Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Leo N. Tolstoi und der Talmud
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 229 - 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Rabbiner Dr. Samuel: Leo X. Tolstoi und der Talmud. 230 1 M^f .Y7/K"V^i>J .} : v' W-^m j /Mi ilMfiW/ii m LEONID PASTERNAK. Nach einer farbigen Lithogniphii TOLSTOI AM SCHREIBTISCH. ihre eigenartige Verknüpfung mit der Bibel ihren Platz, und ihre Ideen führen sozusagen unmittelbar in die innersten Gemächer des Judentums. Ein Glücksfall für sie ist es, wenn etwa ein Grosser von den „Völkern der Welt" bei ihr anpocht, und sei es auch nur flüchtig, wie jener Heide zu Hilleis Zeiten, in ihr Belehrung sucht. Im Jahre 1903 lag Graf Leo N. Tolstoi, der jüngst entschlafene „letzte grosse Prophet dar Menschheit", wie ein Nachruf ihn nannte, auf den Tod darnieder; die Augen der ganzen Welt waren auf das Schmerzenslager von Jasnaja Poljana gerichtet. Damals war es, dass der Talmud dem Kranken immer zur Hand lag. Sein Buch „Gedanken weiser Männer" (München 1904, herausgegeben von Hess) bekundet, wie reichlich der Leidende von seinem Tröster Gebrauch machte. Auf den Blättern eines Abreisskalenders vermerkte er neben andern die schönsten talmudischen Gedanken, die ihm begegneten, und unschwer liesse sich daraus ein kleinerKatechismusrabbinischer Ethik zusammenstellen. Wer aber war der Tolstoi von 1903? Der grosse Denker war damals längst auf der Höhe seiner Weltanschauung angelangt, er hatte seine „Beichte" und sein neues „Glaubensbekenntnis" abgelegt, und auch den äussern Bruch mit seiner Vergangenheit vollzogen. Ein ungeheures Mass von kritischer Analyse, wie von synthetischer Gedankenarbeit war von ihm geleistet worden. Zu den Quellen! hatte es in seinem Innern immer wieder geklungen. Der gereifte Mann hatte, wie uns der bedeutendste, zu früh verstorbene Tolstoiapostel, Raphael Löwenfeld, anschaulich erzählt, zuerst beim Moskauer Rabbiner Minor die Bibel studiert, Hebräisch und selbst Aramäisch gelernt, um auch die Aggada in der Ursprache zu prüfen. Seine letzten Tendenzen allerdings drängten ihn zur Gegensätzlichkeit gegen die Grundideen des Judentums und den Diesseitscharakter des Mosaismus. Aber er erkennt doch an, dass Bibel und Talmud nicht allein Grundlagen für die Kirche sind, die er ja bekämpft und verwirft, sondern auch für sein neues Evangelium, das in den berühmten 5 Forderungen gipfelt: Du sollst nicht zürnen deinem Bruder; — Du sollst dich nicht scheiden von deinem Weib; — Du sollst keinen Eid leisten; — Du sollst dem Uebel nicht widerstehen; — Du sollst alle Menschen brüderlich lieben, ob sie deine Volksgenossen seien oder nicht. Am Widerspruch der rabbinischen Auffassung war ihm seine neue Lehre erst in voller Klarheit aufgegangen. Charakteristisch dafür ist der Gang eines interessanten Zwiegesprächs, wie er es selbst erzählt („Mein Glaube; sozialethische Schriften II, S. 34): „Ich habe unlängst mit einem jüdischen Rabbiner das 5. Kapitel Matthäi gelesen. Fast bei jedem Ausspruch sagte der Rabbiner: dies steht in der Bibel, dies steht im Talmud, und zeigte mir in der Bibel