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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 221 - 222

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Vier Kämpfer
Date
1911-03-01
Page
Seite 221 - 222 (sequence 2)
Language
German
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221 Josef Lin, Berlin: Vier Kämpfer. 222 ökonomische Lage sich immer trostloser gestaltet, eine Besserung in unabsehbare Feme gerückt ist und zur äusseren Not sich innere Entkräftung und starre Verzweiflung gesellt haben. * * * „Ein Fürst und ein Grosser in Israel" ist auch in Lord Swaythling heimgegangen, der von Treue und Begeisterung für das Judentum erfüllt und namentlich den in England eingewanderten russischen Juden ein mächtiger Freund und Förderer war. Der im patriarchalischen Alter von 78 Jahren Verblichene war eine der markantesten Persönlichkeiten des modernen Judentums, eine gewaltige Kraftnatur von unerschöpflicher Willensenergie, resoluter Charakterfestigkeit und grossem organisatorischen Genie. Einer unbemittelten, aus Mecklenburg-Strelitz nach England eingewanderten Familie entstammend, wurde er der Begründer der Montagu-Dynastic, deren Finanzinstitute einen Weltruf gemessen und die in der englischen Politik und der Leitung des britischen Weltreiches eine hervorragende Rolle spielen. In der allgemeinen Politik ein entschiedener Anhänger des Liberalismus, war Lord Swaythling in bezug auf das Judentum konservativ und der eigentliche Führer der jüdischen Orthodoxie in England. In der Immigration der östlichen Juden erblickte er einen befruchtenden Zufluss von jüdischer Kraft und jüdischem Geist, eine bedeutsame Macht zur Erhaltung des Judentums in seiner Heimat. Er organisierte diese Elemente in geordneten Gemeinden zu einem Gesamtverband, der „Föderation of Synagogues", die er mit rastloser Hingebung leitete und zu einem mächtigen Faktor in der englischen Judenheit ausgebaut hat. In diesem seinen Lebenswerk hat Lord Swaythling gleichsam sein Vermächtnis an die moderne Judenheit hinterlassen. Es repräsentiert ein Prinzip: die Annäherung und Wechselwirkung von Ost und West im Judentum. * * * Vier seiner besten Söhne sind es, die das Judentum in kurzer Zeit verloren hat. Ein jeder wirkte auf seine Art, auf seinem Platz. Sie alle waren aber von dem gleichen Wunsch beseelt, von dem gleichen Streben beherrscht: den Juden zu helfen, dem historischen Judentum eine Zukunft zu sichern. Die Menschen sind von uns gegangen, ihre Werke sind geblieben. Können Werke Menschen ersetzen? Tiefgreifende Wandlungen gehen gegenwärtig in der jüdischen Gemeinschaft vor sich. Gegen tausend fremde Einflüsse ringt ihr Eigenwesen, ihr Selbsterhaltungstrieb. Da benötigt sie vor allem Kampfesnaturen, starke, unbeugsame Kämpfer für die Existenz, für die Fortentwicklung des jüdischen Stammes, der jüdischen Kraft. Von dieser Art waren die Verblichenen. Vier Kämpfer sind von uns gegangen. ALBERT FREIHERR VON ROTHSCHILD. Nachdruck verboten. Ein reicher Mann ist gestorben, sagen die Leute, und ahnen nicht, dass es die Tragik eines Menschen sein kann, reich, steinreich, unermesslich reich zu sein, und für all den Reichtum nichts von jenem reinem, still-menschlichem Glück erkaufen zu können, auf das er sonst Anspruch erheben darf, das er sonst redlich verdient. Salomon Anselm Albert von Rothschild, der am 11. Februar im 67. Lebensjahr zu "Wien eines. plötzlichen Todes starb, verdiente •wohl als Mensch einen Teil jenes schlichten Erdenglüeks, nach dem er sich zeitlebens so sehr gesehnt, und von dem er so herzlich wenig zu kosten bekam. Auch wenn Schicksal und Geburt ihn nicht an die Spitze einer so nngeheueren wirtschaftlichen Macht gestellt hätten, er wäre ans eigener Kraft ein bedeutender Bürger geworden. Das grosse Erbe, das in seine Hand gelegt ward, hat seine Individualität etwas verdunkelt und seine persönliche Kraft nicht im wahren Licht erscheinen lassen. Gleichwohl galt er als der erste Kaufmann der Österreich-ungarischen Monarchie, und nicht allein im Finanzgeschäft, sondern auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens war sein Einflnss fühlbar. Aber nur die Nächstbeteiligten konnten unterscheiden, wie viel von diesem Einfluss der Persönlichkeit und der Initiative des Bärons Albert zuzuschreiben und wieviel davon auf Rechnung des Barons Rothschild zu setzen sei. So sehr darum der Verstorbene seinen kaufmännischen Beruf ernst nahm und sich seiner geschäftlichen Pflichten bewusst war, so wenig seelische Befriedigung gewährten sie ihm, und er suchte und fand Genüge in geistigen Bestrebungren, denen er sich mit grossem Ernst und aller Kraft widmete. Er stellte sich in den Dienst der „Königin der Wissenschaften", der Himmelskunde, und seine Kenntnisse auf diesem Gebiet setzten Astronomen von Fach in Staunen. Dieser seiner Königin erbaute er zwei Paläste — nämlich Sternwarten, die jedem wissenschaftlichen Institut zur Ehre gereichen würden. Er liebte die Malerei und hat es in der Photographie zu einer hohen künstlerischen Vollendung gebracht. Auch das Schachspiel liebte er, betrieb es als Meister. Und doch haben alle diese Betätigungen dem blassen, schlanken Mann keinen Ersatz bieten können lür das, was er entbehren musste, für das persönliche Glück. Die liebenswürdige, anmutvolle und gütige Gattin, Bettina, musste er in der Blüte der Jahre hinsiechen sehen. Auch sonst noch hat das Unglück seinen häuslichen Herd schwer heimgesucht, und nicht viele Menschen in der Welt konnten gleich ihm die bittere Erfahrung machen, wie wenig von dem, was man am meisten ersehnt, man sich für Geld kaufen kann. Und nur wenige haben gleich ihm die mächtige soziale und geringwertige persönliche

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