Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Moderne Spruchweisheit
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 3)
- Language
- German
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121 Rabbiner Dr. Kro vier-Oberdorf-Bon fingen: Moderne Spruchweisheit. 122 Verfasser zollen, und deshalb wirkt das „Wetterleuchten" wie Blitzeszucken, weil nichts in ihm entlehnt und geborgt, auch nichts gequält und geschraubt ist, sondern so voll, so frisch, so beherzt es aus dem Leben schöpft, so herzhaft frisch spricht es auch Geist und Gemüt an. Wir müssen für eine solche Gabe dankbar sein und uns freuen, dass ein Arzt nicht bloss die Körper sondern auch die Seelen der Menschen so scharfblickend durchforscht, sodass sein psychologisches Buch allen Gebildeten aufs wärmste empfohlen werden kann. DIE GESTALTEN DES JUEDISCHEN VOLKSHUMORS. Von Dr. 13. Rohatyil. Xaclidruck verboten. Im nachfolgenden will ich den Versuch machen, eine ästhetisch-psychologische und kulturhistorische Analyse des jüdischen Volkshumors zu bieten. 13as dürfte vielleicht einen wünschenswerten Beitrag zur jüdischen Volkskunde liefern. Mehr noch als in seinem Zorn äussert sich das innerste Wesen des Menschen in seinem Lachen und in seiner Lust. Und was vom Einzelmenschen gilt, mag von der Gesamtheit des Volkes in noch viel höherem Grade gelten. Der sogenannte ,,jüdische Witz" ist bekannt, und Sammlungen sogenannter „jüdischer Witze" sind vielfach herausgegeben worden. Der weitaus grössts- Teil dieser jüdischen Witze verhält sich zum wirklichen, echten Volkshumor der Juden, gleich wie der Gassenhauer zum Volkslied, wie die Drehorgolmusik zur Yolksmelodie, wie die klugen Einfälle des Esprit zum Volkssprichwort. Die im zweiten Gliede genannten drei Kategorien sind altererbtes Volksgut, tragen das Gepräge des Volksgeistes und dürfen als Zeugen angerufen werden, wenn man die Eigenschaften dieses Geistes erforschen will. Alles andere ist sozusagen Privateigentum, das Wertlose daran — und das sind 99 % —bleibt auch Eigentum der Urheber, und geht nie in das Bewusstscin der Volksgcsamtheit und in deren geistigen Schatz über und sinkt in die Vergessenheit hinab, selbst wenn es durch den Druck festgehalten wird und für eine Weile eine unverdiente Verbreitung findet. Was insbesondere die sogenannten jüdischen Witze anbetrifft, so sind es zu allermeist Witze, die über die Juden gemacht werden, und über die die Juden allerdings lachen, weil sie gar zu komisch sind. Dieser Kaffeehaus- und Börsenwitz, welcher bisweilen die Leser der Jugend und des Simplizissinius erheitert, würde in den Reihen wirklicher, einfacher Juden nicht das geringste Verständnis finden. Diese würden das Komische daran höchstens als Karikatur empfinden. Als Karikatur würden ihnen insbesondere die furchtbar verballhornten hebräischen Wortspiele erscheinen, die in jenen angeblich jüdischen Witzen durchweg derart verstümmelt und bis zur Lächerlichkeit und Unvorständlichkeit verdreht sind, dass man bei ihrem Anhören unwillkürlich an das jüdische Sprichwort denkt: „Wenn Gott einen Am-Haarez züchtigen will, schickt er ihm ein hebräisches Wort in den Mund!" Vielleicht ist es nicht ohne Interesse und könnte möglicherweise auf das Wesen und den psychologischen Hintergrund des jüdischen Humors überhaupt einiges Licht werfen, wenn ich erzähle, wie ich dazu gekommen bin, überhaupt die jüdischen Anekdoten und Witze zu sammeln. Nicht ein freudiger, sondern ein tieftrauriger Anlass war es, der mich dazu hinleitete. Ich hatte mich der jüdischen Volkskunde, diesem so ganz vernachlässigten Zweig der Wissenschaft des Judentums, seit frühester Zeit zugewandt und aus dem Volksmunde in emsiger Arbeit und rastlosem Suchen viele Tausende jüdischer Volkslieder, Sagen, Märchen, Sprichwörter, sowie Beiträge zum Volksaberglauben, zur Volksmedizin gesammelt, und insbesondere Beiträge zu den Sitten und Bräuchen des Volkes, die an die überlieferte und durch vielhundcrtjährige Ucbung und das geschriebene Gesetz geheiligte religiöse Praxis sich anschliesst und sie umrankt, wie wildwachsender Efeu. Die Anekdoten und humoristischen kleinen Erzählungen, die im Volksmunde leben, und alles, was sich daran anschliesst, hatte ich vernachlässigt. Ich kannte sie natürlich, überging sie aber, und hielt es nicht für nötig, sie aufzuzeichnen. Es kam eine Zeit, da ich bei diesen Erzeugnissen des jüdischen Volkshumors Trost suchte. Das war die Zeit, als in jenem kleinen böhmischen Städtchen sicli der Hilsnerprozcss abspielte. Nie im Leben werde ich die seelischen Qualen vergessen, die ich in jener Zeit erduldete. Hunderte und Hunderte von Meilen von dem Schauplatz jener Gerichtstragödie entfernt, erlebte ich doch alle Martern mit, die jener arme Teufel auf der Anklagebank durchgemacht haben musste. Das war der erste grosse BlutbeschuldigLingsprozcss, den ich erlebte. Während des Xantener Prozess war ich noch zu jung gewesen, um all das Grauenhafte und Abscheuliche voll zu empfinden, das eine solche Gerichtsverhandlung aufwühlt. Jetzt aber litt ich unsagbare Torturen. Da quälten sie einen armen, kranken, schwächlichen, halbblödcn Krüppel und wollten ihm nachweisen, dass er zwei kräftige, hochgewachsene, baumstarke Bauerndirnen nacheinander abgeschlachtet hätte, um ihnen das Blut abzuzapfen, und es tropfenweise an die Judengemeinden von Oesterreich zu versenden, die es unumgänglich nötig hatten, um es in ihre Mazzotli zu kneten. Und sie wiesen es ihm nach. Eine Legion von Zeugen und Zeuginnen marschierte auf, eine seltsame Erleuchtung war über dieses brave, beschränkte Landvolk gekommen, eine geradezu erstaunliche Gedächtniskraft hatte sich ihrer bemächtigt, um die sie grosse Gelehrte, Forscher und Staatsmänner und — Operettenkomponisten hätten beneiden