Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 243 - 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die neue Synagoge an der Königsteinerstraße in Frankfurt a. M.
Date
1911-03-01
Page
Seite 243 - 244 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602652--11549-2602739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

243 Die neue Synagoge un der Königsteincrstrasse in Frankfurt a. M. 244 grauem (also für blau vi kavierendem) Marmor in geometrischer, triangulärer Konfiguration überzogen. Die Wölbungen und Wände der Emporen, die Zwickelfelder zeigen eine Verputzfläche von kräftigem Braun, von dem sich bei den Emporen sparsame Ornamentfleckchen, bei den Zwie keifeldern goldleuchtend die lapidaren Buchstaben hebräischer Inschriften abheben. Die Kuppel ist in blau und braun, ebenfalls durch Verputzarbeit, kassettiert. Goldschimmernd, leicht und frei, schwebt der Lüster, in konzentrischen Kreisen der Lichter nach unten sich verjüngend und in seinem Feuer von farbigen Glassteinen gesteigert, in den Raum herab. Wuchtig breite Ornamentlinien, deren Blau durch ein lichtes Grün vertieft wird und deren Braun in Gold aufstrahlt, bringen die telefonischen Linien des Raumes zur Anschauung, begleiten die Brüstung und Wölbung, die die Emporen abschliesst, bilden zusammen mit einer Kette gelber Fenster den Kranz, auf dem die Kuppel aufsitzt. Nur im Grunde, dort, wohin die Blicke sich richten, wo der Rabbiner predigt und der Vorhang die Thorarollen verhüllt, ist das Gelb zu einem feierlichen Weiss aufgelichtet, im Marmor des Pultes und der Säulen und in der Bemalung der Brüstung, und bildet zusammen mit dem Golde einen festlichen Zweiklang. Trotzdem der Bau in seinem konstruktiven Bestände durchaus ein Werk der modernen Zeit, ein Werk moderner Eisenbetonkonstruktion ist, sucht er, —■ und das Recht wird man ihm nicht bestreiten dürfen, — in seiner dekorativen Ausgestaltung eine Fühlung mit alt jüdischer Tradition zu gewinnen. Zur Zeit des jüdischen Nationalstaates mögen die Einflüsse ägyptischer und assyrischer Kultur die Formen jüdischer Tempelarchitektur bestimmt haben. Die grosse Zeit der Tanaim sah den Dekorationsüberschwang römisch-hellenistischer Baukunst. Die jüdische .Scholastik des Mittelalters spann die feinen Maschen ihrer logischen Gewebe unter der labyrinthischen Filigranarbeit islamischer Ornamentation. In der schlimmen Zeit der historischen Baustile, da das Christentum seine Kirchen mühsam verstandesmässig den Bauwerken einer entschwundenen Glaubenszeit nachbildete, hat das Judentum auf diese Schmuckformen maurischer Moscheen zurückgegriffen und auch noch in neuerer Zeit, da man gelernt hatte, einen Raum aus den Gesetzen seines Zweckes und seines Materials zu gestalten, mochte man dieser Formen zu einer spezifischen Charakterisierung des Synagogenbaus nicht entbehren. Die neue Westendsynagoge hat auf diese dem jüdischen Mittelalter entlehnten Formen völlig Verzicht geleistet und hat dafür Anregungen der frühen Zeit des jüdischen Altertums, der wuchtig ernsten Welt der ägyptisch-assyrischen Baukunst entnommen. Die Pfeiler der Vorhalle, die Säulen im Gotteshause selbst, können an äg}-ptische Formen die Erinnerung wecken: auch der Farbenzweiklang von blau und gelb könnte durch die Farbenstimmung ägyptischer Tempelbauten veranlasst sein. In einem wunderbaren Stimmungsbild schilderte ein künstlerisch veranlagter fremder Besucher mit feinen Worten die ergreifende Schönheit des seiner Vollendung entgegengehenden Gotteshauses: „Es war ein massiger Bau. vor dem ich stand, mit mächtiger