Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Versteinerten
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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225 J. E. Poritzky: Die Versteinerten. 22(3 clio in folge dessen nach ihrem Tode im Kate Gottes eine Stimme hatten. Sic standen zur Linken des ewigen Thrones und durften beim lieben Gott ein gutes Wort für uns arme Menschenkinder in die Wagschale werfen. Dass diese berühmten Toten die Schutzgoister der Frommen waren, das war ein so fester und so alteingewurzelter Glaube, dass es Brauch wurde, am Tage der Tempclzerstömng um jenen Friedhof dreimal rundherum zu gehen und Gebete dabei zu sprechen. Man war sehr abergläubisch, aber deswegen war man noch lange nicht töricht, und in dem Falle bedeutete der Aberglaube nichts als eine Hoffnung. Denn in unseren alten, vergilbten, heilig gehaltenen Folianten hatten wir gelesen, dass die Toten uns Lebenden nicht nur in Träumen, sondern auch leibhaftig erscheinen konnten, um zu raten und zu helfen. 0, man hatte tausende Beweise dafür, dass sie an unseren Geschicken teilnahmen. . . . Da lebte einmal eine gottergebene Wittib in unserer Stadt, kinderlos und menschenverlassen, die so arm war, dass sie eines Tages keine Gerichte mehr für den Sabbat zubereiten konnte. Die Töpfe waren leer und der Ofen musste ungeheizt bleiben. Um aber ihre Armut nicht vor ihren böszüngigen Nachbarn zu entblössen und um müssigem Gerede keinen Vorschub zu leisten, begann sie mit den Kochtöpfen zu rasseln, die Ofentür auf- und zuzuklappen, zu schüren, mit Wasser zu pantschen, zu hacken und zu klopfen, kurz — einen solchen Lärm zu machen, dass jeder, der zufällig an ihrer Tür vorüberging, des Glaubens sein musste, die Witwe koche und brate für eine ganze Schar armer Leute. Denn, obwohl sie selbst blutarm war, stand sie im Rufe einer wohltätigen Seele. Nach der Art der Frommen, nahm sie ihre Armut hin ohne zu klagen; sie rüstete sich vielmehr, den Sabbat freudigen Herzens zu empfangen. Bei hereinbrechender Dämmerung, während sie gerade dabei war, den Segen über die Lichter zu sprechen, die sie zu Ehren des Ruhetages entzündet hatte, pochte es an ihrer Tür, und als sie hinging, um nachzusehen, wer da Einlass begehren mochte, erblickte sie einen alten armen Mann, einen jener Ahasvere, die das ganze Jahr mit dem Packen durch das Land wandern, und er bat flehentlich um ein Mahl und um einen Lecher Wein, um den Segen über den Sabbat zu sprechen. Die Frau aber, eingedenk der Sitte, einen Armen oder Hungrigen, der zu bitten kommt, nicht von der Tür zu weisen, lud ihn mit guten Worten ein, näher zu treten. ,,Ich habe bereits deine Nachbarn um ein Mahl gebeten," hub er an, als er im Stuhle sass und sich des Glanzes freute, der von den Kerzen ausstrahlte; „sie warfen aber die Tür zu und wiesen mich an dich. Du hättest — sagen sie — den ganzen Tag gekocht und gebacken und den Bauch des Ofens nicht erkalten lassen. Sicherlich erwartetest du viele Gäste und würdest auch mich speisen." „Man hat dir die Wahrheit gesagt," erwiderte die fromme Frau, die dem Armen die Hoffnung nicht nehmen mochte; „reinige dich in der Kammer vom Staub der Reise, bete, und dann will ich dir fden Wein vorsetzen, dass du das Gebet sprechen magst, und auch ein Mahl, über das du die Segnungen sprechen wirst.'' Und sie Hess den Alten allein und tat so, als ginge sie noch einmal in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen, indessen stahl sie sich aber heimlich zum Friedhof der Frommen, der unweit ihrer Wohnung lag, und dort, am „guten Ort"', unter dem steinernen Torbogen, in den ein heiliger Spruch eingemeisselt war, stellte sie sich in ein YVinkelchen und betete. Sie flehte die Toten um Rat an, denn sie wusste nicht, was sie dem armen Manne sagen sollte, der hungrig zu ihr gekommen war und der nun hoffte, der Sabbat Freude teilhaftig zu werden. Sie betete lange, und starken und vertrauensseligen Herzens kehrte sie endlich heim. Der Alte ging in der Stube umher und sang das Brautlied des Ruhetages und wünschte seiner Gastgeberin Frieden. Sie erwiederte den Gruss und breitete ein weisses Handtuch aus und bot ihm die Schüssel und eine Kanne, dass er sich, wie es der Ritus erheischt, die I fände wasche. „Wo ist der Wein, über den ich den Segen sprechen soll?" fragte er, „und wo sind die Brote?" Da ward die Frau beschämt, und sie gestand ihm ihre Schuld, aber immer noch frohgemut. Und sie sagte, dass sie, um ihre Armut zu verhüllen, und um nicht das Mitleid der Nachbarn wachzurufen, durch ihr blindes Gelärme den Schein erweckt habe, als hätte sie ein reiches Mahl zugerichtet. Der Alte aber tat so, als traute er ihren Worten nicht. Er sog die Luft durch die Nase ein und sagt«?: „Aber ich rieche doch den Duft des Fleisches und der anderen Gerichte! Warum sprichst du die Unwahrheit? Und warum verweigerst du mir zu essen, wo du mich doch zu bleiben gebeten hast? Warum beladest du mich mit Hohn und dich mit so arger Sünde?" Da ging die Frau hin zum Ofen, um dem Alten die leeren Töpfe zu zeigen; aber als sie die Deckel emporhob, dampfte es und brodelte es darin, und sie entnahm dem Ofen die braunen Brote für den Sabbat, gesottene Fische, gebratenes Fleisch und noch andere Gerichte. Die Witwe war aber ob des geschehenen Wunders so erstaunt, dass sie in eine Ohnmacht fiel. Als sie aber zu sich gekommen war, war der Alte verschwunden. . . . Solche Geschichten liefen zahlreich genug um- Aber eines Tages sollte unser alter Friedhof niedergelegt werden. Er störte nur den Verkehr, hicss es. Allein, diejenigen, die mit zäher Treue zu ihren roten hielten und es als eine grosse Sünde ansahen, ihnen die Ruhe zu rauben, widersprachen solchem frevelhaften Vorhaben. Wohin sollte man am Tage der Tempelzerstörung gehen, um zu beten? Und wie konnte man Karrenlärm und Menschengetöse über einen Platz leiten wollen, an den sich so viele Wunder knüpften? . . . Aber die Geschäftigen hatten an die Stadtväter eine Eingabe gerichtet, worin sie ihr Vorhaben begründeten, und worin sie erklärten, das Recht der Lebenden ginge dem Recht der Toten vor.