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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 333 - 334

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Vater und Sohn
Date
1911-04-01
Page
Seite 333 - 334 (sequence 2)
Language
German
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333 Schaloin Asch: Vater und Sohn. 334 geben. Er glaubt, weil er sich in den Seelenzustand der Ungläubigen nicht zu versetzen vermag. Ein Mensch ohne Glauben ist ein Körper ohne Seele, eine Schale ohne Kern, lautet sein Sprüchlein. Er ist gross und hager, hat Bewegungen und Gesichtsausdruck eines Kindes, das Aror der Zeit gealtert ist. Nur sein Bart ist sehr lang und reicht ihm bis zum Gürtel. Das verhältnismässig kleine Gesicht wird von der hohen, mächtigen Stirn beherrscht, darunter ein Paar Augen, deren still glimmendes Feuer die Aufmerksamkeit des Beobachters erregt. Auf den ersten Blick macht man sich wohl nichts aus Heb Jechiel Meir und schenkt ihm keine weitere Beachtung. Zunächst ist es vielleicht der lange Bart, der etwas mehr auflallt. Aber wenn man ihn dann näher betrachtet, fängt man an zu ahnen, dass ihm etwas Ungewöhnliches innewohnen müsse. Und erst wenn es Reb Jechiel Meir einmal beliebt, einem ihm völlig Unbekannten den Auftrag, buchstäblich den Auftrag zu erteilen, dies oder jenes zu tun, was Jechiel Meir gerade haben will, so wird es der Fremde ganz gewiss tun. Zuerst wird er bei sich denken: „Was geht mich der Mensch an? Wie dumm von mir, dass ich mir von ihm befehlen lasse. Bin ich denn sein Diener?" Aber er denkt es bloss bei sich, und seine Hände und Füsse gehorchen dem Willen Reb Jechiel Meirs. Einmal wurde die Türe meiner Wohnung etwas geräuschvoll geöffnet und herein stürmte Reb Jechiel Meir. „Lass mich nur schnell ein Glas Tee geben. Ich habe gehört, dass man bei dir den Tee besonders gut zubereitet," rief er in einem Atemzug, bevor ich mich von meiner Verblüffung fassen konnte. Er schob sich einen Sessel zurecht und liess sich beim Tisch nieder, fasste alle herumliegenden Dinge an und untersuchte sie, während er mich mit einer naiven Dreistigkeit anschaute. Dann fing er an, mich über meine Angelegenheiten auszufragen, und ehe ich. mich versah, war er mitten drin, mir eine eindringliche Strafrede über meine mangelhafte Frömmigkeit zu halten. Im ersten Moment wollte ich ihm gleich die Türe weisen, aber kaum hatte er mich mit seinen Augen gemustert, so fühlte ich, dass er hier der Hausherr war und mir nichts übrig blieb, als zu tun, was er wollte' Ein Mensch von seinem Rang, das verstehst du ja selber, wird sich nicht mit den Dingen dieser gemeinen Welt abgeben. Gott bewahre! Er sitzt und lernt Thora, oder er sitzt im Kreise der Chassidim und erzählt die Wundertaten des Zaddik. Und das tägliche Brot zu erwerben — auch das wirst du wohl selber verstehen — ist die Aufgabe seiner Frau Sarah Gitel. Sie hausiert den ganzen Tag herum mit einem grossen Pack Wirkwaren auf den Schultern. Aber Sarah Gitel ist glücklich. .. Heil den jüdischen Frauen, von denen das Joch der Thora und derMizwoth genommen, und denen dafür das Joch der täglichen Nahrung auferlegt wurde! M. MONNTCKENDAM. Volksküche. AMSTERDAM. Gleichwohl ist Sarah Gitel nicht etwa eine beschränkte Frau, die den Wert ihres Mannes nicht zu schätzen wüsste. Sie ist in der Schrift bewrandert, und an Sabbaten und Feiertagen liest und übersetzt sie den anderen Frauen die Gebete. Sie ist sich bewusst, nur ein Anhängsel, eine Nebensache im Verhältnis zu ihrem Mann zu sein, denn die Frau hat ja Gott nur geschaffen, damit sie den Mann durch ihrer Händearbeit ernähre, so dass er sorglos und ungestört sich dem Studium der Thora hingeben könne, wofür auch die Frau im bessern Jenseits ihren herrlichen Lohn empfangen, und den Schemel zu Füssen des Gatten bilden wird. Sarah Gitel verehrt denn auch ihren Mann aus ganzer Seele und erträgt mit Liebe und Hingebung all das Ungemach und die Leiden, die sie in ihrem schweren Beruf auszustehen hat, und es fällt ihr nicht im Traum ein, sich darüber zu Beklagen. Den ganzen Tag arbeitet sie wie ein Esel, jeden Heller, den sie verdient, bezahlt sie mit ihrem Herzblut, aber ihrem Mann, ihrem teuren Jechiel Meir verrät sie nicht eine Silbe davon. Um keinen Preis der Welt möchte sie, dass er sich kränke. Zuweilen leiht sie sich im Geheimen etwas Geld, um für ihn zu Abend ein Fleischgericht bereiten zu können. „Jechiel Meir, Jechiel Meir, warum isst du nicht? Warum nur? Ich habe mich ja nur deinetwegen gemüht," bittet sie ihn abends, wenn sie beide beim Tisch sitzen. „Und du, hast du schon gegessen?" fragt sie Jechiel Meir, während er in ein Buch schaut und sieh

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