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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 125 - 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Die Gestalten des jüdischen Volkshumors
Date
1911-02-01
Page
Seite 125 - 126 (sequence 3)
Language
German
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125 J)r. B. Rohatyn: Die Gestalten des jüdischen Volkshumors. 126 Der Schaclchan schlägt einem für seinen Sohn eine Partie vor. „Was ist der Vater der Braut?" — „Ach, dieser ist nicht am Leben." Nacl: einiger Zeit erfährt der Angeredete, dass der Vater der präsumptivcn Braut im Zuchthaus sitzt und stellt den Schadchan zur Rede. „Du hast gesagt, er lebe nicht; am Ende sitzt er ja im Zuchthaus!" „Ich bitte Euch, wenn einer im Zuchthaus sitzt, kann man das Leben nennen?" Einem Heiratslustigen trägt ein Schadchan eine Partie an. ,,Ach, die kenne ich ja, die hinkt auf einem Bein. Wie sollt ich die nehmen?" — „Siehst du Freund, das ist gerade das Gute. Denk dir, du heiratest eine gerade Frau, und die fällt die Treppe hinab und bricht das Bein, und du rufst eine Menge Aerztc herbei und hast ein Spital im Hause, und leidest mit deiner Frau, und sie bekommt einen Gipsverband und es dauert eine Ewigkeit, bis deine Frau wieder gesund wird, und am Ende hast du eine hinkende Frau. So aber ersparst du dir die Scherereien und die Kosten und findest alles bereit.'*' Einem schlägt ein Schaclchan für seine Tochter einen jungen .Mann vor. „Ach, wie kannst du es wagen, mir diesen da für meine Tochter anzutragen. Der ist ja viel zu hässlich." — „Ist das ein Fehler? Der Tausefes-.Jom-tow war bucklig und verwachsen und ist gleichwohl mit 20 Jahren zum Rabbiner von Prag gewählt worden." J) — „Aber er ist ja ein grosser Amllaarez." — „Ach, wer macht sich in heutiger Zeit elwas daraus! Ist vielleicht Rothschild ein grosser Gelehrter? Wenn ich euch nun den Rothschild für eure Tochter vorschlagen würde? Was würdet 'Ihr dazu sagen?" — „Er ist ja blutarm!" — „Geld spielt bei einem Schidduch gar keine Rolle. Der Ture-Sahaw war so arm, dass er kaum das trockne Stückelten Brot hatte, und war doch einer der Grössten in Israel. Hättet Ihr etwas gegen den Ture-Sahaw als Eidam?" — „Er kann ja aber nicht einmal schreiben." — „Auch mir ein Fehler! Rabbi Josef Saul Nathansolm konnte keine zwei Buchstaben zusammen kritzeln, so dass er sich zur Beantwortung der unzähligen Anfragen, die man aus der ganzen Welt an ihn richtete, einen Schreibor halten mnsste, und dennoch, ich wünschte mir, einen solchen Sohn zu haben! Seht also, ich schlage Euch für Eure Tochter einen Mann vor, der die Eigenschaften der grössten Männer vereinigt, und Ihr seid noch immer nicht zufrieden." „Die Braut, die Ihr mir für meinen Sohn vorschlagt," sprach ein Vater zum Schadchan, „hat ja aber nur ein Auge, auf dem andern ist sie blind." — J) So geht nämlich die Sage, die aber nicht der Wahrheit entspricht. „Ei was, das schadet nichts. Wozu braucht eine Frau viel zu sehen? Es ist zuweilen besser, wenn sie weniger wahrnimmt." — „Sie ist aber auch ein wenig schwerhörig." — „Glauben Sic: mir. je weniger eine Frau hört, desto besser für den Marin." — „Sie kann aber auch nur schlecht sprechen!e< — „Auch mir ein Fehler! Wieviele möchten sich eine Frau wünschen, die gar nicht spricht." — „Sie hat ja aber einen Höcker." — „Hört mal, lieber Freund, einen Fehler darf doch ein Mensch haben!" Ein Schadchan schlägt einem ältlichen Witwer ein junges Mädchen vor. „Ich bin ja um zwanzig Jahre älter als sie, wie kann ich sie heiraten?" — „Schadet nichts, in der Ehe wird sich das schon ausgleichen. Wenn Ihr sie anschaut, werdet Ihr um zehn Jahre jünger; wenn sie Euch anschaut, wird sie um zehn Jahre älter." Einem alten reichen Mann proponiert der Schadchan ein junges, schönes Mädchen zu heiraten. „Ich bin aber doch schon etwas zu bejahrt für solch ein junges Ding." — „0, Ihr könnt beruhigt sein," antwortet der Schadchan. „ In der Ehe werdet Ihr Euch schon verjüngen. Die Frau wird Euch die Jahre kürzen." Ein Schadchan setzt einem reichen Mann, der eine junge Tochter hat, heftig zu, indem er ihm glänzende Partien vorschlägt, da er hofft, an der Sache ein schönes Stück Geld zu verdienen, um seine eigne Tochter ausheiraten zu können. „Ich habe Euch ja schon gesagt, dass meine Tochter noch viel zu jung ist." — „Um Gottes willen, aber meine Tochter ist alt genug!" Zu einem reichen Emporkömmling kam ein Schadchan und schlug ihm für seinen Sohn die Tochter eines wenig begüterten Mannes vor. Der Emporkömmling war entrüstet über solche Anmassung und sandte an die Adresse der anderen Partei eine Grobheit. Mittlerweile verlor der Emporkömmling sein Vermögen und nun erinnerte er sich des ehemaligen Antrages und sandte den Schadchan an den einmal so schroff abgewiesenen Gegner. Der Schadchan brachte ihm alsbald die Kunde: „Er hat mir dieselbe Antwort erteilt, wie Ihr vor einein Jahr." „Vielleicht könntet Ihr doch am Ende auch meinen Sohn unter die Ghuppah bringen." bat der Vater eines mit Grind behafteten Sohnes einen in seinem Metier äusserst geschickten Schadchan. „Ihr habt ja schon so vielen geholfen. — „Ich hab Eurem Sohn mehr als einmal gesagt: heil dir deinen Grind aus, dann fahren wir, eine Braut anschauen. Und was antwortete mir Euer Junge? Wie, wenn mir die Braut nicht gefüllt, sagte er, dann werde ich alle Mühe umsonst verschwendet haben." (Fortsetzung folgt.)

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