Kuppel, die herauswuchs aus steinigen Vor- und Nebenteilen an der Strasse. .Ein jüdisches Bethaus*. .Ich sehe die Menschen gerne hauen. Aus dem Innern klangen Orgcltöne und Hammerschläge, es wurde also noch gearbeitet. Ich trat ein. Wuchtige Pilaster, die an der Seite stehen, zwischen denen ich durchgehe, machen mich klein und verwischen des Alltags Gleichmässigkeit. Sie reden in der Schwere ihres Seins eine Sprache, die nicht die ist der Strassenhäuser. Ein reizender Vorhof, in dessen Mitte Wasser sprudeln werden, um zu dem harten Worte des Steins das Weiche zu gesellen, nimmt mich auf, und ich stehe vor drei dunklen gedrungenen Türen, die wieder zu mir reden: Streif es ab, was drausssen Stunde für Stunde an dir kleben will. Hierinnen Avollen wir uns gehören, wollen wir wir selbst sein. Meine Hand nimmt den metallenen Griff der schwarzen Türe. Sie geht auf und mein Auge blickt auf ein Meer von Farben, die hellauf singen in breitgedehnter Halle. Was draussen Aror der Türe mir genommen wurde, was der ganze feste aus der Erde gesprossene Bau mir sagte, was mich, aus dem Gekreische der Strassenhäuser herausriss in stilles Fragen, hierinnen ist es eine frohe, weltneue Antwort. — Die Wände aus Marmor, dessen Musterung zu den Linien, die die Natur in ihn in jahrmillionenlangem Werden gezeichnet, der Stempel des Eigenartigen ist, spiegeln farbenmatt die Strahlen, die in den gewaltigen Bögen in Harmonien sich umfangen. Die Luft, die Menschen, die hierinnen sind, werden diese Strahlen atmen und aus ihnen Kraft zum Leben ziehen. Auf schwarzem Gestühl werden sie zum Allerheiligsten schauen und von oben wird sich in das Farbenmeer das Rauschen der Orgel senken. Und wenn die Sonne untergegangen ist, wird vom Leuchter, dessen Leib in dünnen Fäden zur Kuppel zieht, zu den Wänden das Licht wandern, das sie in gelb und grün wiedergeben, und der Marmor wird dunkler glänzen. An einer Säule lehnte ich und vergass das Hämmern der Handwerker. In vierzehn Tagen werden die Bildner dieses Baues ihr Werkzeug mitgenommen haben. Es kehren die ein, für die der Baumeister gedacht, vorempfunden hat. Und dessen Gedanken werden in andersartigen Gebilden Form annehmen. Er wird den Steinen eine andere Seele einhauchen. Doch hier wird seine Idee fortwirken. Des Baumeisters Persönlichkeit ist in diesem Werk fixiert. Ich beneide ihn um sein Tun. Die vielen, vielen, die in das Gotteshaus treten, kennen ihn nicht, und doch wirkt das, was er in Stunden innerer Arbeit geschaffen hat, solange nach, als noch Stein an Stein gefügt ist und Muschelkalk ist hart und stark. Man geleitete mich durchs Haus, in die Kleiderablegeräume, auf die Estraden, deren Plätze ansteigend angebracht sind, so dass von allen Seiten zum Vorbeterpult und zum Allerheiligsten geblickt werden kann. Ich schritt durch den Trausaal und dachte an Menschenherzen und Menschenhoffnungen. Das Nebengebäude, das sich an die Synagoge anschliesst und in der Art der Verbindung mit dem Ganzen als das seinem Zwecke nach differenziertere erscheint, birgt in wohligem Ausbau die Schule und die Wohnungen von Rabbiner und Kastellan. Auf der Strasse blickte ich nochmals zur Kuppel, und das Innere des schönen Baus lag in meinen Sinnen. Und ich begann zu fühlen: Es müssen freie Menschen sein, die des Baumeisters Gedanken erfassten und ihn zur Ausführung bringen Hessen. Es liegt ein freudiges Bekennen der Erde in allem, im schweren Ton des Aeussern, im Farbenlicht dos Innern. Ks war eines der schönsten Gotteshäuser, in die ich getreten bin.'" SQ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.