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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Vier Kämpfer
Date
1911-03-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 1)
Language
German
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219 220 VIER KAEMPFER. Von Josef Lin-Berlin. Die jüdische Gemeinschaft ist in jüngster Zeit von schweren Verlusten betroffen worden. Der Tod hat in ihren Reihen tiefe Lücken gerissen, die wir um so schmerzlicher empfinden, als ja das Judentum der Gegenwart nicht gerade einen Ueberfluss an führenden schöpferischen Kräften aufzuweisen hat, deren es jetzt vielleicht mehr denn je so sehr bedarf. Am 27. Oktober v. J. verschied in Odessa im Alter von 52 Jahren der Schöpfer hebräischen Feuilletons, Elechanan-Löb Lewinsky, der Liebling des ostjüdischen Publikums, der humorvolle, tröstende Volkserzieher. Von glühender Liebe zu seinen leidenden Brüdern erfüllt, lebte er stets in ihrer eigenen Welt, fühlte er ihren leisesten Pulsschlag. Er redete zu den Ghettokindern die Sprache ihrer Denkungsweise — jener sinnenden, gutrnütig-satyrischen Wesensart, die sich selbst belächelt und bemitleidet; die menschliche Fehler und Irrtümer ironisiert und entschuldigt; den Daseinserscheinungen skeptisch gegenübersteht, im Grunde jedoch von optimistischer Lebensbejahung getragen wird; deren Motto bei allen Schicksalsfährnissen lautet: „Gott wird schon helfen!" — Lewinsky, der Lebenskritiker, war zugleich ein Lebensbildner, ein Mann der befruchtenden Tat. Mit welterfalirener Klugheit und eindringendem Verstehen legte er die Abnormitäten und Gebrechen des jüdischen Seins und Wesens bloss, und arbeitete rastlos an deren Reformierung, an der Renaissance seines Volkes. Die palästinophile Bewegung, die Bestrebungen zur Neubelcbung der hebräischen Sprache, die Institutionen zur Förderung des hebräischen Schrifttums und der jüdischen Kulturschätze besassen in ihm einen tatkräftigen, hingebungsvollen Förderer. Zwei Dezennien war es ihm gegönnt, für sein Volk zu wirken. An dem Tage, an dem sein Jubiläum gefeiert werden sollte, schloss jäh sein arbeitsreicher Lebensweg ab. Eine infolge einer Halsentzündung entstandene Blutvergiftung raffte diese kraftblühende, heitere, edle Gestalt dahin. Im Beisein einer nach vielen Tausenden zählenden Trauergemeinde wurde seine irdische Hülle neben der gemeinsamen Grabstätte der jüdischen Märtyrer von 1905 beigesetzt. Gleich ihnen hatte auch er sein Leben in den Dienst der jüdischen Selbstwehr gestellt. — * * * Eine Synthese von Literatur und Leben, von geistigem Schaffen und realer Betätigung verkörperte auch der am 6. Dezember v. J. in Frankfurt a. M. verstorbene Altmeister der jüdischen Geschichtsforschung, der hebräische Graetz-Uebersetzer Saul Pinchas Rabinowitz, Das historische Judentum war ihm die Urquelle unvergänglichen jüdischen Seins, die grosse Schule zur Erziehung und Entfaltung von nationalen Zukunftskräften. Die weithin leuchtenden kulturellen und sittlichen Mächte, die dem jüdischen Volk auf seinem mchrtausendjährigen Leidensweg wie eine Fcuersäule voranzogen, gaben ihm den unerschütterlichen Glauben an dessen allen Hemmnissen trotzenden Fortbestand. Mit einer scharfen, Nachdruck verboten. in die inneren Zusammenhänge geschichtlichen Werdens eindringenden Logik, mit einem unermüdlichen Fleiss für historische Spezialforschung, und der seltenen Fähigkeit, die aus Archiven mühsam herbeigeschafften Details zu umfassenden, lebensvollen Gesamtbildern auszugestalten, verband Rabinowitz einen unstillbaren Drang, in das Leben der Gegenwart aktiv einzugreifen, es umzubilden, neue Formen und Möglichkeiten für das jüdische Eigendasein anzubahnen. Bedingung und Voraussetzung war ihm dabei die Wiederanknüpfung an die historische Heimat des jüdischen Volkes — und so wurde er einer der ersten Pioniere der Chowewe-Zion-Bewegung, für deren Förderung und Ausbau er seine ganze Kraft einsetzte. Er gehörte zu den Hauptinitiatoren der Kattowitzer Konferenz, die den Beginn jener Bewegung bezeichnet, und nahm intensiven Anteil an allen Bemühungen und Veranstaltungen, die dem palästinensischen Gedanken galten. Durch seine aufopfernde Volksarbeit vernachlässigte er aber sich selber. Dem harten Daseinskampf erlag er auf fremdem Boden, von wenigen nur gekannt und bemerkt. Auf glanzvoller Höhe, inmitten einer ausgedehnten literarisch-wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wirksamkeit verschied am 23. Dezember 1910 in St. Petersburg der auch in westlichen Kreisen allgemein bekannte Baron David Günzburg im Alter von 53 Jahren. Nicht allein die Petersburger jüdische Gemeinde, die Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland, der hebräische Sprachverband „Chowcwe Sefath Ewer", die jüdische Akademie und zahlreiche andere kulturelle und philantropische Gesellschaften — die gesamte russische Judenheit hat in ihm ihren anerkannten Repräsentanten und hingebungsvollen Förderer verloren. Der Verblichene verkörperte die Tradition des Hauses Günzburg, das bei seiner prominenten gesellschaftlichen Stellung doch im wahren Sinne volkstümlich und dessen Wirken mit der Geschichte und den Schicksalen der Juden im Zarenreich während des letzten Halbjahrhunderts eng verknüpft ist. Schlichte Vornehmheit und echter Geistesadel, Charaktcrlauterkeit und allezeit bereite Herzensgüte, tiefe Liebe zu den Brüdern und treue Anhänglichkeit an das überlieferte Judentum und dessen Kulturgüter zeichneten auch Baron David Günzburg aus und gewannen ihm die dankbare Verehrung seiner Stammesgenossen. In seiner letzten Willensäusserung gab er noch einen Beweis seiner bescheidenen, echt jüdischen Denkart, indem er bestimmte, seine sterblichen Reste nicht in der ersten, sondern in der dritten Friedhofsreihe beizusetzen und keine Blumenkränze auf seinen Sarg niederzulegen, da dies nicht den Vorschriften des Judentums entspreche. — Das Hinscheiden des Barons David Günzburg hat in der russischen Judenheit tiefe, allgemeine Trauer hervorgerufen. Es ist ein unersetzlicher Verlust für sie zu einer Zeit, da ihre politische und

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