Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Versteinerten
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602648--11535-2602731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
227 J. E. Poritzky: Die Versteinerten. 228 In jenen Tagen war wenig Freude in der Stadt und sehr viel Erregung. Des Nachts hatte man in der Nähe des Gottesackers die schwachen und dumpfen Stimmen der Toten gehört; ihr Zirpen und Flüstern, ihr Murmeln und Summen. Wenn der Herbstwind weinte und traurige Schreie aus seinem Heulen herausgellten, waren es die Toten, die weinten. Die Toten waren es, die mit wilden Händen vergeblich an die Wohnungen schlugen, an Tür und Fenster ratterten. Aus den Gräbern, die eingesunken waren, aus den Gräbern, in denen morsch und schief und verwittert die Denksteine staken, wuchsen Hände, die sich warnend reckten. Aber die Geschäftigen kümmerten sich nicht darum, und die Petitionen und Fürbitten der andern, den Friedhof nicht anzutasten, wurden von den Stadtvätern verworfen. Und eines Tages wurde der alte Kirchhof ausgeschrieben; es sollten sich Abbruchunternehmer melden. Indessen, in der Stadt hatten scheinbar alle Arbeit genug; aus der Stadt meldete sich niemand und so konnte einstweilen der Friedhof nicht niedergelegt werden. Die Toten hatten Ruhe. Aber als der Winter kam, gab es viele, die kein Brot hatten, und die jede Arbeit gern aufgriffen; ehrliche sowohl, als unehrliche. Da geschah es, dass sich ein Mann aus dem benachbarten Städtchen meldete, der sich bereit erklärte, die Niederlegung zu übernehmen. Man übergab ihm die Arbeit, und er wollte eine Anzahl Gesellen mieten;. aber er fand keine braven Leute; es gab sich nur das herumlungernde Gesindel dazu her. In der letzten Stunde richteten die Getreuen noch einmal ein Bittgesuch an den Fürsten; allein es fruchtete nichts mehr; es war zu spät. Sie mussten den Friedhofschlüssel ausliefern. An dem Tage, an dem mit der Ausgrabung der Toten begonnen werden sollte, brach ein fahler, nebliger Morgen an. Die Luft war grau und blind und in der Stadt war eine seltsam dumpfe Stimmung. In dem allgegenwärtigen Grauen schien die Stadt von erstickten Schreien durchbebt. Aber man hörte in den Strassen nichts als den Wind, der vorüberzog wie ein gewaltiges lebendiges Wesen. Es war, als sähen Tägliche Erfahrung lehrt uns, dass so manche altertumgeschwärzte Kostbarkeit in unserm eigenen Hausrat, von Fremden erst wiederentdeckt werden muss, um uns zu interessieren. Auch Völker finden für ihre Kultur erst den richtigen Wertmesser, wenn sie in den grösseren Weltverkehr eintreten, wo die geistigen Waren ausgetauscht werden. Wir Juden müssen besonders oft von Aussenstchcnclen hören, welcher Kulturgüter wir uns rühmen dürfen; denn Vorurteile, haben unser Augenmass getrübt. Als Herder zuerst in seinen morgenländischen Dichtungen Perlen rabbinischcr Weisheit aus dem Meere des Talmud und Midrasch herausfischte, war das Erstaunen bei Juden noch grösser, als bei Christen. Nicht, dass jenen der Sentenzenschatz und Gedankengehalt der rabbinischen Literatur abhanden gekommen alle stillschweigend und duldend einem gemeinen Verbrechen zu. Der Unternehmer war indessen morgens in der fünften Stunde aufgebrochen, um zu Fuss nach unserer Stadt zu gehen. Die Bahn fuhr damals noch nicht, und er hoffte, um sechs Uhr an Ort und Stelle zu sein, wo er die Arbeiten selbst leiten wollte. Die Gesellen waren um sechs Uhr früh bestellt; aber als wollten sie die Frommen verhöhnen, hatten sie sich schon vor der bestimmten Stunde mit flackernden Windleuchten auf den Gottesacker begeben und ein jeder stellte sich dreist an seinen Platz. In demselben Augenblick aber, als sie zu graben und zu schaufeln beginnen wollten, blieben sie stehen, wie in Stein verwandelt. Der eine hintübergebeugt, die Spitzhacke wie eine freche Drohung gen Himmel gereckt; der andere zu Boden gekrümmt und eben bereit, die Schaufel in die Erde zu stossen; ein dritter, einen wankenden Leichenstein umarmend, um ihn aus dem Boden zu reissen; der vierte die Kiesel zu Häuf fegend, die frommer Sinn auf die Grabsteine gelegt hatte; denn es war ein alter Brauch, wenn man die Toten besuchte, um an ihren Gräbern zu beten, kleine Steinchen auf die besonders teuren Grabdenkmäler zu legen, so dass sich mit der Zeit auf jedem Denkmal kleine Steinpyramiden gebildet hatten, die nun in alle Winde gefegt werden sollten. Die zehn Arbeiter standen in völliger Starrheit, von den gespenstig flackernden Fackeln grell beleuchtet. Denn es war dunkel; fast noch Nacht. Und nun begann es zu schneien. Der Schnee fiel schwer und schweigend, leise und langsam, weiss und wollig über die an den Boden gebannten Gestalten. Der Schnee fiel und flockte über Grüfte und Gräber, Steine und Hügel, Erde und Menschen. Es sah aus, als hätte eine zornige Hand ein riesiges, riesiges Totenlinnen in Myriaden Stückchen zerpflückt, die nun lautlos niederfielen und sich über den versteinerten zehn Gesellen wieder zu einem Leichentuch zusammenwoben. . . . Und am Vormittag fand man den Unternehmer auf der Landstrasse tot. Der Wind peitschte die alten Pappeln und spielte mit den Rockzipfeln des Toten. Nachdruck verboten. war; die Worte und Sätze flogen vielmehr in ihrer originalen Fassung von Mund zu Mund. Dass sie aber in einer neuen Prägung so neu anmuten und den Beifall der Kenner finden würden, das hatte man nicht erwartet. — Die Aggada erwacht heute aus vielhundertjährigem Schlummer. Bis vor kurzem galt als rabbinische Bildung nur Gewandtheit in der dialektischen Methode und Vertrautheit mit den verschlungenen Pfaden juristischen Streitverfahrens. Heute kann jemand als talmudisch gebildet gelten, wenn er sich etwa der Sprache, der Archäologie oder der Ethik der Aggacla zuwendet. Es ist ja richtig: wer den jüdischen Geist in umfassender Weise würdigen will, muss auch dem Rechtsbewusstsein in seinen feinsten Lebcnsäussei'ungcn nachspüren. Aber selbständig behauptet daneben die Welt der Aggada schon durch LEO N. TOLSTOI UND DER TALMUD. Ein Gedenkwort zu Ehren des grossen Toten. Von Eabbiner Dr. Samuel.