Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Briefe aus England
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 345 - 346 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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343 34G BRIEFE AUS ENGLAND. Melanied. Von Dr. S. M II Die Wanderung der Juden von Ost nach West, die durch die nnttelalterlieli-barbarische Judenpolitik Russlands und Rumäniens bedingt ist, hat, neben andern Unerquicklichkeiten, zur Folge, dass viele jüdische Westgemeinden ihr Bild verändern. Auch die jüdischen Gemeinden Englands haben jetzt ein ganz anderes Aussehen, als vor dreissig oder vor zwanzig Jahren. Das gleiche gilt auch von der P a r i s o r jüdischen Gemeinde. Ursprünglich sephardisoh, wurde sie durch die Einwanderung der elsässischcn Juden olsässisch, und schliesslich haben die russischen Juden die Elsüsser ..verdrängt", d. h. majorisiert. Die französischen Juden waren klug genug, sich diesem natürlichen Wechsel der Dinge, da er soziologisch notwendig ist, nicht zu widersetzen. Anders in England. Die vor dreissig und vierzig Jahren hier eingewanderten Juden aus Süddeutschland, die die Sephardim „verdrängt** hatten, und die der jetzigen Gemeindeorganisation ihre Struktur und ihr Aussehen geben, wollen uro. keinen Preis der neuen .Majorität, die osteuropäischen Ursprungs ist, den Platz abtreten. Die Folge davon ist, dass die Osteuropäischen oft „r e h e 1 1 i e r e n" und durch ihre Rebellion die herrsehende Minderheit verbittern. Einmal verbittert, lassen sich die Vertreter der Minorität oft mehr von ihrem Affekt, als von ihrer vernünftigen Einsicht leiten, was wieder auf der andern. Seite Empörung hervorruft. Nun ist es klar, dass die englischen und anglisierten Juden kein Interesse daran haben, die Zahl ihrer natürlichen Gegner, als die die osteuropäischen Juden ihnen erscheinen, im Lande zu vermehren. Und so ist es zu erklären, dass, als vor. einigen Monaten die gesamte konservative Presse eine antisemitische Metze inaugurierte, die oinflussreichen West-End-Juden nichts getan haben, um dieser Metze ein Ende zu machen. Einer der bedeutendsten Vertreter der West-End-Juden sagte mir in einer Unterredung über diese Frage: Jedes Land kann nur eine gewisse Zahl von Juden aufnehmen. Sammeln sich im Lande mehr Juden, als das Land, ohne sozialen Schaden zu nehmen, beherbergen kann, dann ist die antisemitische Reaktion unvermeidlich. England aber hat schon heute mehr Juden, als es eigentlich vertragen kann." Diese Erklärung besagt genug über das Verhältnis der englischen West-Endzu den East- End-Jndcn. Es gibt nicht wenige West-End-Juden in England, die'eine neue verschärfte „AlienbilU {Linwandeningsgcsetz) gegen die osteuropäischen Juden begrüssen würden. Ich muss aber gleich hinzufügen, dass es weit gefehlt wäre, diese Juden als Verräter am Judentum oder auch nur als schlecht und engherzig zu bezeichnen. Sie sind einmal überzeugt, dass ein neuer Zustrom, von Juden in England eine antisemitische Katastrophe beschleunigen würde. An dieser Uebcrzeugung halten sie fest, ohne den osteuropäischen Juden Böses zu wünschen. So ist das Missverhältnis zwischen West- und Ostjuden in England doppelt motiviert: einmal durch eine Verschiebung der Kräfte innerhalb der englischen Gemeinden, die von osteuropäischen Juden majorisiert werden, und dann, durch die gehegte Uebcrzeugung, dass eine Vermehrung der Juden in diesem Land dem Antisemitismus Vorschub leisten würde. Nun