Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Etwas über jüdische Sprichwörter
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 1)
- Language
- German
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349 35a ETWAS UEBER JUEDISCHE SPRICHWOERTER. Von Thekla Skorra. Xachdruck verboten. Wegsteine — „als der Knabe ans seines Vaters Hans wanderte, verstreute er bunte Kieselsteine den Wald entlang, dass er den Weg wieder zurückfände, den er gezogen." Sprichwörter — die Sprichwörter unseres jüdischen Volkes, was sind sie anders, als solche scharf und hart geschliffene Kiesel, den Weg ihm zu bezeichnen. Keine Edelsteine, keine prunkenden Kostbarkeiten, die man in gesicherten Schränken zur Schau stellt: Weisheit der Gasse — Steine vom Wege. Und dieser Weg ist nicht glatt, reinlich und sonnig gewesen. Abermals und abermals haben Ungewitter sich darüber entladen, Fluten von Blut und Schlamm wälzten sich über ihn hinweg; wer will sich wundern, dass der Wanderer nicht immer reinlichen Fusses hindurchzog? Müssen wir glücklicheren Enkel nicht viel mehr mit ehrfürchtigem Staunen vor dieser unverwüstlichen Kraft unseres Stammes stehn, der auch in den dunkelsten Zeiten noch Lebensmut genug aufbrachte, diese seine Wegsteine in den buntesten Farben schillern zu machen. Und was ihnen Licht und Farbe gegeben, ist ihre tapfere Selbsterkenntnis, ihr unverwüstlicher Humor. Ein ehrliches Sichbekennen zu Grundsätzen, die vielleicht nicht immer in Einklang stehn mit den idealen Forderungen einer verfeinerten Moral; einer Moral, deren praktische Unaufrichtigkeit aber gerade der Jude täglich am eigenen Leib zu erfahren bekam. Humor, ein glücklich sieghafter, der die Knüppel, die man ihm zwischen die Beine wirft, aufhebt, sich aus ihnen eine Leiter zu bauen, auf der er hinwegsteigen kann: über sein Geschick, über den Alltagströdel — über sich selbst. Nicht viele von diesen köstlichen kleinen Chochmes konnte ich bisher auflesen, denn der Weg unseres Volkes ist durch vieler Herren Länder gegangen, der meine nur durch Deutschland; und bei uns deutschen Juden zumal sind die Füsse der Enkel allzu oft beflissen gewesen, die Süuren der Väter von ihrem Wege zu tilgen. Hier ein paar dieser Sprichwörter, ohne jedes Schema, wahllos, wie sie mir zuflogen, in buntem Durcheinander hergestellt: " * * * „WTas tut m o m i t'm Narr am Schabb e s?" In der Woche, im stumpfsinnigen Tagewerk und Frondienst mag auch der Einfältige, geistig gering Begabte seinen Platz halbwegs ausfüllen, zu irgendeiner Arbeit brauchbar sein. Aber am Sabbat, dem Tag, der nur der Beschäftigung mit ideellen Dingen, der Einkehr in eine höhere, eine Geistes weit gewidmet ist: was soll da der arme Narr anfangen, der gar kein Geistesleben hat! dem andern sie bemerkt: geh' hin und schlafe deinen Rausch aus. Gilt doch der Menge stets Nüchternheit erstrebenswerter, als der glückseligste Rausch. „Wenn du Ghaser (Schwein) frisst, m u s s d i r's ü b e r'n Bart laufe n." Will sagen: Wenn du schon etwas Böses, etwas Verbotenes tust, aus unbezwingliclier Begier, sei wenigstens nicht zaghaft. Für einen Bösewicht wird man dich sowieso halten, und deine Strafe dafür wird nicht ausbleiben: habe wenigstens zuvor den vollen Genuss. In der Tat ist wohl jedem gesunden Empfinden ein kecker, übermütiger Sünder lieber, als die feigen und heuchlerischen. ,,M c soll nie auf'n neuen Melach (König) beten/' Denn der alte mag schon seine Fehler haben, die die jüdischen Untertanen oft empfindlich spüren mochten: ob aber der neue besser sein wird "2 Wieviel hundertmal im Lauf der Geschichte mögen schwere Enttäuschungen an einem sehnsüchtig erhofften Tronfolger die Juden diese Weisheit gelehrt haben! „W er n i c h hält au f de Mespoche (Familie), an de m. i s kein B r o c h e (Segen)." Aus dem patriarchalischen, dem Leben der Erzväter und ihrer Söhne, der zwölf Stämme, hat sich ja das ganze jüdische Volk entwickelt, so war das Familienleben die Wurzel seiner Kraft, dem die wichtigsten Sitten und Gebräuche entstammten. Jeder Hausvater konnte seine Tochter trauen, jeder Mann sich von seiner Ehefrau scheiden: kraft ihres Familienreehts allein, ohne dass ein Priester die Hand im Spiele haben brauchte. ,,'N Patsch steck' dir in de Tasch' und h o l'n raus, wenn er sich p a s s t.<e Eine recht opportunistische Klugheit, die entgegen der ursprünglichen jüdischen Ethik, einer Art von Sklavenmoral entspringt, zu der jahrtausendlange Bedrängnis unser Volk korrumpiert hatte. Die Unterjochten, leider machtlos, eine Unbill sofort auf gebührende Art zu vergelten, mussten zu einer kleinlichen, gelegentlichen Rache ihre Zuflucht nehmen. * * * ,,E s wird kommen e J ü d c Ii c u n wird sich auskriegen mei Kriegch o." Dem vorigen sehr ähnlich, nur ethisch höher, weil es daneben den Zusammenhang des ganzen Volkes Israel betont: Wenn ich auch heute nicht zu siegen vermag, es wird schon einmal irgendeiner meines Stammes meine Sache weiterführen. Diesen Zusammenhang rühmt nocli einmal kurz das Wort: „K ol jesroel chaveiri m." Das ganze Volk Israel ist sich freund. ,,Wenn zwei sagen schicker (trunken), soll me sich legen' ins Bett." Andere beurteilen deinen Zustand oft richtiger, als du selbst. Damm sei nicht unbelehrbar. Deine Trunkenheit hindert dich, ihrer bewusst zu werden; wenn aber einer nach Das Gleiche vom engeren Kreis der Familie sagt sehr hübsch: „Bind' mer alle Viere u n werf mich unter de Meine n."