine waren wertloses Papier geworden. Nicht nur die grösseren Kapitalisten wurden vollständig ruiniert, sondern auch die bescheidenen Sparer des Mellah, bei denen die grossen Unternehmer immer Geld für ihre Transaktionen fanden. Auch die Handwerker und Arbeiter sind in keiner günstigen Lage. Auf die verschwenderische Regierung von Mulay Abel el Aziz, die dem .Mellah viele Aufträge und viel Verdienst brachte, ist eine Regierung der strengsten Sparsamkeit gefolgt, die fast alle Leute zum Feiern zwingt, die vordem von den Bestellungen für den Hof gelebt haben. Der Mellah befindet sich demnach in sehr schwieriger Lage. Unsere Glaubensgenossen dürfen nicht darauf rechnen, dass am Hofe wieder die frühere Verschwendung Platz greift und ihnen wieder zu neuer Arbeit verhilft. Durch die Einführung der jetzt funktionierenden finanziellen Aufsicht und durch die Festsetzung des dem Sultan zustehenden Einkommens ist die Quelle für die verschwenderischen Ausgaben des Hofes versiegt. Die Israeliten werden so lange unter diesem Zustand leiden müssen, bis es ihnen möglich sein wird, ihre Tätigkeit auf dem Gebiet des Handels und der Industrie zu verwerten und im Land neue Betriebe einzuführen. Noch verharren unsere Glaubensgenossen in den althergebrachten Formen des Handels, ohne dass sie einer neuen Idee und irgendeiner praktischen Initiative zugänglich zu machen sind. Am meisten leiden die jüngeren Leute unter dieser allgemeinen Stockung. Aber leider fehlt auch ihnen jener Unternehmungsgeist, der ihre jungen Glaubensbrüder in Tctuan auszeichnet; dort haben sie mit Hilfe der Auswanderung die Gemeinde wieder neu aufgebaut und zu einer der blühendsten in Marokko staltet. III. Der Mellah. Der im Südosten der Stadt Fez belegene Mellah gehört zu dem neuen ..Fez und Djedid" benannten Stadtteil. Er ist von allen Seiten von einem hohen Mauergürtel eingeschlossen, der ihn vom Araberviertel trennt und ihn nach der Landseite gegen die Ueberfälle der benachbarten Kabylen schützt. Als einzigen Ausgang nach aussen hat der Mellah ein massives Tor, das von einem Pikett bewaffneter Soldaten bewacht -wird; nach Sonnenuntergang wird das Tor geschlossen und die Einwohner bleiben auf diese Weise eingesperrt. Der Mellah befindet sich in der nächsten Nachbarschaft und unter dem unmittelbaren Schutz des Souveräns. Das Palais des Sultans, dessen Befestigungen die aufsässige und unruhige Bevölkerung der Stadt beherrschen und in Schach halten, hält seit über dreihundert .Jahren die furchtsame und ehrerbietige jüdische Einwohnerschaft unter seinem Schutz. Diese wird direkt von einem m it untsprechcnderVollmacht ausgestatteten Pascha beherrscht, der den Titel Scheikh-el-Jahud führt und die jüdische Gemeinde bei den öffentlichen Behörden vertritt. An ihn wendet man sich, wenn eine Abgabe für den Maghsen erhoben wird wenn eine allgemeine Bekanntmachung an die jüdische Gemeinde übermittelt, oder wenn ein Individuum verhaftet werden soll, gegen das ein Strafverfahren schwebt. Zu den Amtsgeschäften dieses Scheikhs gehört auch die Aufrechterhaltung der Ordnung im Judenviertel, die Polizeigewalt, die Aufsieht über die guten Sitten der Einwohner. An grossen mohammedanischen Festtagen, bei der Hochzeit des Sultans oder der Geburt eines Prinzen bringt eine vom Scheikh geleitete und von ihm vorgestellte jüdische Deputation dem Sultan die Glückwünsche und die üblichen Geschenke der jüdischen Gemeinde dar. Das Innere des Mellah und der in den engen, schmutzigen Strassen heruniwimmelnden, zerlumpten Männer und Frauen ist kein erfreulicher Anblick. Der reiche Muselmann, der eingesessene Bürger von Fez setzt nie den Fuss in das von ihm verachtete und verpönte Judenviertel; der Fremde, der es zum ersten Mal betritt, empfindet eine Mischung von Trauer und Ekel vor dem Schauspiel, das sich seinen Blicken bietet: enge überwölbte