kommt noch ein dritter Faktor hinzu, der am meisten zu der gegenseitigen Entfremdung beiträgt: Die kulturelle Verschiedenheit zwischen Ost und West. Nachdruck verboten. Die vor einem halben Jahrhundert und später hier eingewanderten deutschen Juden, die die Sephardim majorisiert hatten, kamen freiwillig ins Land. Sie waren nicht dem Pogrom und der barbarischen Unterdrückung entronnen, wie die osteuropäischen Juden. Es waren auch nicht die angesehensten und gebildetsten deutschen Juden, die damals nach England kamen. Deutschland war noch zu jener Zeit wesentlich ein Agrarstaat. Handel und Industrie waren noch nicht entwickelt. Der ökonomische Genius vieler deutscher Juden, der in Deutschland sieh nicht recht entfalten konnte, trieb sie nach England und Amerika, wo sie für ihren wirtschaftlichen Betätigungsdrang ein neues Feld zu finden hofften, ihre Hoffnung ist auch in Erfüllung gegangen. Mit der Absicht nach England gekommen, sich nur wirtschaftlich zu betätigen und in das antiintellektuollo englische Business- Milieu hineingedrängt, blieben die damals bim' eingewanderten deutsehen Juden dem intellektuellen Leiten bis auf den heutigen Tag fremd. Daher die betrübende Erscheinung, dass die anglisierten englischen Juden bis heute keinen einzigen Gelehrten. Denker oder Künstler hervorgebracht haben. Selbst aus dem Londoner Rabbinerseminar ist bis heute kein einziger jüdischer Gelehrter hervorgegangen. Seine Leiter und Lehrer waren immer und sind noch heute deutsche oder russische Juden. Die Sorge um einen Nachfolger für den jetzigen Chief-Kabbi ist auf jedem Gesicht zu lesen, denn weil er ihm selbst noch de.1 „United-Synagogue" ist es gelungen, einen Ersatzmann aus dem eigenen Milieu zu erziehen. Die wenigen, jüdischen Gelehrten und bedeutenden Habitinen in England sind ausnahmslos ausländische Juden. Das gilt von Dr. Adler selbst, der in Deutsehland gelieren und in Leipzig studiert, das gilt von Dr. Gaster, von Dr. Hüchler, dem gegenwärtigen Rektor des Londoner Kabbinerseminars, und von den anderen hier lebenden jüdischen oder allgemeinen Gelehrten. Israel Zangwill, heute der Stolz der Engländer und die Zierde ihrer Literatur, ist ein russische;' .1 uc!e. Der vielversprechende junge jüdische Astronom Brodetsky stammt ebenfalls aus Russland. Die bedeutenden Chemiker, Dr. Mond, Dr. Lefkowitz und Dr. YVeitzmann, sind ebenfalls ausländische, d. Ii. nichtengJische Juden. Dass hie kein Lazarus, Cohen, Steinthal u. a. gewachsen sind, braucht kaum gesagt zu werden. Während also hei den deutschen Juden der wirtschaftliche Aufschwung mit den intellektuellen Hand in Hand ging, trat in der englischen Judenheit, soweit sie westeuropäischen Ursprungs ist, das intcl.'c!\tiiollc Leben und Interesse immer mehr zurück. Ja, diese Juden stehen sogar in einem ausgesprochenen negativen Verhältnis zum intellektuellen Leben. Charakteristisch für dieses negative Interesse ist die letzte Sitzung der Vertreter der Hauptgemeinde, (United Synagogue). Ein Mitglied des Vorstandes beantragte die Gehaltsaufbesserung des Rabbiners Lazarus, der, anbei bemerkt, der einzige Rabbiner in London ist, der sich das Rabbinerdiplom des hiesigen Rabbinerseminars erworben hat (alle anderen Londoner Rezirksi'abbinen, „Ministers" genannt, sind keine kreierten Rabbinen und dürfen nur predigen, nicht aber religiöse Fragen entscheiden). Der Antrag wurde abgelehnt, weil Rabbiner Lazarus nur 08 Kranken- und Avmenbesuehe im letzten Jahr gemacht hatte.