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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 119 - 120

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Moderne Spruchweisheit
Date
1911-02-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 2)
Language
German
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119 Kabbiner Dr. Krön er-Oberdorf-Bopfingen: Moderne Sprachweisheit. 120 Zeiten und bei allen Völkern gerade die führenden Geister, und unter ihnen besonders wieder die dichterischen Veranlagungen nach Zusammenfassung der Lebenserfahrungen 'gestrebt, dass für uos Deutsche ein Lessing, Herder, Wieland, Schiller, Goethe, Heine usw. aphorismische Gedanken geformt, wie wenn es im gewissen Sinne das Vorrecht poetischer Talente geblieben wäre, sich die Dichtung dieses Lebens in der Form von Axiomen zu veranschaulichen. Der Inhalt dieser Leitsätze bleibt insofern gleich, als die Psyche des Mensehen sich niemals ändert, doch erhält bei den veränderten Lebensformen das Streben derselben neue Ziele und Wünsche, neue Werte und Grössen und so entstehen auch neue Gehalte für die Grundsätze der Lebensweisheit. Daher hat wohl jede Zeit ihre besonderen aphorismischen Gedanken, und sie werden stets ein treues Abbild der dieser Zeit eigenen Lebensanschauungen sein. Unserer Zeit eignet ja ein gewisser revolutionärer Zug, der mit alten Ueberlieferungen gern aufräumt und eine Umwertung der Begriffe vornimmt. Die alten moralischen Werte, die herkömmlichen Tugendbegriffe haben ihre Berechtigung und Wahrheit zum Teil eingebüsst, ein neugeformtes Leben mit neuen Idealen, mit neuen Bedürfnissen, neuen Schmerzen, mit dem ausgesprochenen Zuge nach realem und praktischem Glücke verlangt gebieterisch nach neuen Massstäben einer im Leben selbst quellenden, das Leben bestimmenden und führenden Moral. Diese moderne Moralphilosophie mit ihrer pessimistischen Abkehr von dem traumhaften Idealismus, zu deren Predigern ein Schopenhauer, ein Ibsen, ein Nietzsche und andere mehr geworden sind, füllt naturgemäss unseren Zeitgeist, und ein moderner Aphorismiker wäre nicht geistreich und packend, nicht pikant und prickelnd, wäre eben nicht modern, wenn er sich nicht etwas als ein Kind dieses Zeitgeistes erwiese. Ein Grundton einer solchen Weltanschauung klingt nun auch in dem „Wetterleuchten" an unser Ohr, ich sage, ein „Grundton", denn zum Evangelium ist sie dem Verfasser noch nicht geworden, es ist neben der stummen Resignation doch auch ein lebensfroher, optimistischer Zug, der den alten Idealen die innewohnende Ehrwürdigkeit und Heiligkeit nicht ganz raubt, aber ihnen ebenbürlig an die Seite die neuen Ideale und die Forderung nach neuen moralischen Wertbegriffen stellt. Diese Verbindung von Pietät und Verlangen nach neuen Formen der sittlichen Ordnung lassen in dem Verfasser den noch treu gesinnten Juden erkennen, der mit seinem Herzblute noch an dem Weihhauche seines angestammten Glaubens hängt, der aber auch einer neuen Zeit Eechte auf eine Neuformung ethischer Begriffe einräumt. Diese Mischung macht die Lektüre des Buches zu einer äusserst anziehenden, auf der einen Seite die volle Wertung der echten und wahren Gefühle, der Innerlichkeit und Ehrlichkeit aller Gesinnung, die jeder Kunst und Maske abhold ist, und dabei eine reichlich fliessende satirische Ader, die mit feiner Ironie, oft beissendem Sarkasmus die Ausartungen einer verfeineiten Ueberkultur geisselt, die Gebrechen des gesellschaftlichen Lebens, seine innere Hohlheit und Charakterlosigkeit schonungslos aufdeckt, das Scheinwesen in Religion, Moral, Liebe, Freundschaft, Vaterlandstreue, Fürstentum, Deutschtum, Gelehrtenstolz, Adelsdünkel, Kollegialität usw. verurteilt, die Schwächen der heutigen Justiz, besonders aber der modernen Ehe brandmarkt, auf der anderen Seite die Forderung nach jenem Vollblut- und Kraftmenschen mehr Ibsenscher Art, der selbst als Massstab seines eigenen Wertes kühn und verwegen die traditionellen Schranken überschreitet und eine Moral der Kraft und der schreienden Lebensbedürfnisse fordert. So gestalten sich die Aphoris* men Baers unter der Hand zu Problemen, die sich über die wichtigsten Lebensfragen verbreiten, denen man nachdenken und nachsinnen, zu denen man unwillkürlich Stellung nehmen muss. Und gerade durch die Fülle der Probleme, durch die Vielseitigkeit der Lebensbetrachtungen wird das Buch ganz besonders genussreich. Es gibt kanm ein Lebensgebiet, in das der Verfasser nicht mit psychologischen» Fein- und Spürsinn eingedrungen wäre. Auch die geheimsteh Winkel und Falten menschlichen Seelenlebens sind da erforscht und meistens so tr< ffsicher erforscht, dass das Gesagte wie eine neue Wahrheit, wie eine Art Offenbarung wiikt. Denn das gehört wohl mit zu dem Wesen und der Würze eines Aphorismus, dass nicht Alltags Weisheiten und Binsenwahrheiten geprägt werden, sondern dass stiltgeschwiegene, unausgesprochene und oft wohl uneingestandene Lebenswahrheiten mit festem Griff ans Licht der Welt gezogen und so verblüffend treffend gezeichnet, so haai scharf photographieit werden, dass die gefundene Wahrheit wie eine neue Erkenntnis, eine originelle Entdeckung uns überkommt. Wenn dazu eine blühende und gewählte Sprache kommt, eine präzise und prägnante Ausdrucksweise, eine markige und kernige Wortbildung, wenn der Rhythmus der antithetischen Form die Gedankenspitze geistreich und sicher pointiert, wie es bei dieser Sammlung der Fall ist, dann gemessen wir ein geistiges „Wetterleuchten", das hier und da vielleicht sehr grell belichtet, aber stets belebend, klärend und reinigend wirkt. So tut es dem Ganzen keinen Eintrag, wenn einmal ein Kerngedanke mit der Variation des äusseren Gewandes wiederkehrt, sondern zeugt nur von der sprudelnden Produktivität des Autors. Ebenso ist c s auch versländlich, dass bei dem unveränderlichen Charakter der menschlichen Psyche einige Wahrheiten bereits ihre Vorgänger in der Aphorismenliteratur haben. Es klingt z. B. der Aphor: „In letzter Instanz entscheidet immer ein Gefühl und nicht ein Intellekt" sehr an das Schillersche „Das eigene Ideal" an, ebenso zeigt der Aphor: „Korrektheit ist die Tugend derer, die sonst keine haben" eine nahe Verwandtschaft mit dem Schillerschen „Korrektheit". Doch der Vergleich belehrt uns sofort, dass der Verfasser ohne Vorahnung, ganz originell gedacht und gestaltet hat. Und dieses Lob müssen wir uneingeschränkt durchwegs dem

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