Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Leo N. Tolstoi und der Talmud
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 231 - 232 (sequence 3)
- Language
- German
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231 Rabbiner Dr. Samuel: Leo N. Tolstoi und der Talmud. 232 und im Talmud Aussprüche, die den Aussprüchen der Bergpredigt sehr nahe kommen. Als wir aber an den Vers gelangten: „Widerstrebet nicht dein lieber', sagte er nicht: auch das stellt im Talmud, sondern l'ragte mich nur spöttisch: „Und erfüllen dies die Christen? Bieten sie den andern Backen dar?" — Ich konnte nichts darauf erwidern, um so mehr, als ich wusste, dass die Christen gerade um diese Zeit nicht nur ihre Backen nicht darboten, sondern die Juden auf die dargereichte Backe schlugen. Es war mir aber interessant, zu wissen, ob etwas Aelmliches in der Bibel oder im Talmud stehe, und ich fragte ihn darnach. Er sagte: Nein, das steht nicht darin; aber sagen Sie mir: erfüllen die Christen dieses Gesetz? Mit dieser Frage sagte er mir, dass das Bestellen einer solchen Vorschrift im christlichen Gesetze, die nicht nur niemand befolgt, sondern von den Christen selbst als unausführbar anerkannt wird, ein Eingeständnis der Unvernünftigkeit und Nutzlosigkeit dieser Vorschrift ist. Und ich konnte nichts darauf erwidern." In heissem Kampf mühte sich Tolstoi seit damals, um die Erwiderung zu finden. So kam er zu seinem Apostelruf: Versucht es mit der Verwirklichung der alten, reinen Lehren Christi, die er euch vorgelebt und samt seinen frühesten Schülern mit dem Tode besiegelt hat. Denn entweder diese Lehre bringt der Menschheit das wahre, göttliche Heil, dann muss sie ausführbar sein, oder sie ist unausführbar, dann ist eure Verehrung für sie Verstellung, eure Phrasen von christlichem Staat, christlichem Meer, christlicher Liebe sind eitel Heuchelei. Drei weitere Werke sind dem Ausbau dieser Gedanken gewidmet: „Was sollen wir denn tun?' „Das Leben" und ..Das Boich Gottes ist in euch!" Zuletzt stellt er seine Zeitgenossen vor die harte Alternative: entweder zurück zum Judentum, oder empor zu den von mir wiederentdeckten, messianischen Gedanken dessen, der gesprochen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Abei' nichts rührte sich; die Gewissensnot ward nicht empfunden, die grosse Tolstoigemeinde bewunderte seine Grundsätze, aber sie befolgte sie nicht. Anders, als viele Propheten, hatte er es vorschmäht, durch Verunglimpfung der Alternative, die ihm die I" a 1 s c h e dünkte, Vorteile zu gewinnen. infolge einer glücklichen Inkonsequenz hielt er das eine Dogma der Kirche aufrecht, auch dem Judentum Göttlichkeit zuzuerkennen; aber sein Ernst duldete nicht, diesen Begriff zu entwerten: auch als Vorstufe für das höchste Evangelium ist es durch und durch göttlich. Ein verzweifelter Widerspruch zwar; hineinversetzt in die Gottheit selbst, die ihr eigenes Gesetz widerruft. Vielleicht hat den Denker auch eine leise Ahnung von den Härten seines Systems beschlichen, und ihm Respekt vor der Geschlossenheit und Folgerichtigkeit der jüdischen Ethik eingeflösst. Gegenüber der Verkehrung aller Begriffe, deren die christliche Gesellschaft sich schuldig macht, dünkt jene ihm zuzeiten fast ideal. „Unsere Gesellschaft," sagt er („Mein Glaube", S. 315), „hat den Begriff eines unzweifelhaft vernünftigen, für alle bindenden Gesetzes so ganz verloren, dass das Bestehen eines Gesetzes, das wie bei dem jüdischen Volke das ganze Loben bestimmt, eines Gesetzes, welches bindend wäre ohne Zwang, nur durch die innere Uebcrzcugung eines jeden, als ausschliessliche