Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Die Gestalten des jüdischen Volkshumors
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 2)
- Language
- German
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123 Dr. B. Boliatyii: Die Gestalten des jüdischen Volkshmnors. 124 können. Bauernburschen und Mägde, alte Weiblein und Männlein wussten sich an geringfügige Einzelheiten zu erinnern, die monatc- und jahrelang zurücklagen. Und eine physische Weitsichtigkeit inussten die Leute haben, die schon an das Hellsehen „gottbegnadeter" Besessener gernahnte. In einer Entfernung von nahezu einem Kilometer hatten ältliche Leute ganz genau die feinsten Farbennuancen wahrgenommen und unterschieden. Und alle wussten sie über die „tiefsten Geheimnisse" der jüdischen Religion Bescheid und gaben ihrer festen, unerschütterlichen Uebcrzeugung Ausdruck, dass der anno Mensch auf der Anklagebank den Ermordeten „im Auftrage der Juden" das Blut apgezapft hatte. Mir war, als ob wir alle dort auf der Anklagebank sässen, die besten Männer unter uns, die edelsten und reinsten, aus den vergangenen Jahrhunderten und in der Gegenwart. Ich hatte die Empfindung, als ob brutale, schmutzige und gemeine Hände in allem, was mir und meinen Vorfahren seit Jahrtausenden heilig und teuer war, herumwühlten und es besudelten. Wie viele Tausende mussten in jenen Tagen gleich mir empfinden, und die gleichen Seelcnqualen erdulden! Und der arme Angeklagte, dessen geistige Minderwertigkeit notorisch war, und von dem die Zeugen und die Richter selber aussagten, dass er körperlich nicht befähigt wäre, einem Kind ein Leids anzutun, wurde tatsächlich wegen Doppelmordes zum Tode verurteilt. Und eine ganze sensationshungrige Pressmeute bellte lauten Beifall. Die vereinzelten Stimmen besonnener und redlicher Menschen wurden überschrien, übertäubt von dem tierischen Geheul. Es war, um an Gott und Menscheit zu verzweifeln. Das Wort des Kaisers Nikolaus I. von Russland, der doch wahrhaftig kein Judenfrcund war, kam mir damals öfters in den Sinn: „Wenn es unter den Juden eine Sekte gäbe, die Christcnblut zu Geheimriten gebrauchte, so hätten sie die Juden selber mit Hilfe der Behörden schon längst ausgerottet." Und Hilsner, der sonst ja in keiner Weise eine Idcalgcstalt war, erschien mir von der Gloriole des Märtyrers umflossen. Er war .auscrwählt worden zum unschuldigen Opfer für uns alle. Alle Trostmittel, die dem Juden sonst zu'Geboto stehen, schienen mir zu versagen. Und doch: wie oft hatten''die Vorfahren ähnliches gelitten, und sie hatten es gleichwohl überwunden. Ihr tiefer und fester Glaube hatte ihnen geholfen — aber auch ihre unverwüstliche, unausrottbare Fröhlichkeit, ihre Fähigkeit, zu lachen. Kann man den Kummer und den nagenden Schmerz besser überwinden, als indem man ihn hinweglacht? Ich fing an, mir die Denkmäler des Frohsinns und des Lachens unserer Väter zu vergegenwärtigen, wie sie in ihren humoristischen Erzeugnissen lebten, und so begann ich die Witzwortc und Anekdoten der Juden zu sammeln. Was ich anfänglich mir selber zum Trost und zur Freude unternommen hatte, gewann allmählich ein objektives, wissenschaftliches Interesse. Der Stoff gliederte sich gleichsam von selber organisch, und aus der Masse des Gesammelten tauchten allmählich lebendige Gestalten herauf, die als Schöpfungen der jüdischen Volksphantasic lebensvoll vor mir standen. Ich hatte mich überzeugt, dass der jüdische Volkshumor neben der jüdischen Sage, dem Märchen und dem Volkslied seinen Platz behaupten kann. Einige dieser Gestalten, die die Träger des jüdischen Volkshumors sind, will ich hier vorführen. Die erste, die folgt, sei: Der Schadchan. Er erfüllte ehemals eine sehr wichtige soziale Funktion. Zum Dank dafür war er Jahrzehnte lang der Prügelknabe der aufklärerischen Literatur, die die ihn für alle möglichen wirklichen und imaginären Uebel, wie frühe Heiraten, unglückliche Ehen, unverstandene Frauen und geplagte Ehemänner, verantwortlich machte. Alle die Hiebe haben ihn bekanntlich nicht totgeschlagen, im Gegenteil, er hat sich in die modernen Verhältnisse trefflich hinoingeschickt und sich sogar prächtig entwickelt, hat sich in die Heiratsannonce verwandelt, die grossen Zeitungsvcrlcgcrn jährlich Millionen abwirft. Oder er hat sich zum Hciratsvermittlungsbureau ausgestaltet und verwendet die allcrncusten Verkehrsformen und -mittel im Dienste seines Gewerbes. Trotzdem ist er auch individuell noch lange nicht gestorben, und wenn er die grossen, vornehmen Tagesblätter liest, kann er seinem Namen sogar in hebräischen Lettern begegnen: „Ein Schadchan, -welcher in den vornehmsten Kreisen verkehrt, wird gebeten, sich zu melden." Er darf sich etwas auf seine Unsterblichkeit einbilden. Und auch mit dem Fortschritt der Zeit darf er zufrieden sein. Heutzutage ist er eine Respektsperson; ehemals, auch in den besten Zeiten, da seine Dienste noch ganz unentbehrlich waren, war er eine humoristische Figur. Der Humor gehörte sozusagen zu seinem ernsten Berufe. Das Sprichwort schonte ihn nicht. Es kennzeichnete derb seine Übertreibungen und Vorspiegelungen, deren er sich bedienen musste, um die Parteien zusammenzubringen. Der Schadchan muss von Beruf ein Lügner sein. Den Schadchan straft Gott nicht für seine Lügen (da er sonst nie aus der Hölle herauskäme). Wenn der Schadchan die Parteien zusammengebracht hat, flüchtet er auf den Heuboden (da sie ihn aus Aerger über die gegenseitige Enttäuschung umbringen würden). Hätte der Schadchan die Mittel, um jedesmal zur (versprochenen) Mitgift zuzulegen, so würde er bald im Golde wühlen. Der Schadchan bringt eine Wand mit der andern zusammen, und spricht dann: schlagt euch Kopf an W7and. (Er koppelt Unpassendes zusammen und kümmert sich nicht um das weitere Schicksal der Verbundenen.) Der Schidduch gerät stets nach dem Schadchan. Ein Junggeselle darf kein Schadchan und ein Hund kein Schlächter sein. Wenn die Schadchonim sich zanken, geht die Partie auseinander. Diese wenigen aus den vielen über den Schadchan umlaufenden Sprichwörter haben in den zahlreichen ihm zugeschriebenen Anekdoten ihr Gegenstück, in welchen er als vollendeter Humorist auftritt.