Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Der Tod des Propheten
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 1)
- Language
- German
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355 356 Der Zob fces Propheten, Cegenbe. Von 13ertl)otb feiwel. Unb bie Stimme bes föerrn scholl öurd) bie Had)t. €s erbebten bie ßötyen unb erschauerten bie liefen. Unb bie Slüsse, bie 511 "Cale liefen, stockten in ihrem Cauf, unb bie Gestirne blieben stehen in ih>rer kreisenben Bahn. Unb es erscholl bie Stimme bes ßerrn: „(Doses, mein Unecht, stet) auf unb umgürte beine Cenben unb steig empor mit bem (Dorgengrauen auf ben Berg Hebo. Denn bein Zag ist gekommen unb bie Stunbe bes Zobes l}ält ihre ftrme offen, biet; 511 empfangen.4' Unb CDoses tat, wie ber FSerr ihm ger>eissen. Unb er stieg hinauf von ben Steppen (Doabs auf ben Berg Hebo, bie Spitze ber pisga. festen Schrittes ging er unb aufrechten F5auptes, unb sein Stechen wanberte mit ihm, kräftig aufschlagenb wie ber Süss eines schlad)tfrohen Kriegers. Hun stanb er auf ber Spitze. Da brach bie Sonne hGrvor m\t loöernbem rotem unb golbenem f euer. Das ODeer ber Hebel wallte in bie Weite. Unb wie eine Rosenknospe, benetjt vom reinen £au, bie Blätter aufschliesst, eines nach °em andern, bis sie in lieblicher Schön* heit sich 90113 barbieten ben Füssen ber Sonnen« strahlen, so erschloss sich vor seinen Flügen in junger reiner Schönheit bas Canb von Gileab bis Dan unb gan3 Haphtali unb bas Canb 6phraim unb (Danasse unb bas Canb }uba bis 3um (Deere, ein Rosenblatt nach bem anbern. Um bie Gipfel ber Berge hatte bie Sonne rosige f löre gewunben, weiches Golbgrün floss wie ein sanfter Quell über bie palmenwälber, Silberschaum hüpfte auf ben Wassern .... Unb alles Canb schien sich 3U heben, (Doses entgegen, freubig bemütig: „nimm mid)!" Unb (Doses breitete feine flrme aus, weit, weit, als wollte er es fassen, an seine Brust 3iehen unb an seine Cippen brücken, Da erscholl biej Stimme bes ßerrn: „Siehe, bieses ist bas Canb, bas ich 3ugesd)Woren Abraham, Isak unb Jakob, sprechenb: Deinen nachkommen will ich es geben. Siehe bieses Canb, ich lasse es bid) schauen, aber bein Süss soll es nicht betreten." So sprach °er föerr. Unb bie £rbe stanb starr unb breite, schwane Schatten legten sich über bie F5elle. Dann aber 30g es herauf wie leises Blumen=Wimmern unb wie bas Stöhnen von Wälbern. Unb es stieg herauf wie raufchenbe Imlage ber Wasser unb wie nad^öruefc verboten. bumpfes Dröhnen ber Berge. Unb alles warb ein ungeheurer Weheklang unb klang hmein in bie Stimme (Doses, ber sich hinwarf unb aufschrie 3um Rerrn: „Der bu mich so weit geführt hast, o Rerr, lass mich leben unb enpjiehn in bieses Canb, bessen Obern stark ist wie 3ebernbuft unb süss wie ber Wohlgeschmack ber Rosen unb rein wie ber Raud) ber Cilien, bessen Schoss fruchtbar ist wie bie Scholle £bens, bessen Brüste fliessen von (Dilch unb Ronig . . . ." Unb es war ein Weinen unb Jammern oben unb unten, auf Crben unb in ben Rimmeln. Da burchbrach bas Wehklagen bie Stimme bes F5errn, erst gewaltig wie ein Donner aller Donner unb bann milbe wie bas Wehen bes frühlingswinbes. Unb Gott sprach: „Du sollst leben unb ein3iel)en in bieses Canb. Rber bieses wirb bein Cos sein: Du wirst sie führen in bieses Canb, boch melkenb bie fetten Guter seiner f^ülje unb schüttelnb bie fiillestrorjenben fruchtbäume unb schlemmenb in trügen bas Blut ber "Crauben wirb Jeschurun beleibt werben unb feist unb ausschlagen wie ein wilbes füllen, unb es wirb seinen Gott verlassen unb opfern Görjen unb fölötjen unb erniebrigen unb besubeln wirb es ben felsen seines F5eils. Unb ich will ausfd)ütten über sie bie Pest unb mein feuer auf sie schicken unb meine Tobespfeile will ich gegen sie schleubern..." „Cass mich 3U ihnen!" rief ba (Doses, „lass mich sie erlösen ober mit ihnen verberben ....!', „Unb ich würbe sie ausrotten, bas Rinb unb ben Jüngling unb bie Jungfrau unb (Dann unb Weib unb Greis — benn ein Volk ohne klugen Sinn sinb sie - aber um ber feinbe willen will ich °ie Schärfe meines Schwertes verwahren, auf bass bie Reiben nicht sprechen: Sehet, schwach ist ihr Gott unb lässt sie 3iigrunbe gehen. Darum will ich sie schonen. Rber so wie sie mich verlassen haben unb tan3enb um bas golbene ßalb mich verhöhnten, so werben sie bann bich verhöhnen unb sie werben siel) empören gegen bich unb gegen bich aufstehen — benn ohne klugen Sinn sinb sie unb ein hartnäckiges Volk — unb sie werben sprechen: Wer ist er, bass er uns 3U befehlen wagt, einer über Rllen? Raben wir nicht unsere Wibber unb Rinber, unsere Weinstöcke unb Gerstenfelber, was ist es, bas er uns gibt?