Eigentümlichkeit des jüdischen Volkes angesehen wird. Dass die Juden sich nur dem unterwarfen, was sie in der Tiefe ihrer Seele als das w a h r e , unmittelbar von Gott erhaltene Gesetz anerkannten, d. h. was mit ihrem Gewissen übereinstimmte, wird als eine Besonderheit der Juden angesehen. Als der normale Zustand aber, wie er gebildeten Menschen entspricht, wird es angesehen, dass man sich dem unterwirft, was, wie wir wissen, von verächtlichen Leuten geschrieben ist, und von Polizisten mit der Pistole in der Hand zur Ausführung gebracht wird. . . . Vergebens habe ich in unserer zivilisierten Welt irgendwelche klar ausgedrückte, sittliche Grundsätze für das Leben gesucht. Es gibt keine. Es fehlt sogar das Bewusstsein ihrer Notwendigkeit." Sittliche Grundsätze für das Leben; um diese aber, sagt Tolstoi ein andermal an einer schönen Stelle, geht der Kampf. „Es scheint uns nur, dass die Menschheit allein mit Handel, Verträgen, Kriegen, Wissenschaft und Kunst beschäftigt ist; nur eine Angelegenheit hat Bedeutung für die Menschheit, und nur an einem Werke ist sie tätig: sie sucht sich über die sittlichen Wahrheiten klar zu werden, denen gemäss sie leben soll." („Was sollen wir denn tun?" Teil I, S. 106/7.) Aus dein suchenden und tastenden Tolstoi ist der fertige, nicht mehr zu erschütternde Reformator geworden. Da kommt die Krankheit, kommt Todesnähe, schleichend langsame Genesung. Und der Genesende nimmt seine Zuflucht zum Talmud. Vielleicht suchte er dort Geduld im Leiden? Weit gefehlt! Als hätte er noch 100 Jahre tätigen Lebens vor sich, sucht er Werte und Grundsätze des Lebens. Er sucht sie nicht in der Ethik des Talmud allein; er wendet sich an Konfuzius und Laotse; an Dhammapada und Ramakrischna, an Plato, Seneca, Epiktot, Marc Aurel, an Blaisc Paskai und Yauvenargues, an Kant, Schiller und Schopenhauer, an Carlyle, John Ruskin u. a. Aber der Talmud hat den Löwenanteil an jenem Kalenderjahr, und neben ihm stehen die vier Evangelisten. Den Kenner wird das nicht überraschen; und hätten nicht Dogmatik und Geschichtsphilosophic so entsetzliche Verwirrung angerichtet und dem Talmud ein Stigma aufgedrückt: längst hätte alle Welt schon a priori in der talinudischen die H ö h e r o n t - w i c k 1 u n g der biblischen E t Ii i k erwartet. Einern Tolstoi konnte es nicht entgehen, dass ihm jene eine vielfache Bestätigung der neuen Bundestafeln bieten konnte, die er selbst der Menschheit gebracht. In der Aggada des Talmud fand der Reformator seine heiligsten Gedanken wieder: Verinnerlichung der Religion, Güte der Menschennatur, Erlösung von der Sünde durch eigene, sittliche Läuterung, umfassende Liebe zum Nächsten, erblühend aus dem in der Gesellschaft verwirklichten Reiche der Gerechtigkeit, endlich sich ewig verjüngende, messianische Hoffnung. Seinen eigenen Messiasglaubcn hat Tolstoi nun ins Grab genommen. Die auf Kant gegründete moderne Ethik hatte es leicht, Fehler im Gedankengange seines Systems nachzuweisen, nicht auch Fehler der Herzensrichtung, der Stimmung für das wahrhaft Grosse und Gute. Das Judentum wiederum wird ihm nicht zugestehen, dass er die bessere Gerechtigkeit gegenüber dem Prinzip des Mosaismus aufgefunden Ii abe. Und dennoch! Auf dem Umwege über die Quellen, aus denen der Volksgeist des Judentums seit Jahrtausenden gespeist wird, ist Tolstoi zur gerechteren Würdigung dieser Quellen und der noch immer gehetzten und verfolgten Juden selbst gekommen. Wird die Saat des Reformators vielleicht auf diesem Felde aufgehn? Was auch die Zeiten bringen mögen, wir nennen Tolstois Namen mit tiefer Andacht und unauslöschlicher Dankbarkeit.