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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 261 - 262

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Israeliten in Russland
Date
1911-03-01
Page
Seite 261 - 262 (sequence 2)
Language
German
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261 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die Israeliten in Russland. 262 niatscheff verbietet diese Kundgebung der Zusammengehörigkeit. AVenn es sieh aber um eine von antisemitischen Studenten ausgehende Kollekte handelt, versteht er es sehr gilt, die jüdische Bevölkerung von Odessa zur Beteiligung heranzuziehen. Seit dreiviertel Jahrhunderten bestand in Odessa eine Klinik zur Behandlung anner Kranker; plötzlich ordnet der Generalgouverneur die Schliessung dieser Wohlfahrtsanstalt unter dem ATorwand an, dass die Vorstandsmitglieder Juden und als solche politisch verdächtig seien. Er geht sogar soweit, sich in die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu mischen, den Vorsitzenden vorzuschlagen und die Verwendung der Kultussteuern zu beaufsichtigen. Diese von den leitenden Stellen ausgehende fortgesetzte Bedrückung findet in den Berufsgruppen, den städtischen Körperschaften und in den Vereinen deutlichen Widerhall. Vor einiger Zeit beschlossen die Friedensrichter des Gerichtsbezirks Kiew, dass die in ihrem Ressort arbeitenden jüdischen Advokaten künftig nicht mehr als je drei Zivilsachen jährlich vertreten dürften. In den Versammlungen der Stadtverti-etungen gilt vielfach im vorhinein der Grundsatz;, die vor die Versammlung gebrachten Desiderata der Juden nicht zu berücksichtigen. Die den reaktionären Verbänden gehörende Presse macht sich diese Stimmung der leitenden Kreise zunutze, um ihre antisemitische Agitation zu betreiben. Fortwährend werden Schmähschriften und Broschüren in Umlauf gesetzt, die die bösen Leidenschaften der Menge aufstacheln sollen. Das alte Mittel, das die Volkswut schon so oft entfesselt hat, wird immer wieder angewendet: die Juden sind die Ursachen aller Uebel. Eine in Wilna verbreitete Plakette macht die Juden für die wirtschaftliche Not verantwortlich, und in Ekaterinoslaw drängt die „schwarze Bande" das Volk dazu, die jüdischen Geschäfte zu boj-kottieren. Wenn eine Zeitung den Versuch macht, die gegen die Israeliten gerichteten falschen Beschuldigungen zu bekämpfen, wird sie konfisziert oder ihr Erscheinen für einen bestimmten Zeitraum verboten. So ist es einem Blatt in Bessarabien ergangen, das die falsche Beschuldigung zurückzuweisen versuchte, die Juden entzögen sich ihrer Militärpflicht. Ein sehr angesehener Rabbiner wurde unter dem Verdacht, die für diesen Artikel erforderlichen Daten geliefert, zu haben, vor Gericht gestellt. Die Aufführung dieser wenigen, unter hundert herausgeriffenen Tatsachen erklärt und rechtfertigt die grosse Entmutigung, die die jüdische Bevölkerung von neuem bedrückt. Sie ist der festen Ueberzeugung, dass sie von dem sogenannten liberalen Regime des Ministeriums Stolvpin nichts zu erwarten hat. DIE ALLIANCE-EXPEDITION NACH DEM YEMEN. (Fortsetzungaus Heft Ich bitte um die Erlaubnis, einige Kinder zu examinieren: man bringt mir ein dreijähriges Bengelchen. Der Kleine trägt noch lange Locken unter einem Mädchenhäubchen, man hat ihn eben aus dem Schlaf geweckt; er weint vor Angst. Ich schickte ihn nach Hause und erkundige mich, ob ein Kind in diesem Alter überhaupt etwas lernen kann und werde in die interessanteste, amüsanteste und blödsinnigste Lehrmethode eingeweiht. Dieses dreijährige Kind soll das Alphabet in einem monotonen Singsang aus¬ Mendig lernen, der sich dem Geist einprägt; danach legt man ihm das gedruckte Alphabet vor und er muss den Singsang Aviederholen, indem er der Reihe nach seinen Finger auf die kleinen Schriftzeichen des Papiers legt. Danach neuer Unterricht durch das Ohr: die Buchstaben werden mit dem Vokalzeichen verbunden u nd so die Lautierung gelernt. Zugleich mit diesem Studium muss das Jungchen jeden Tag einen Vers des Wochenabschnitts auswendig lernen. Wenn man ihm nun nach vierjährigem Lernen eine Bibel in die Hand gibt, wird er bei ungefährer Kenntnis der Buchstaben und der Lautzeichen, und weil er inzwischen