Strassen ohne Licht und Luft; vom Schmutz der Jahrhunderte geschwärzteMauern; an denStrassenecken zusammengeworfene Schmutzhaufen, über die man stolpert; schwere und kaum zu atmende Luft, die von unnennbaren Gerüchen erfüllt ist. Die sich in dieser Umgebung bewegende und hier arbeitende Bevölkerung macht auch keinen erfrischenderen Eindruck. Die Gesichter sehen blass und leidend aus, die Körper sind schlecht gebaut und bewegen sich ungeschickt, das vollständige Fehlen jeder Hygiene drückt die Leute zu Boden, deren Intelligenz übrigens eine ziemlich rege ist. Man fragt sich, welcher Herkules wohl diesen Augiasstall zu reinigen imstande wäre, und welches Wunder der Zivilisation dieses Volk wieder zu heben, es körperlich und sittlich zu gesünderer Lebensweise führen und es wieder zu selbstbewussten, menschenwürdigen Wesen umzugestalten vermöchte. Am Sabbat und an den Festtagen sieht es im Mellah weniger abstossend aus, denn am vorhergehenden Tag ist der Versuch der Reinigung gemacht worden. Die ganze Woche hindurch tragen die Männer nur schwarze Kleidung, ein Ueberbleibsel aus den Tagen der Sklaverei und der Erniedrigung; an den Festtagen aber ziehen sie Gewänder von den verschiedensten bunten Farben an — hellgrün, hellblau, lachsfarben — die aus feinen Woll- oder Seidenstoffen gefertigt sind. Wenn der Anblick dieser Kleider etwas freundlicher wirkt, so ist doch der Eindruck der Verweichlichung, den Farbe, Schnitt und Verwendung der Kleidung machen, um so unangenehmer. ... Das grösste Lob, das man Ihren Schulen erteilen darf, besteht darin, dass sie zur Verminderung der vorzeitigen Heiraten beigetragen haben. Die jungen Leute, die unsere Schulen absolviert haben, treten jetzt mit dem genauen Bewusstsein ihrer künftigen Pflichten und Verantwortlichkeiten ins praktische Leben ein; sie haben eine höhere Bildung als ihre Umgebung und verstehen jetzt, den Heiratsplänen ihrer Angehörigen energischen Widerstand zu leisten; sie empfinden ehrliche Scham vor zu früher Heirat mit unreifen Mädchen. Auch die Mädchenschule hat grossen Anteil an dieser Wandlung. Die persönliche unermüdliche Tätigkeit Ihrer Lehrerin, die ihren Einfluss in den Familien geltend machte, und die wohltätigen Folgen des Unterrichts haben zahlreiche halbwüchsige Mädchen vor den unnatürlich frühen Ehen bewahrt. Sie können sich kaum vorstellen, wieAriel Gutes Sie dieser jüdischen Bevölkerung von Fez erweisen, .nicht nur durch die Schulen als solche, sondern auch durch den hiesigen Aufenthalt des weiblichen Lehrpersonals. Sie leben in enger Verbindung mit dem Mellah und liefern den Familienmüttern der Gemeinde ein gutes Vorbild. Ueber tausend Einzelheiten wird die Schulvorstehcrin von ihnen um Rat gefragt, sie muss in Hj'gicne- und Toilettenfragen, in Wirtschaftsführung, Kinderpflege und Erziehung den unkultivierten Frauen mit Rat und Tat beistehen. Der Mädchenschule von Fez wird es in hervorragendem Mass zu verdanken sein, dass die Gemeinde eines Tage» zu gesunderen Sitten zurückkehrt, wenn es vielleicht auch noch bis zu der Zeit dauert, da die Schülerinnen von heute Frauen und Mütter geworden sind. In diesem Bewusstsein müssen Sie den besten Lohn und die beste Rechtfertigung für die Opfer finden, die Ihnen die. Erziehung der jüdischen Frau in Fez auferlegt. Das religiöse Leben. In Fez ist das religiöse Leben der Juden so weit ausgebildet, wie kaum an anderen Orten. Der dritte Teil des Lebens eines hiesigen Juden wird auf Gebete und fromme Ucbungen verwendet. Alle religiösen Vorschriften werden gewissenhaft beobachtet, und für die grosse Masse des Volks ist die Religion der einzige moralische Halt. Die talmudisch-juristischen Studien, für die Fez ehemals so berühmt gewesen ist, haben heute vollständig aufgehört. Die Jeschiboth sind nach der Reihe aus Mangel

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