Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Briefe aus England
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 347 - 348 (sequence 2)
- Language
- German
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347 Dr. S. M. Melamed: Einem kontinentalen Juden muss diese Begründung merkwürdig erscheinen, hier versteht sie ein jeder. Nach der Auffassung der anglisierten Juden ist es Aufgabe des Rabbiners, zu predigen und Kranke zu besuchen. Zur Wissenschaft darf er kein Verhältnis haben. Ein Vorstardsmitglied der United Synagogue beantragte auch vor kurzem, das Rabbinerseminar so zu reformieren, dass in ihm möglichst wenig gelernt werde. Die Zöglinge sollen nur zu „Charitymen", also Kranken- und Armen- Fürsorger herangebildet werden. Da aber der jetzige Rektor des Seminars, Herr Prof. Dr. Büchler, im Gegenteil bestrebt ist, seinen Zöglingen eine möglichst gelehrte Erziehung zu geben, so hat die Hauptgemeinde, als Antwort darauf, dem Seminar die schon an sich karge Subvention von 4000 Mark entzogen. An dieser betrübenden Erscheinung, gegen die die bildungsdurstigen osteuropäischen Juden sich auflehnen, sind schuld, erstens das praktische Business- Milieu, die ganze englische Atmosphäre, die instinktive Abneigung der Engländer gegen den Intellektualismus, den sie durch den Sport ersetzen . . . und die geringe Bildung der ersten jüdischen Einwanderer aus Deutschland, deren Absicht nicht, wie die der osteuropäischen Juden, war, sich hier intellektuell zu entwickeln, sondern sich wirtschaftlich zu betätigen. Der hier wirtschaftlich emporgekommene russische Jude schickt seine Kinder nach Oxford und Cambridge, der anglisierte deutsche oder Wiener Jude strebt in die englische Gesellschaft zu kommen, was nur durch ein luxuriöses Leben möglich ist. Darunter versteht man hier ... ein grosses Haus in der Stadt, 6—8 Dienstboten, Automobile, ein schön gelegenes Landhaus, Beteiligung an der allgemeinen und kommunalen Politik, Beteiligung an der Philantropie, da alle Krankenhäuser auf milde Gaben Privater angewiesen sind — Sport, gesellschaftliches Leben und so weiter. Dank dieser Disposition der anglisierten Juden ist es ihnen auch gelungen, eine hohe soziale Position zu erklimmen, wie sonst nirgends auf dem ganzen Erdball. Einen krassen Gegensatz zu dieser jüdischen, sozial sehr hochstehenden Gesellschaft mit ihrer teils ursprünglichen, teils angezüchteten Abneigung gegen alle intellektuelle Kultur, bildet die osteuropäische Judenheit in England. Ein grosser Teil osteuropäischer Juden sind mit der einzigen Absicht nach England gekommen, ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben, was ihnen in Russland wegen der jüdischen Schulnorm (5—10 Prozent der gesamten Schülerzahl) nicht möglich war. Und selbst die Juden aus Osteuropa, die nach England gekommen sind, um in erster Reihe ,,ein Leben zu machen", d. h. sich wirtschaftlich besser zu stellen, verfallen nicht, wenn sie sich materiell emporgearbeitet haben, dem „Businessgeist" und dem Materialismus. Auch im neuen englischen Ghetto ist ihnen nicht ihre Kulturtradition: „Du sollst deine Kinder lehren" abhanden gekommen. Es gibt schon heute eine beträchtliche Zahl jüdischer Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller und Maler, deren Eltern erst vor 20—25 Jahren aus Russland hier eingewandert sind. Die so intellektuell Emporgekommenen stehen natürlich in ein6m ausgesprochenen Gegensatz zu den sozial und wirtschaftlich Briefe aus England. 348 Emporgekommenen, und an Reibungsflächen fehlt es natürlich auch nicht, um so mehr, als die anglisierten deutschen Juden eine kleine reiche Minderheit, und die osteuropäischen eine grosse, aber sehr arme Mehrheit bildet. Diese inneren Gegensätze haben sehr traurige politische und soziale Folgen. Viele arme russische Juden in Whitechapel, besonders Kranke, Invaliden, Arbeitslose und Alte, sind auf Wohltätigkeit angewiesen. Die Whitechapeler Juden allein sind aber noch nicht ökonomisch so gut gestellt, dass sie ihre Armen und Arbeitslosen allein erhalten und unterstützen können und sind daher mehr oder weniger auf die Beiträge der West-Ender angewiesen. Wer gibt, will natürlich auch mitreden, mitbestimmen, beeinflussen. Die reichen Geber machen aber ihren Einfluss in einer Weise geltend, der darauf hinzielt, die Whitechapeler Juden zu anglisieren, das heisst, sie zu Gegnern des Intellektualismus zu machen. Dagegen kämpfen nun die Whitechapeler mit aller Macht. Die reichen Geber sagen: Bildung ist ein Luxus, den sich nur ökonomisch Unabhängige leisten können. Die armen Whitechapeler sagen: Bildung ist ein elementares Bedürfnis, auf das kein vernünftiges Wesen verzichten kann; wogegen wieder die Reichen aus dem West-End einwenden, dass die Bildungsstreberei der ökonomisch Abhängigen zum völligen wirtschaftlichen Ruin führe. So stehen sich innerhalb der heutigen englischen Judenheit zwei Parteien mit verschiedenen absolut entgegengesetzten Anschauungen und Lebensansichten in ausgesprochener Gegnerschaft gegenüber, die zuweilen in Feindschaft ausartet. Dieser innere Kampf in der englischen Judenheit, der sich jeden Tag in tausend Formen zeigt (ich verweise nur auf den letzten Scliächtcrprozess, in dem die russischen Juden vor Gericht bestritten, dass Dr. Adler ihr geistliches Oberhaupt sei), hat zur Folge, dass man dem anziehenden auswärtigen Feind, dem neoenglischen Antisemitismus, nicht nur nicht mit vereinten Kräften entgegentritt, sondern, dass man zu ihm gar keine Stellung nimmt. Die osteuropäischen Juden entbehren noch jedes sozialen und politischen Einflusses, und die westeuropäischen anglisierten Juden sehen in dem osteuropäischen entweder den Erreger des Antisemitismus, weil sie schon zu zahlreich sind, oder sie sehen in Whitechapel einen Herd von Bildungsstreberei und Revolutionären, also natürliche Gegner,, deren Schwächung und Dezimierung. im allgemeinen nicht viel schaden kann. Das sind im wesentlichen die Gründe, warum die sozial und ergo auch ökonomisch und politisch hochgestellten Juden Englands den Ernst der Situation „übersehen" und nichts unternehmen, um dem aufgehenden Antisemitismus entgegenzutreten. Ein anderer Teil nimmt, wie gesagt, die Situation überhaupt nicht ernst und wiederholt einen alten Fehler, der sich einst schwer rächen wird. Aber den englischen Juden, die mit Absicht nichts gegen den englischen Antisemitismus tun, da sie glauben, dass er nur Whitechapel gilt, muss gesagt werden: Der neue englische Antisemitismus beginnt mit Whitechapel, er wird aber in W7hitechapei nicht Halt machen. . . . London, Mitte März 1911.