ganze Bibelkapitel auswendig gelernt hat, ohne grosse Mühe den Wochenabschnitt lesen können. Wenn das Kind die erste Silbe eines Wortes entziffert, so errät es sofort das ganze Wort; und wenn es hier das Anfangswort eines Verses erkennt, sagt es mit Leichtigkeit den ganzen Vers her. Der Yemenite hat überhaupt ein ausserordentliches Gedächtnis, eine Arorzügliche Erinnerung für Töne und Gestalten und ein sehr scharfes Auge. In den Schulen und Synagogen hat man nur wenig Bücher, ein Band dient oft für zehn Personen. Es wird offen auf einen niedrigen Sessel gelegt, man setzt sich rundum und folgt aufmerksam, gleichviel ob man die Buchstaben von vorn oder von der Seite, zu dreivierteln oder ganz verkehrt sieht. Ich examiniere einen grossen Jungen von sieben Jahren. Er liest die Parascha sehr fliessend, aber nur die Stellen, die er auswendig weiss, an anderen Stellen kann er kaum buchstabieren; ebenso geht es mit dem Targum und dem Tafsir. Das Kind lernt tatsächlich di*ei Sprachen zu gleicher Zeit: das Hebräische durch die Bibel, das Aramäische durch den im Jüdisch-Arabischen geschriebenen Targum und den Tafsir, das ist die in die arabische Literatursprache übersetzte Bibel (Tafsir Saadia), die ebenfalls in hebräischen Schriftzeichen gedruckt ist. Die Kinder verstehen absolut nichts von diesen drei Sprachen, obgleich die Erwachsenen alle Hebräisch sprechen, nicht fliessend, aber ganz korrekt. Wann und wo haben sie das eigentlich gelernt? Wahrscheinlich bei den Vorlesungen im Tempel. II von „Ost und West") Nachdruck mit Qxiellenangabe gestattet. Ueber eine Stunde war ich in dem Kniss von Joseph Dahabani geblieben und kannte nun die ganze ortsübliche Pädagogik. Deshalb kann ich die übrigen Institute schneller besichtigen. Ueberall dieselbe Lehrmethode, derselbe traurige Aufenthalt. Bei einem Melamed fand ich 63 Schüler in einem fensterlosen Raum von 2,32 Meter Breite, 3,35 Meter Länge und 2,10 Meter Höhe. Man stelle sich diese Luft vor. Eine andere Schule sieht aus wie ein schmutziger Stall; der Raum ist sicher seit Wochen nicht ausgefegt worden; die den Fussboden bedecken sollenden Matten sind nur noch Streifen von Palmblättern, und die Kinder sitzen im Schmutz. Da der Raum nicht alle Schulkinder fassen konnte, hat man hier die Türen zu einer angrenzenden Mauernische ausgehoben und darin acht Kinder untergebracht, die beim Aufstehen den Kopf an der niedrigen Decke Stessen müssen. Der Lehrer eines anderen Kniss ist von Beruf Weber und beschäftigt sich beim Unterrichten mit dem Aufspulen der Baumwolle; das Geräusch seines Rädchens begleitet die Melodie des Wochenabschnitts. Ein ähnliches Bild sehe ich in einem Kniss, dessen Melamed ich damit beschäftigt finde, kleine Kupferflitter an das Kleid einer Bäuerin zu nähen; ein Schüler hält ihm die Schachtel mit den Füttern, ein anderer fädelt ihm eine zweite Nähnadel ein, und Lehrer und Schüler rezitieren dabei im Chor die Parascha. Zum Schluss hatte ich mir den Besuch des Mehtop aufgespart. Vor genau zwei Monaten, als ich eben in Hodei'dah angekommen war, hatte die türkische Regierung eine Schule für jüdische Kinder eingerichtet. Sie engagierte einen Rabbiner als Lehrer des Arabischen und Hebräischen und einen Hilfslehrer; ein Lehrer der türkischen Sprache sollte dreimal wöchentlich zum Unterricht kommen. Im Judenviertel wurden zwei Zimmer gemietet und die Schule wurde eröffnet. Um jeden Konflikt zu vermeiden, wurde die Leitung der Schule dem Rabbiner überlassen. Die Regierung begnügte sich damit, monatlich 100 Francs für die Unterhaltung der Schule zu bezahlen. Trotz dieser Zurückhaltung waren unsre Juden von der Einrichtung nicht sehr begeistert; in allen Familien hiess es: Man lockt unsre Kinder zur Schule, um sie nachher zu Soldaten zu machen," und es hat unerhörte Mühe gekostet, um fünfzig Schüler zusammenzubringen, die alle unentgeltlich aufgenommen wurden. Steigen wir also die kleine Treppe zum Mehtop hinauf. Man hört Sturmgebrüll, ein Geschrei, um das Trommelfell von Taubstummen zu erschüttern. Das ist dieselbe Pädagogik wie im Kniss und dieselben Gewohnheiten. Nur ist der kleine Hof, durch den wir kommen, sehr sauber. Drei

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