Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Das portugiesische israelitische Seminar "Ets Haim" in Amsterdam
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 145 - 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Ernst Altkirch: Das Portugiesische Israelitische Seminar' „Ets Hnim" in Amsterdam. 146 Die Bibliothek Ets Haim mit den Bibliothekaren. (David Montezinoä und sein Mitarbeiter T. da Silva Hosa.) ist mir gestattet worden, einen Blick in dieses Buch zu tun. Die erwähnte Liste enthält einen wohlbekannten Namen: Michael Espinoza. Und auf der nächsten Seite ist unter den aufgenommenen Schülern des Jahres 5398 zu finden: Ishac Espinosa fo. de Michael espinoza, Baruch Espinosa fo. dö dito. Der Name Baruch Espinosa ist mit schwarzer Tinte dick durchstrichen, und man sagt, dass dies geschehen sei, nachdem der Bannfluch über ihn ausgesprochen worden war. Noch heute nennt man Baruch Spinoza an der Stätte, die ihn zum Rabbi vorbereiten sollte, den Abtrünnigen, aber man ist duldsamer geworden, und wenn man es auch nicht ausspricht, so ist man doch nicht ohne Stolz, dass aus der Schule, die ..Der Lebensbaum" genannt wird, ein Lebensbaum hervorgegangen ist, der seine Zweige weit hinaus über alle Lande ausgebreitet hat und durch alle Zeiten dauern wird. In den Werken, die über Spinozas Jugend berichten, wurde bisher angenommen, dass er die Talrnud- Thora-Schule seit 1639 besucht habe. Man wird aber 1638 als das erste Schuljahr Spinozas ansehen müssen. Aus der damaligen Zeit sind vier Berichte über die Schule der Amsterdamer Gemeinde vorhanden, von denen derjenige des deutschen Rabbiners Sabbathai Horowitz hier wiedergegeben sei. ..Dicht bei der berühmten prächtigen Synagoge liegt das Schulgcbäude mit seinen sechs Klassen. In jeder Klasse ist ein besonderer Lehrer; in der ersten lernen die Kindel' Hebräisch lesen; in der zweiten die fünf Bücher Moses mit dem dazu gehörigen Vortrag; in der dritten übersetzen sie die fünf Bücher Moses mit dem Kommentar Aron Rashi; in der vierten lernen sie die historischen und prophetischen Bücher der Reihe nach, mit ihrem Vortrag: ein Knabe liest einen hebräischen Vers, erzählt ihn und die andern hören zu usw.: in der fünften lehrt man die Knaben den gesetzlichen Teil des Talmud (Halacha) selber lesen und verstehen; hier sprechen sie nichts als Hebräisch, nur dass die Halacha in die Landessprache übertragen wird. Auch lernen sie hier gründlich Grammatik und täglich eine Abhandlung aus dem Talmud (der Gcmara). Kurz vor einem Feste werden die Gebräuche des Festes im Ritualienbuche studiert. Von hier kommen die Schüler in die sechste Klasse, auf die Hochschule, zum Vorsteher des Rabbinerkollegiums. Hier lernen sie täglich ein Stück aus dem Talmud, dabei genau die Kommentare von Rashi und den Tosafisten verfolgend, und das Disputieren über die Beschlüsse (decisiones) der Gesetzgeber. Sie haben eine reich versehene Bibliothek, die ihnen, zu freiem Gebrauch, im Hause zur Verfügung steht. Die Lehrzeit ist für alle Klassen dieselbe, morgens von 8—11 und nachmittags von 2—5 Uhr, im Winter